Lady Gaga fühlt sich heute nicht wohl. Sie hat es im Hals, er kratzt und sie ist heiser. Und jetzt soll sie nicht nur reden, sondern in wenigen Stunden auch noch in einer Fernsehshow singen. Aber davon lässt sie sich nicht unterkriegen. In einem knappen schwarzen Body und sehr grobmaschigen Netzstrümpfen.
Welt am Sonntag: Lady Gaga, Ihre Lieder handeln alle vom Ruhm, Ihr erstes Album heißt „The Fame“, dabei haben Sie es veröffentlicht, als Sie noch keiner kannte. Von welcher Art Ruhm singen Sie?
Lady Gaga: Es ist nicht die Art von Ruhm, über die man in Zeitungen liest. Es ist der Ruhm, der aus dem Inneren kommt. Ich habe meine Umwelt lange Zeit hereingelegt und alle glauben lassen, dass ich viel berühmter sei, als ich es war.
Welt am Sonntag: Es geht also darum, sich so zu verhalten, dass andere glauben, dass man berühmt sein.
Lady Gaga: Ja. Man benimmt sich so, dass die Leute sagen: Ich weiß nicht, wer sie ist, aber will es unbedingt wissen.
Welt am Sonntag: Eine sehr abstrakte Art von Ruhm.
Lady Gaga: Genau. Es geht nicht um Geld oder tolle Häuser oder solche Sachen.
Welt am Sonntag: In „Beautiful Dirty Rich“ singen Sie „Wir sind wunderschön, schmutzig, reich …, aber wir haben kein Geld“. Können Sie das erklären?
Lady Gaga: Das Stück handelt von mir und meinen Freunden in New York. Wir hatten kein Geld in unseren Taschen, aber wir sind immer ausgegangen, jeden Abend. Wir hatten knallenge Hosen aus Plastik an und haben Stunden damit verbracht, uns die Haare zu machen. Manchmal haben wir auch eine Menge Drogen genommen. Wir fühlten uns einfach wunderschön.
Welt am Sonntag: Ist es wichtig, sich herauszuputzen?
Lady Gaga: Unbedingt. Möchten Sie ein paar M&Ms?
Welt am Sonntag: Kennen Sie das Sprichwort: Wenn es mit der Wirtschaft abwärts geht, ist es notwendig, sich herauszuputzen?
Lady Gaga: Guter Satz.
Welt am Sonntag: Aber Sie haben sich schon immer herausgeputzt.
Lagy Gaga: Immer. Selbst wenn ich schlafe.
Welt am Sonntag: Sprechen wir doch über Ihren musikalischen Hintergrund.
Lady Gaga: Gern. Ich spiele Klavier seit ich vier bin. Vor allen Dingen klassische Musik. Und ich komponiere seit ich 13 bin. Man kann wohl sagen, dass ich eine richtige Musikerin bin. Aber ich mag Popmusik, ich liebe es Popmusik zu produzieren, also tue ich das auch.
Welt am Sonntag: Es gibt eine Aufnahme von „Pokerface“, auf der nur ihr Pianospiel und ihr Gesang zu hören ist. Wollten Sie damit Ihren Kritikern beweisen, dass Sie wirklich eine Musikerin sind.
Lady Gaga: Ich will niemandem etwas beweisen. Wieso sollte ich?
Welt am Sonntag: Warum haben Sie das Stück dann veröffentlicht?
Lady Gaga: Weil ich es kann. Weil es mir gefällt.
Welt am Sonntag: Komponieren Sie am Klavier?
Lady Gaga: Manche Stücke ja, „Pokerface“ allerdings nicht. Und wissen Sie, was ich nicht verstehe?
Welt am Sonntag: Nein.
Lady Gaga: Ich verstehe nicht, dass die Leute annehmen, dass es nur eine Akustik-Version ist. Dabei benutzte ich ganz andere Akkorde, die Phrasierung des ist anders, die Kadenz der Melodie ist ebenfalls anders. Sehr seltsam.
