Einen Dienstschluss gibt es für Ingo Thiel und seine 65 Kollegen der Sonderkommission Mirco momentan nicht. Die über 14.000 Überstunden, die die Beamten seit dem 3. September angesammelt haben, sind ihnen gleichgültig. Alle seien bereit, auch über die Weihnachtsfeiertage weiterzuarbeiten. Wo ist Mirco? Wer hat ihn entführt und wahrscheinlich getötet? Das sind die Fragen, die die Ermittler seit fast 100 Tagen umtreiben.

Auch wenn zurzeit nicht mehr täglich Neuigkeiten der Ermittlungen bekannt gegeben würden, laufe die Arbeit auf Hochtouren. „Wir befinden uns derzeit in der Auswertungsphase“, sagt Ingo Thiel. 7700 Hinweise haben die Ermittler erhalten: Aus Namibia, Polen, Georgien und den nahegelegenen Niederlanden haben sich Menschen an die Sonderkommission gewandt.

Täter hatte bislang Glück

Die älteste Hinweisgeberin ist 97 Jahre alt, die jüngste gerade einmal sieben. Thiel ist dankbar für die vielen Hinweise – und hofft auf weitere. Auch wenn die Vielzahl der Tipps und einige selbsternannte Ermittler es den Polizisten nicht einfach machen. Besonders bei dem Zeugen, der den entscheidenden Hinweis auf einen VW-Passat Kombi gab, bedankte sich der Kriminalhauptkommissar ausdrücklich. 800 Autos sind bereits überprüft worden, ein Teil der Spuren wird noch ausgewertet. Und täglich gehen neue Hinweise auf Fahrzeuge der Baureihe „B6“ ein. Über 15.000 Autos finden sich in der Datenbank der Polizei.

Thiel ist sich sicher, dass Mircos Verschwinden nicht nur die Sonderkommission und die Eltern belastet. Auch am Täter gehe das Verbrechen nicht spurlos vorüber: „Das kann man nicht verbergen, das kann man nicht abduschen.“ Der Kommissar hofft, dass Verwandte oder Bekannte des Täters Verhaltensänderungen feststellen und sich melden. „Irgendwo gibt es jemanden, der merkt: Die suchen meinen Freund, meinen Mann oder meinen Vater.“ Die Frage sei nur, wann diese Person bereit sei, sich an die Polizei zu wenden. Auch dass nach seinem Auto gesucht werde, könne den Täter verunsichern. Weil er dem Fahndungsdruck nicht standhalten könnte, werden auch sämtliche Selbstmorde in der Region überprüft.

„Wir schnappen den Täter“, ist sich Thiel sicher. Der 47-Jährige mit dem niederrheinischen Akzent mag klare Worte: „Bisher hat er Schwein gehabt. Aber auch unser Täter hat Fehler gemacht.“ Welche Spuren die Beamten haben, will Thiel nicht genau benennen. Auch zu den neuen Fahndungsmethoden schweigt er.

Einen sogenannten Massengentest haben die Ermittler indes vorerst nicht geplant – offenbar fehlt es am entsprechenden Spurenmaterial. „Wenn ich Sperma, Blut oder ein Haar mit ausgerissener Wurzel habe, habe ich eine hervorragende DNA-Spur. Gehen Sie davon aus, dass wir dies nicht haben“, so Thiel.

Die Ermittlungen sind auch für den erfahrenen Polizisten außergewöhnlich: „Der Fall Mirco ist etwas, das ich noch nie erlebt habe und was ich auch nie wieder brauche.“

Das warten auf den erlösenden Anruf

Der Kriminalhauptkommissar steht im engen Kontakt mit Mircos Eltern. Thiel ist sicht nicht sicher, ob er der Arbeit der Polizei so vertrauen könnte, wenn eines seiner beiden Kinder verschwunden wäre, wie es Mircos Eltern tun. „Die Eltern machen es uns sehr einfach. Sie vertrauen der Sonderkommission. Sie wissen, dass wir gute Arbeit leisten, um irgendwann zu erfahren, was mit ihrem Jungen passiert ist.“

Die beiden Grefrather seien sehr gläubig und auch der familiäre Zusammenhalt helfe ihnen, die Situation zu ertragen. Mirco hat drei Geschwister. Besonders belastend: Die Eltern seien beschimpft worden, weil sie ihren Sohn so spät noch alleine von der Skateranlage nach Hause fuhren ließen. Als er verschwand, war Mirco zehn Jahre alt. Seinen elften Geburtstag musste die Familie ohne ihn feiern.

Ob Mirco zu diesem Zeitpunkt noch lebte, ist unklar. Sein gesunder Menschenverstand sage ihm, dass der Junge tot ist, sagt Thiel. „Aber die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Nach wie vor, geht die Polizei davon aus, dass der Täter aus der Region kommt und dass es sich um ein Sexualverbrechen handelt. Der Täter könnte bereits auffällig geworden sein, nicht aber unbedingt in einem ähnlichen Fall. Weitere Angaben zum Profil, das Fallanalytiker erstellt haben, will Thiel nicht machen. Jugendliche, die noch keine Fahrerlaubnis haben, gehörten genauso zum Kreis der Verdächtigen wie ein 80-jähriger Rentner. Auch wenn der Polizist stets von einem Mann, einem Täter spricht, könne es theoretisch auch eine Frau sein, die für Mircos Verschwinden verantwortlich ist. Dann würde die Tat Kriminalgeschichte schreiben. „Aber das wird dieser Fall eh.“

Auch die Frage nach einem Komplizen bleibt unbeantwortet: „Unserer Ansicht nach hat er die Tat alleine begangen, wir können allerdings nicht ausschließen, dass er Hilfe hatte“, sagte der Soko-Leiter.

Kritisch äußerte sich Thiel zum Datenschutz, zur fehlenden Vorratsdatenspeicherung und zur Zusammenarbeit mit der niederländischen Polizei. „Datenschutz ist Täterschutz“, meint der Soko-Leiter. Zwar könnte die Polizei alle vor Ort wegen Sexualdelikten auffällig gewordenen Täter überprüfen. Doch über zugezogene Straftäter, die sich woanders in Deutschland an Kindern vergriffen haben, haben die Ermittler keine Informationen. „Man wundert sich, was hier alles auf dem Land so wohnt.“ Auch aus den nahegelegenen Niederlanden Daten über Straftäter zu erhalten, sei kompliziert. Auf dem „kleinen Dienstweg“ sei die Zusammenarbeit einfach, das Verfahren des offiziellen Rechtshilfegesuchs sei hingegen langsam.

Die Sonderkommission brauche jetzt vor allem „Zeit und Ruhe“. Wie lange sich die Ermittlungen noch hinziehen könnten, dazu will Thiel nichts sagen. Alle Hinweise auszuwerten, könne bis Juni dauern. Der erlösende Anruf aus der Kriminaltechnik könne aber täglich kommen. Feststeht für den Chef-Ermittler aber eines: Bevor der Täter nicht gefunden ist, wird die Sonderkommission weiterarbeiten: „Wenn wir gehen, dann fehlt hier nicht nur Mirco, dann fehlt noch einer.“

mit dapd und dpa