Wenn Ausnahmetalente wie Whitney Houston und Amy Winehouse mit Drogenexzessen und schweren Depressionen ihrer Karriere ein bedauerliches Ende setzen, ist das eine menschliche Tragödie und ein schwerer Verlust für die Musikbranche.

Helmut Orosz allerdings konsumierte bereits regelmäßig Kokain, bevor er einer breiten Öffentlichkeit als Teilnehmer der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ („DSDS“) bekannt wurde. Und nicht nur das: Eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung steht ebenso in seiner Vita wie etwa zwei Jahre Haftstrafe wegen Körperverletzung. Außerdem trank er bis zu seiner so viel versprechenden Teilnahme an der Castingshow täglich bis zu sieben Liter Bier und wurde vor ein paar Jahren von einem Mitbewohner mit aufgeschnittenen Pulsadern in seiner Badewanne gefunden. Das sagte der gebürtige Braunschweiger der „Bild“-Zeitung. Und dass er jetzt alles besser machen und seine Chance auf Ruhm und Reichtum nicht verspielen wolle.

Bei den Zuschauern von „DSDS“ war Orosz trotzdem – oder gerade deswegen – beliebt. Sie haben ihn entgegen der Meinung der drei Juroren Dieter Bohlen, Nina Eichinger und Volker Neumüller am Wochenende unter die Top-Fünf der siebten Staffel gewählt. Nur eine Stunde später war der Traum von der Gesangskarriere für Orosz trotzdem vorbei: RTL schloss den Soft-Rocker vom Gesangswettbewerb aus, weil er während der laufenden Staffel Drogen konsumierte. „Wir tolerieren keinen Drogenkonsum bei Kandidaten von ‚DSDS’“, erklärte RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer. „Kandidaten sollten sich im Rahmen des Wettbewerbs vorbildlich verhalten. Wir hoffen, dass Helmut professionelle Hilfe in Anspruch nimmt und wünschen ihm alles Gute“.

Dabei setzt „DSDS“ weniger auf Vorbildfunktion, als auf Emotion. Umwerfendes Talent zeigen die wenigsten Teilnehmer. Es sind vor allem ihre Geschichten, die für Furore sorgen: Da war der Transsexuelle Lorenzo Woodard (2003), Hartz-IV-Empfänger Tomasz Godoj (2008) und Annemarie Eilfeld (2009), deren Beliebtheit bei den Zuschauern sich vor allem aus der Tatsache ergab, dass sie bei den anderen Teilnehmern der sechsten Staffel so unglaublich unbeliebt war.

In der aktuellen Staffel sorgte die üppige Blondine Steffi Landerer für mehr Sexappeal. Und Helmut Orosz bediente die voyeuristisch veranlagte Klientel mit unschönen Details aus seinem Privatleben. Sein Leid mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wurde ebenso ausgebreitet wie ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik und der Moment, als er seine Freundin mit einem anderem im Bett erwischte.

Aber auch seine Konkurrenz hatte mit reichlich Skandalen und rührenden Geschichten aufgewartet. Die 22-jährige Ines Redjeb zum Beispiel ist nicht nur schön, sondern auch arbeitslos und allein erziehende Mutter. Oder Menowin Fröhlich (22). Er saß wie Orosz zwei Jahre wegen schwerer Körperverletzung ein und hat bereits drei Kinder – mit seiner Halbcousine.

„DSDS“ sei „nur noch ein inszeniertes Abwatschen armer Seelen, das befriedigt nur die niedersten Instinkte“, sagte Stefan Raab. Das war lange, bevor der Moderator und Entertainer mit „Unser Star für Oslo“ („USFO“) eine neue Qualitätsmarke im durch „DSDS“ und „Popstars“ sozialisierte Castingshow-Deutschland setzte. Es geht also auch anders.

Während nun aber die einen „USFO“ als pädagogisch wertvolle Fernsehunterhaltungsshow und „DSDS“ dagegen als talentfreien Pöbel-Schrott abtun, kontern andere, dass das Pop-Geschäft ein Paradies für eigentliche Verlierertypen sei.

Auch Helmut Orosz hatte sich mit seiner Teilnahme an „DSDS“ ein besseres Leben erhofft. Und das tut er immer noch. In einer Video-Botschaft an seine Fans entschuldigte sich der 30-Jährige zwar dafür, „schwach geworden“ zu sein und verspricht, sich professionelle Hilfe zu suchen. Aber er kündigt auch an, demnächst ein Konzert zu geben und „ein Treffen“ zu veranstalten, bei dem er Autogrammkarten verteilt – als hätte er jetzt nicht ganz andere Sorgen.

Der womöglich einzige wahre Star von „DSDS“ ist und bleibt Dieter Bohlen. An die deftigen Sprüche des Pop-Titans hat man sich nach sieben Jahren „DSDS“ aber gewöhnt. Die harten Schicksale der Kandidaten bewegen das Publikum indes immer wieder. Das kann man nicht nur den konstant guten Einschaltquoten, sondern auch den Fanforen entnehmen. Helmut Orosz hat seit seinem Rauswurf bei „DSDS“ fast 400 neue Fans auf Facebook. Von Verständnis, Unterstützung und Nachsicht ist da in vielen Kommentaren die Rede.

Die Lücke, die Helmut Orosz im Kandidatenfeld hinterlässt, ist aber schon wieder gefüllt. Der bislang skandalfreie Manuel Hoffmann, den das Publikum trotz einer begeisterten Jury am Wochenende aus der Sendung wählte, tritt bei der sechsten Motto-Show wieder an.

Für Orosz empfindet der 19-Jährige Mitleid: „Ich war extrem überrascht, weil ich dachte, er setzt alles daran, das Ding durchzuziehen. Es war schon ein Schock für mich.“ Er wolle jetzt alles geben und der Jury und dem Publikum am kommenden Samstag zeigen, dass er eine zweite Chance verdient habe. Bei „DSDS“ kann gerade das auch schief gehen.