Der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere empfand einst viel Mitleid für die Küstenbewohner der germanischen Nordsee. „Dort bewohnt ein beklagenswert armes Volk Erdhügel, die man so hoch aufgeworfen hat, wie erfahrungsgemäß die höchste Flut steigt“, heißt es in seinen Aufzeichnungen. Zum Trinken hätten sie nur Regenwasser – nicht einmal Wein. Und bei Flut ähnelten die Bewohner in ihren Hütten Seefahrern, bei Ebbe jedoch mehr den Schiffbrüchigen.
Wie schwer das Leben an der Nordsee mit ihren Naturgewalten, mit Ebbe und Flut, tobender See und Orkanen ist, bringt der friesische Volksmund weniger wortreich als der sonnenverwöhnte römische Chronograf auf den Punkt: „Gott schuf das Meer, der Friese die Küste.“
Seit gut 7000 Jahren gibt es siedlungsgeschichtliche Spuren am Rande jenes kaum zu bändigenden Meeres mit einer maximalen Tiefe von rund 700 Metern, das nicht nur Nordsee, sondern auch Mordsee genannt wird. Erst vor 11000 Jahren entstand sie in ihrer heutigen Gestalt mit den dünenbedeckten kleinen Inseln, die durch den Blanken Hans eine ebenso beständige wie bedrohliche Veränderung erfahren – auf Sylt genauso wie auf Amrum und Norderney.
Längst sind sie beliebte Urlaubsinseln und Domizile für Ferienwohnungen, Norderney sogar seit 1797 das erste deutsche Nordseebad. Die Badebilder der letzten Jahrhunderte zeugen von jeder Menge Spaß. Doch die Region bietet mehr als nur die bekannte Buhne 16, den legendären Nacktbadestrand auf Sylt, oder den zollfreien Einkauf auf Helgoland. Die Küstenlandschaft, wo fruchtbares Marschland die Deiche ablöst, steckt voller Kulturgeschichte, die noch mehr als bisher entdeckt und erforscht werden muss. Noch immer ist in moderner Zeit einem breiteren Publikum wenig über den Alltag der Nordseebewohner bekannt. Allenfalls sind die Wikinger in kollektiver Erinnerung geblieben, die zwischen dem 8. und 11.Jahrhundert expansiv mit ihren Booten über Nord- und Ostsee strebten.
Damit die Nordseegeschichte bekannter wird, begab sich ein Team des NDR-Fernsehens zwölf Monate lang auf Spurensuche. Daraus entstanden ist ein Dreiteiler mit dem Titel „Die Geschichte der Nordsee“. Die erste Folge läuft heute Abend. Der Dreiteiler von Autor und Regisseur Ingo Helm führt von den ersten Zeugnissen der Kulturgeschichte über die beiden Weltkriege bis in die Gegenwart.
Die Geschichte der Nordsee ist, geografisch bedingt, von ganz anderem Kaliber als die Geschichte der angrenzenden Ostsee. Bei ihr geht es um Kooperation und Konzentration – zum Beispiel während der Hansezeit – gewiss auch um Kriege und Konflikte. Das Element der Zusammengehörigkeit und Synthese hat jeweils im nördlichen und südlichen Teil des Mare Balticum eine stärkere Ausprägung erfahren als bei jenen Küstenbewohnern, die wegen der Fluten mit ihren Familien autark auf Erdhügeln hausen mussten.
Die Geschichte der Nordsee ist deshalb keine Chronik der Synthese und Verflechtung, sondern des oft einsamen, aber häufig vergeblichen Kampfes gegen die Naturgewalt, der viele Menschen zum Opfer fielen. Wie bei der Weihnachtsflut von 1717, bei der 12000 Menschen starben und bei der es zu schweren Durchbrüchen auf den ostfriesischen Inseln kam.
Die Menschen versuchten, sich mit Deichen gegen den Blanken Hans zu schützen. Doch wer den Widerstand an Land nicht mehr leisten wollte, strebte hinaus in die Ferne. Für ihn wurde die Nordsee zum willkommenen Vehikel für die Träume von einem besseren Leben. Die Geschichte des roten Feuersteins von Helgoland zeigt, dass bereits vor 5000 Jahren Küstenbewohner die gefährliche Fahrt übers Meer wagten.
Auch im 17. Jahrhundert – noch 200 Jahre vor der großen Auswandererbewegung über den Großen Teich nach Amerika – strebten die Friesen hinaus auf See. Es war die große Zeit der Walfänger. Im Jahr 1632 erblickte auf Föhr Matthias Petersen das Licht der Welt. Natürlich wurde er Walfänger – ein erfolgreicher sogar. Schon im Alter von 20 Jahren kommandierte er ein Walfangschiff, das bis nach Norwegen und Grönland auf Beutezug ging. In Schuten folgten die Fänger den harpunierten Kolossen bei ihren Wogen schlagenden Todeskämpfen, denen nicht selten die Jäger selbst zum Opfer fielen. Für diesen Wagemut konnten sich die Insulaner an Land eine komfortable „gute Stube“, den Pesel, einrichten – mit teurem Porzellan. Und sehr viel Tabak. Petersen verbrachte 60 Jahre seines Lebens auf der Nordsee und starb 74-jährig lebenssatt auf Föhr. Seine Jagdbilanz: 373 erlegte Wale, wie die Annalen berichten.
