Im blauen Overall und mit müden Augen würdigt Naoto Kan die Frontkämpfer gegen das Inferno von Fukushima. „Sie versetzen sich in eine sehr gefährliche Lage“, sagt Japans Premier. Dann warnt er den Energieriesen Tepco davor den Katastrophenmeiler 1 aufzugeben. „Sie müssen entschlossen sein, das zu lösen“, wird Kan in der Agentur Kyodo zitiert. Wenn Tepco seine verbleibenden Mitarbeiter vorher zurückziehe, drohe der Firma der Zusammenbruch. So kämpfen rund 50 Menschen weiter gegen den drohenden Super-GAU.
Die „Fukushima 50“, so werden sie genannt. Sie versuchen, mit keineswegs dafür gedachten Feuerwehrpumpen große Mengen Meerwassers in die Reaktoren strömen zu lassen. Sie kämpfen darum, elektrische Anlagen oder Pumpen am Laufen zu halten oder zum Laufen zu bringen. 750 Mitarbeiter sind in Sicherheit gebracht worden, sie wissen, dass die zurückgebliebenen ihre Gesundheit riskieren. Dutzende sind bereits verletzt, 11 davon durch eine Wasserstoffexplosion in Block 3.
Am Mittwoch können noch zwei der vier wohl akut vor der Megakatastrophe stehenden Blöcke so gekühlt werden. Es brennt aber mehrfach. Doch einen gezielten Löscheinsatz können die Arbeiter nicht leisten – und müssen sich vorübergehend zurückziehen. Geplante Flüge des Militärs über den Blöcken 3 und 4, um die Brennstäbe mit Wasser und Borsäure zu kühlen, werden abgesagt. Als letzten Ausweg prüfen die Behörden den Einsatz von Löschkanonen.
Warum setzen die Leute ihr Leben aufs Spiel? Angeblich sind sie freiwillig im Einsatz. Eine Rolle mag dabei spielen, dass in der Erziehung der Japaner das Opfer des Einzelnen für die Gemeinschaft eine große Rolle spielt. Dazu mag Zusammengehörigkeitsgefühl in solchen Kraftwerken kommen. „Es gibt einen Sinn für Loyalität und Kameradschaft, wenn man mit den Männern über Jahre trainiert und Schichtwechsel absolviert hat“, sagte ein langjähriger Anlageführer amerikanischer AKWs der „New York Times“. Und der deutsche Arbeitspsychologe Michael Kastner ergänzte im Radiointerview:„Wer nahe dran ist an der Gefahr, der nimmt die nicht mehr so wahr.“
Ein Mann aus der hunderte Kilometer entfernten Präfektur Shimane hat sich sogar freiwillig gemeldet. Der 59-jährige Stromkonzern-Angestellte, der im September pensioniert wird, sagte laut Agentur Jiji Press: „Von jetzt an verändert sich die Geschichte der Kernkraft, und da will ich aus Berufung gehen.“ Die Arbeiter handelten inzwischen „eher aus Pflichtbewusstsein“ als von hehren Zielen geleitet, sagt Baku Nishio vom Nuklearen Informationszentrum, das sich gegen die Atomkraft in Japan einsetzt. „Es ist ein gravierendes Problem, dass das Land sein Schicksal in die Hände einer kleinen Gruppe zurückgebliebener Arbeiter legen muss.“
Wie sind die Chancen der „Fukushima 50“? Nach dem Gau in Tschernobyl starben Dutzende Aufräumarbeiter („Liquidatoren“). Das japanische Gesundheitsministerium setzt den Grenzwert für Arbeiter von 100 auf 250 Millisievert hoch. Am Dienstag registrieren die Behörden in Japan mehrere hundert Millisievert in der Anlage – es folgte große Verwirrung über angeblich noch höhere Werte. Laut Bundesamt für Strahlenschutz können bei einem Strahlenunfall mit 1 bis 6 Sievert unmittelbar unter anderem Übelkeit, Erbrechen, Fieber und Haarausfall folgen – zu den Spätschäden zählt ein extrem hohes Krebsrisiko. Die Arbeiter wechseln sich an den stärker belasteten Anlagenteilen wohl in raschem Tempo ab. Das soll die Belastung vermindern.
