Sommermädchen 2009 – das wäre eine Sendung nach Stefan Raabs Geschmack gewesen. Knapp bekleidete Bikini-Mädchen, die sich quietschend durch Sand und Wasser kämpfen und zwischendurch Zickenkriege austragen: Das wäre ein wahrlich guter Stoff für "TV total“ gewesen. Doch ProSieben-Comedian Raab hat diese Chance leider verpasst. Mehr als einen bösen Spruch bekommt die wohl schlechteste Castingshow des Sommers von ihm nicht hinterher geworfen.

Für andere Formate scheint diese Verjährungsfrist nicht zu gelten: So tief kann kein Sommerloch sein, als dass sich Raab nicht zum Boden durchwühlen, alte Peinlichkeiten und Skandälchen noch einmal hervorkramen würde. Vieles klingt dabei nach kleinkariertem Nachtreten: Wenn die ARD zur Leichtathletik-WM dem Bundespräsidenten einen neuen Vornamen schenkt und ihn in der Bauchbinde mit „Klaus Köhler“ betitelt, dann mag ein Scherz darüber am selben Abend noch seine Berechtigung haben – Wochen später wirkt es nur noch pingelig.

Auch Raabs offensichtlicher Intimfeind, der ZDF-Nachrichtenmann Claus Kleber, bekommt hier Kleinigkeiten vorgehalten: Dass er sich im neuen Studio ungeschickt ins Bild stellt – geschenkt. Dass man in seiner Moderation ein bisschen Haut durchblitzen sieht, muss dem Zuschauer dagegen schon ein dicker roter Pfeil suggerieren, sonst wäre der Fehler gar nicht aufgefallen. TV total macht daraus: „Claus Kleber zieht blank“ – das ist nun wirklich ein bisschen zu weit hergeholt.

Apropos: Das so genannte Sommerloch, das sich auch in den vergangenen Monaten wieder in die Nachrichtenredaktionen schlich, ist eigentlich dafür bekannt, dass unwichtige Dinge als wichtig verkauft werden. Bei Raab werden diese Unwichtigkeiten nun auch noch mit einer dicken Staubschicht versehen wieder aus der unteren Schublade gekramt: Gähnend langweilig. Schließlich wissen wir bereits, dass Michael Jackson tot ist, Michael Schumacher doch nicht in die Formel 1 zurückkehrt und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ihren Dienstwagen mit nach Spanien genommen hat.

Wir alle haben das gelesen, gehört oder gesehen und so wirkt Stefan Raab über weite Strecken wie ein unbeholfener Clown, der die Zeitungen von vorgestern in der U-Bahn liest und die Mitfahrer immer wieder mit lautem Lachen nervt. Hätte er wenigstens danach eine gute Pointe parat.

Nein, die hat Raab nicht – will er auch gar nicht, so der Eindruck. Denn längst schon scheint sich der gelernte Metzger auf andere Talente zu konzentrieren: Das Talent etwa, Talente zu finden. In einem Pakt mit der ARD hat sich der ProSieben-Mann dazu entschlossen, dem Eurovision Song Contest 2010 wieder neues Leben einzuhauchen, Kandidaten dafür sucht er selbst. „Um den Song Contest zu gewinnen, müsste man den gesamten Ostblock zu einem Staat verschmelzen“, tönt Raab. Es soll einer seiner besseren Sprüche bleiben.

Überhaupt: Schon lange ist von der Ursprungsidee der Sendung nicht mehr viel übrig. Das kuriose Fernsehen zeigen – das wollten die Macher von TV Total ursprünglich. Übrig geblieben sind ein paar schräge Einspieler (Westerwelle im Brustton der Überzeugung: „Ich bin für die FDP“) und die noch schrägere Stimme aus dem Off, die jeden Einspielfilm herrlich sarkastisch kommentiert und zum Markenzeichen der Sendung geworden ist.

„Dauerfernsehsendung“ war noch vor dem Sommer bei jeder Show am oberen Rand des Bildschirms eingeblendet – als Reaktion auf die Auflage der obersten Moralhüter, die bei Raabs Sondersendungen zuviel Werbung witterten und das gerne gekennzeichnet haben wollten. Aus „Dauerwerbesendung“ wurde so „Dauerfernsehsendung“ – ein netter Einfall nach Raabscher Manier, doch auch über den lachte man schließlich nicht mehr.

Ebenfalls oft gesehen und doch noch immer wieder neu beschämend: Der TV-total-Erstwählercheck: Junge Menschen, die sich für was-auch-immer vor die Kamera setzen und zu einem Bild von Horst Köhler sagen: „Das ist doch der Bundestrainer.“ Für die Ex-Außenminister Joschka Fischer leicht zu verwechseln ist mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Für die FDP-Chef Guido Westerwelle Bürgermeister von Deutschland ist. Ein paar junge, unverbrauchte Gesichter, die den Zuschauer entsetzt zurücklassen, zerrissen zwischen Mitleid, Wut und Fremdscham. Denn, das hat Raab bereits angekündigt: Die Zitate sind keine Sonderfälle: So unpolitisch scheint eine ganze Generation zu sein.

Hoffentlich greift der Moderator, der in seiner „Schlag den Raab“-Show bislang immer wieder unter Beweis stellte, dass er eigentlich alles kann, nicht mehr allzu lange auf solch alte Tricks zurück. Und so darf man gespannt sein, ob Raab wenigstens beim Eurovision Song Contest mit neuen Ideen ins Rennen geht.