Winnenden-Prozess

Tim K. hatte Ethikunterricht zum Thema Amoklauf

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Miriam Hollstein

Zwei Monate bevor er 15 Menschen und sich selbst erschoss, hatte Tim K. im Unterricht das Thema Amoklauf behandelt. Die Lehrerin sagte nun aus.

Einen Aufsatz sollten die Schüler schreiben. Das Thema hatte Theresia Z., Lehrerin für Ethik und Deutsch an einer privaten kaufmännischen Berufsschule in Waiblingen, vorgegeben: „Verschärfung der Waffengesetze“. Der Aufsatz war der Abschluss einer Unterrichtseinheit zum Thema Amoklauf. Der Schüler Tim K. tat, was die Lehrerin aufgetragen hatte. Auf Menschen dürfe man nicht schießen, schrieb der damals 16-Jährige und dass Regeln eingehalten werden müssten. Zwei Monate später erschoss er bei seinem Amoklauf in Winnenden mit einer silberfarbenen Beretta 15 Menschen und sich selbst.

Am Dienstag hat Theresia Z. im Prozess gegen den Vater von Tim K. vor dem Landgericht Stuttgart ausgesagt. Es geht um die Frage, die im Zentrum des Prozesses steht: Hätte man ahnen können, was Tim K. vorhatte? Die Pädagogin hat es nicht, sagt sie. Im Aufsatz habe Tim K. das geschrieben, von dem er wusste, dass es eine Lehrerin hören will. „Es gab nicht ein einziges Zeichen, das ich hätte lesen können“, sagte Z.

Das Problem des Prozesses gegen den Vater des Amokläufers, Jörg K., ist das vieler Strafprozesse: In der Rückschau fügt sich manches zu einem vermeintlich klaren Bild zusammen. Aber hätte der Freund, dem Tim K. erzählte, dass er unbedingt seinen Berufsschulabschluss schaffen wollte, ahnen können, dass dieser innerlich schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte?

Auch der Auftritt eines anderen Freundes und ehemaligen Mitschülers von Tim K. vor dem Landgericht brachte nicht mehr Klarheit. Gegenüber der Polizei hatte der Junge ausgesagt, Tim K. habe ihm erzählt, er kenne den achtstelligen Zugangscode zum Waffentresor. Vor Gericht war sich der junge Mann jetzt nicht mehr sicher: „Das war wohl eher eine Vermutung“, sagte der 20-Jährige. Hätte Tim K. den Tresorcode gekannt, ohne dass der Vater davon wusste, so würde das Jörg K. möglicherweise entlasten.

Der 20-jährige Zeuge hatte sich mehrfach mit anderen Mitschülern bei Tim K. zu Hause getroffen, um eine Präsentation vorzubereiten. Dabei hätten sie auch im Keller des Hauses mit Softair-Waffen geschossen. „Wir haben versucht, auf eine Zielscheibe aus Pappe relativ mittig zu treffen“, berichtete der junge Mann vor Gericht. Einmal habe der Vater von Tim K. auf Bitten seines Sohnes hin den Jungen Waffen aus seinem Tresor gezeigt. Waffen, das zumindest ist sicher, waren ein häufiges Thema im Hause K.

Seite Mitte September versucht das Gericht unter Vorsitz von Richter Reiner Skujat herauszufinden, ob der Unternehmer Jörg K. seinem Sohn Zugriff auf eine erlaubnispflichtige Schusswaffe sowie Munition ermöglicht hat. Tim K. hatte die Tatwaffe aus dem Schlafzimmer seiner Eltern geklaut. Der Vater hatte sie dort aus Angst vor Einbrechern zwischen Kleidern im Regal versteckt gelagert. Der mit einem Zugangscode gesicherte Tresor mit den restlichen Waffen des Vaters, eines Sportschützen, befand sich im Keller des Einfamilienhauses.

Anfang Dezember war der Ex-Freund der Schwester des Amokläufers vernommen worden. Nach dessen Angaben hatte sich der 51-jährige Angeklagte drei Tage nach dem Amoklauf Vorwürfe über den Aufbewahrungsort der Waffe gemacht. Demnach soll der Vater des Amokläufers gesagt haben: „Die Waffe hätte da nicht rumliegen dürfen.“

Eine Nachhilfelehrerin hat ausgesagt, dass Tim K. „abgrundtief verzweifelt“ war und sich in der Albertville-Realschule, die er vor dem Berufskolleg besuchte, gemobbt fühlte.

Nach Recherchen der Polizei hingegen war Tim K. kein Mobbing-Opfer. Der Junge sei geärgert worden, „wie andere Schüler auch“, hat einer der Beamten vor Gericht gesagt. Schüler und Lehrer hätten Tim K. übereinstimmend als unauffällig und eher passiv beschrieben.

Eine andere Lehrerin, die nach dem Amoklauf psychisch erkrankt war, konnte am Dienstag einen persönlichen Erfolg erzielen. Das Regierungspräsidium Stuttgart hat die Belastungsstörung der Pädagogin als Folge der Tragödie anerkannt. Beim Regierungspräsidium hatte sie sich mit ihrem Antrag auf Dienstunfall zunächst eine Abfuhr geholt und war vor das Verwaltungsgericht gezogen. Dann schwenkte das Regierungspräsidium um.