Wer nicht zur See fuhr, lebte damals davon, was die nährstoffreichen Küstenmarschen hergaben. Ackerbau und Viehzucht konnten dort ganz gut gedeihen – gerade in jener Zeit, als die Dithmarscher Bauernrepublik in voller Blüte stand. Sie hatte als Form großbäuerlicher Selbstverwaltung bis 1559 fast 300 Jahre Bestand und gilt als ein weiterer Beleg für Autonomie und Autarkie der Küstenbewohner.
Einer ihrer Anführer war der zum Protestantismus konvertierte katholische Großbauer Peter Swyn – ein Dithmarscher, auf den die im Hochdeutschen noch heute gängige Redewendung „Das weiß kein Schwein“ zurückgehen soll. Der Absolvent der Universität Rostock war höchstgebildet. Wenn einer seiner Zeitgenossen etwas nicht wusste, hieß es im Volksmund bald: „Dat weet keen Swyn.“ 1537 wurde Swyn nichts ahnend von Auftragsmördern erstochen, wie der NDR-Film berichtet. Die Stele an seinem Grab auf dem Geschlechterfriedhof Lunden stellt die Mordszene für die Nachwelt dar.
Wie stark die Geschichte der Nordseebewohner vom Macht- und Gewaltstreben der Menschen geprägt ist, markieren Helgoland, Wilhelmshaven und Friedrichskoog, das heute bundesweit mit seiner Seehundaufzuchtstation bekannt ist, auf eindrückliche Weise. Mit juristischen Tricks erwarb das nach Großmacht strebende Preußen Mitte des 19.Jahrhunderts so viel Land am Jadebusen, dass damit am 17.Juni 1869 der erste deutsche Kriegshafen an der Jade eröffnet werden konnte – Wilhelmshaven. In den beiden Weltkriegen sollte dieser Hafen eine zentrale Bedeutung bekommen; 1918 begann hier der Aufstand der Matrosen gegen eine Politik, die eine Selbstversenkung der Kaiserlichen Marine betrieb. Die Matrosen rebellierten erfolgreich, denn in Wilhelmshaven begann der Anfang vom Ende des Kaiserreichs.
Ein zivilgeschichtliches Beispiel für das Streben nach Gigantomanie markiert jenes Land, das einst Adolf Hitlers Namen trug. Per Landgewinnung aus dem Meer wurde 1935 in Friedrichskoog (Dithmarschen) mit viel Pomp und in Anwesenheit des Führers der „Adolf-Hitler-Koog“ eingeweiht. Die 1333 Hektar Neuland waren mehr als ein Stück Marsch, das der Nordsee abgerungen worden war. Mit dem Koog, auf dem 10000 Menschen leben sollten, wurde vielmehr ein NS-Prestigeprojekt vollendet. Doch dann kam der Krieg, und der Expansionsdrang richtete sich auf die ganze Welt und nicht mehr auf die kleinen Marschen. Die Neulandhalle, von Hitler als germanische Kultstätte eingeweiht, ist heute ein Jugendhaus der evangelischen Kirche. Und der Hitler-Koog heißt Dieksanderkoog.
Die bedeutendste Chiffre für Militarisierung und Krieg ist freilich Helgoland – jene Insel mit dem berühmten Felsen aus Buntsandstein, der Langen Anna, die heute um ihr touristisches Profil kämpfen muss. Hitler wollte aus ihr einen der größten Kriegshäfen Europas und den wichtigsten Brückenkopf für den Atlantik machen.
Stattdessen fielen im April 1945 rund 7000 britische Bomben auf eine Insel, auf der 100 Jahre zuvor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben die deutsche Nationalhymne gedichtet hatte. Nach dem Bombardement glich Helgoland einer Mondlandschaft. Am 18. April 1947 zündeten die englischen Besatzer auf der Insel 6700 Tonnen Sprengstoff und Munition. Es war die bislang größte nicht nukleare Explosion in der Geschichte der Menschheit.
Die Insel widerstand der Zerstörungskraft. Die Einwohner kehrten 1952 zurück und nahmen Besitz von einem geschundenen Felsen, der bis heute ein Zeichen der Hoffnung vom Überleben in rauer See und rauer Wirklichkeit ist.
„Die Geschichte der Nordsee“: 14., 21. und 28. April, jeweils 21.45 Uhr, NDR














