Ein gewaltiges Erdbeben hat den Karibikstaat Haiti erschüttert und möglicherweise zahlreiche Opfer gefordert. Es werden Hunderte Tote befürchtet. „Unsere Diplomaten vor Ort haben viele Leichen auf den Straßen und Gehwegen gesehen“, sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums. Das Beben hatte eine Stärke von 7,0 auf der Richter-Skala.

Die Sprecherin einer katholischen US-Hilfsorganisation berichtete nach einem Telefonat mit einem Mitarbeiter in der Hauptstadt Port-au-Prince, dieser befürchte „tausende Tote“. In der Hauptstadt sei Chaos ausgebrochen. Laut einem Bericht eines im Internet übertragenen haitianischen Fernsehsenders stürzten der Präsidentenpalast und viele andere Gebäude ein. Unter anderem seien mehrere Ministerien, das Parlament und Schulen beschädigt.

„Die Toten werden nach Hunderten gezählt werden müssen“, sagte ein Arzt, der bei dem Erdstoß selbst verletzt wurde. Laut Augenzeugen dauerte das Beben länger als eine Minute. Autos seien regelrecht in die Luft gesprungen. Viele Einwohner seien in Panik auf die Straßen gerannt.

Viele Menschen könnten verschüttet worden sein. Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen seien unter den Trümmern begraben. „Die ganze Stadt liegt im Dunklen“, sagte ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Tausende Menschen säßen auf der Straße und wüssten nicht wohin. Weitere Mitarbeiter berichteten, dass Menschen verzweifelt versucht hätten, in der Dunkelheit Verschüttete aus den Trümmern zu retten.

Aus anderen Landesteilen gab es keine Informationen, alle Kommunikationswege waren abgeschnitten. Haitis Botschafter in Washington, Raymond Alcide Joseph, sagte dem Fernsehsender CNN: „Ich befürchte, es ist eine große Katastrophe.“

Auch das Hauptquartier der 9000 Mann starken UN-Friedensmission in Haiti wurde zerstört. Zahlreiche Mitarbeiter würden derzeit vor Ort vermisst, sagte ein UN-Sprecher in New York. Genauere Angaben lägen noch nicht vor, weil die Kommunikation mit Port-au-Prince sehr schwierig sei.

Der haitianische Präsident René Préval und seine Frau überstanden das Erdbeben unbeschadet. Dies bestätigte die First Lady, Elisabeth Debrosse Delatour, nach Angaben von Botschafter Joseph in einem Telefonat. Sie bestätigten, dass der Präsidentenpalast und das Handelsministerium in Port-au-Prince zumindest beschädigt worden seien. „Wenn diese (stabilen) Gebäude beschädigt sind, können sie sich vorstellen, was mit all den wackligen Behausungen an den Hängen rund um Port-au- Prince passiert ist.“

US-Präsident Barack Obama erklärte in Washington, die USA ständen bereit, um Hilfe zu leisten. Die US-Regierung verfolge die Situation genau und stehe bereit, „dem Volk von Haiti zu helfen“. Noch am Abend schickten die USA erste Rettungsmannschaften mit Spürhunden los. Auch sollten umgehend 48 Tonnen Hilfsmaterial in den Karibikstaat gebracht werden. Auch Kanada, Frankreich und mehrere Länder Lateinamerikas boten ihre Hilfe an. Die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) gab ihrerseits 200.000 Dollar (140.000 Euro) Soforthilfe für Wasser, Lebensmittel und Medikamente frei.

Nach dem Hauptbeben wurde Haiti laut US-Erdbebenzentrum von drei weiteren Erdstößen der Stärke 5,9, 5,5 und 5,1 erschüttert. Beim Hauptbeben lag das Epizentrum demnach etwa 16 Kilometer westlich von Port-au-Prince in 10 Kilometer Tiefe. Das Beben habe sich am Dienstag um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 Uhr deutscher Zeit) ereignet.

Auch in der benachbarten Dominikanischen Republik bebte die Erde, es gab nach Behördenangaben aber keine Schäden. Ausläufer waren nach Angaben der US-Armee selbst im 300 Kilometer entfernten Lager Guantánamo auf Kuba zu spüren.

Das Erdbeben war nach Angaben des Geologischen Instituts der USA das schwerste seit 200 Jahren. Es habe zwei schwere Beben im Jahr 1751 und 1770 gegeben, sagte der Geophysiker Dale Grant zu Reuters. „Aber seit damals hat es kein Erdbeben dieses Ausmaßes gegeben.“

Das US-Tsunami-Zentrum löste zunächst Alarm für fast alle Karibikstaaten aus, besonders für Haiti, Kuba, die Bahamas und die Dominikanischen Republik. Diese Warnungen wurden später wieder zurückgenommen.

Haiti, ohnehin das ärmste Land Lateinamerikas, hatte in der Vergangenheit mehrfach mit schweren Naturkatastrophen zu kämpfen. Erst 2008 waren beim Durchzug von vier heftigen Stürmen fast 800 Menschen gestorben.

AFP/Reuters/dpa/cn