„Die Menschen, die in den Anlagen arbeiten, kämpfen, anstatt wegzulaufen“, schreibt Michiko Otsuki in dem japanischen Online-Netzwerk Mixi. Er selbst arbeitete in dem Kraftwerk Fukushima 2 und wurde vor der radioaktiven Strahlung in Sicherheit gebracht. Nun hilft ihm nur noch Beten. „Bitte vergesst nicht, dass dort Menschen sind, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens das aller anderen schützen wollen.“
Diese Männer, sagt ein Experte des Bundesamtes für Strahlenschutz,„verdienen größte Hochachtung“. Sie akzeptierten das Risiko von Strahlen- oder Krebserkrankungen. „Es ist durchaus möglich, dass diese Männer ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen, sich für die Gesellschaft opfern“, sagt der Strahlenschutzfachmann. Die Trupps waren zeitweise gefährlichen Strahlendosen ausgesetzt. „International gilt“, so der Experte, „dass die Bevölkerung nicht mehr als 100 Millisievert pro Jahr ausgesetzt sein soll“. In Japan hat die Regierung den für Arbeiter erlaubten Wert inzwischen auf 250 Millisievert hochgesetzt.
Selbst diese Werte sind offenbar zumindest zeitweise überschritten worden. In der Nähe der Reaktoren sind zeitweise bis zu 400 Millisievert gemessen worden. Inzwischen ist der Wert wieder stark gesunken. Aber die Belastung auf dem Reaktorengelände war hoch genug, um den Anlagenbetreiber zu einem Abzug von 750 Arbeitern zu veranlassen - bis heute durften sie nicht zurückkehren. Wie hoch genau die Strahlungdosis ist, denen die letzten 50 Mann ausgesetzt sind, ist unbekannt. Klar ist aber: Selbst dieser harte Kern musste zeitweise das Gelände verlassen. „Wir kennen Daten die belegen, dass es auf dem Gelände, auch abhängig vom Zeitpunkt, unterschiedlich starke Belastungen gab“, betont der Strahlenschutzfachmann.
Genaue Informationen über die Einsätze der Männer geben Behörden und Betreiber nicht. Es ist allerdings zu vermuten, dass einige von ihnen zumindest auch zeitweise im Innern der Gebäude arbeiten müssen, wo es noch stärker strahlt. Die weißen Anzüge, die sie dabei tragen sollen, werden jeweils nach Ende des Einsatzes abgespült. Sie verhindern, dass die Männer nach ihrem Einsatz strahlende Substanzen vom Gelände nach draußen tragen. Die Schutzkleidung diene nur der Dekontamination, sagte der Experte: „Für den Schutz der Techniker und Ingenieure bringen sie nichts.“
„Arme Schweine“ nennt der Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, Sebastian Pflugbeil, die „Fukushima 50“. „Schutzanzüge helfen nicht gegen radioaktive Strahlung“, sagte er dem Nachrichtensender n-tv und äußerte die Vermutung, dass die Arbeiter bereits jetzt erhebliche gesundheitliche Schäden erlitten hätten. „Die Anlage ist Schrott – ob die da noch Leute verheizen oder nicht“, fügte er hinzu. Er forderte den sofortigen Abzug der Techniker.
Zwar ist den Technikern die Dankbarkeit und Unterstützung der Regierung gewiss. Die Menschen in Fukushima arbeiteten dort, „ohne an die Gefahr zu denken“, würdigt Ministerpräsident Naoto Kan die Arbeiter. Im Online-Netzwerk Facebook gibt es zahlreiche Unterstützergruppen für die Einsatzleute.
Doch nicht überall wird der Einsatz als sinnvoll gelobt. Wie die Tageszeitung „Yomiuri Shimbun“ berichtet, erhebt besonders das Verteidigungsministerium Vorwürfe gegen Tepco und die japanische Atombehörde, nachdem einige Soldaten in Fukushima verletzt und möglicherweise verstrahlt wurden, als sie am Reaktorgebäude 3 arbeiteten. „Sie haben gesagt, dass es sicher ist und wir haben ihnen geglaubt“, sagte ein Ministeriumsvertreter demnach. „Wir verstehen etwas von Strahlenschutz, aber wir sind keine Spezialisten für die Struktur eines Nuklearreaktors.“ Sie hätten Tepco und der Atombehörde daher vertraut.
dapd/dpa/BMO