Welt am Sonntag: Bevor Sie zu Weltruhm gekommen sind, hatten Sie in New York eine Show namens „Lady GaGa and the Starlight Revue“. Welche Musik spielten Sie da?
Lady Gaga: Die gleiche.
Welt am Sonntag: Es war eine Burlesque-Show.
Lady Gaga: Pop-Burlesque.
Welt am Sonntag: Aber Sie war Subkultur?
Lady Gaga: Die Show war Subkultur. Und ich war Subkultur. Aber die Musik war immer die gleiche. Sehen Sie, das ist das Rätselhafte an meiner Karriere. Wenn die Leute mich sehen, denken Sie ‚Oh, sie ist so Subkultur, so absolut unangepasst, also muss sie auch wahnsinnig unangepasste Musik machen.’ Aber das ist total falsch. Denn tatsächlich ist es ja so, dass es in der Subkultur total unangepasst ist, angepasste Musik zu machen. Mainstream als Provokation, wenn Sie so wollen.
Welt am Sonntag: Aber jetzt haben Sie es geschafft, mit Ihrem in der Subkultur provozierenden Mainstream-Pop widerspruchslos im angepassten Mainstream zu schwimmen. Wie ist das passiert?
Lady Gaga: Ich habe sehr hart gearbeitet.
Welt am Sonntag: Das tun viele.
Lady GaGa: Ich habe niemals aufgegeben. Und ich bin sehr schlau. Dank meines kulturellen Hintergrunds bin ich in der Lage, meine Musik zu visualisieren. Ich denke, dass es wichtig ist, wie meine Musik aussieht.
Welt am Sonntag: Wer entwirft Ihre Garderobe?
Lady Gaga: Manchmal ich, manchmal ein anderer Designer. Manchmal trage ich auch Mode.
Welt am Sonntag: Sie haben eine Gruppe von Leuten um sich, die Sie „Haus of Gaga“ nennen.
Lady Gaga: Ja, mein Kreativteam. Ich liebe es mich mit kreativen Leuten zu umgeben. Leute, die klug und authentisch sind und wissen, was sie tun.
Welt am Sonntag: Sagen Sie deshalb, dass Pop Kunst ist?
Lady Gaga: Das hab ich nicht gesagt.
Welt am Sonntag: Haben Sie nicht?
Lady Gaga: Ich sagte: ‚Mein Pop ist Kunst’.
Welt am Sonntag: Ach so, warum?
Lady Gaga: Weil ich es sage.
Welt am Sonntag: Sie sagten auch, dass David Bowie und Freddie Mercury ein wichtiger Einfluss für Sie sind. Deren Musik klingt aber ganz anders.
Lady Gaga: Stimmt.
Welt am Sonntag: Aber Sie sind dennoch ein Einfluss. Warum?
Lady Gaga: Es ist das Theater, das Drama, die Philosophie. Beide glaubten an Selbsterhaltung durch Mode. Sehen Sie, es ist für mich schwierig diese Themen zu diskutieren. Jedes Mal, wenn ich etwas dazu sage, werden meine Worte verdreht. Wenn ich sage, dass Bowie mich inspiriert, will ich nicht damit sagen, dass ich wie Bowie bin. Es heißt eher, dass ich mir seine alten Platten anhöre und mir alte Bilder von ihm ansehe, um fast verzweifelt herauszufinden, wie er den Mut dafür aufbringen konnte, das zu tun, was er tat. Und wenn ich das herausgefunden habe, weiß ich vielleicht auch, wo ich meinen Mut herbekomme.
Welt am Sonntag: Verstehe.
Lady Gaga: Es geht um die Bilder, es geht um die Fantasie. Ich erzähle wahrhaftige Geschichten, in denen ein kleines bisschen Lüge steckt. Und dieses kleines bisschen Lüge erlaubt meinen Fans die Flucht aus ihrer Welt. Und gibt ihnen Hoffnung.




