Morgenpost Online: Herr Stermann, wann sind Sie zum letzten Mal Piefke genannt worden?
Dirk Stermann: Uh, das ist lange her. Wir sind ja jetzt so viele, seit dem Zerfall von Jugoslawien die größte Ausländergruppe, da ist das fast sinnlos geworden. Aber als ich noch beim ORF Nachrichten geschrieben habe, alleine, in einem Kellerbüro, ist mein Chef jeden Tag reingekommen und hat gesagt: „Guten Morgen, Scheipi“. Ich dachte immer, das ist was Liebevolles, aber dann hat mich eine Kollegin aufgeklärt, dass es „Scheiß-Piefke“ bedeutet.
Morgenpost Online: Gelten die Ergebnisse der Mercer-Studie dann überhaupt für Deutsche?
Stermann: Wenn man hart im Nehmen ist, ja. Wien ist ja grundsätzlich wirklich eine der angenehmsten Städte der Welt. Schön, nicht zu groß, und man hat das Gefühl, dass man alles hat, was man braucht. Man ist halt nur nicht extrem willkommen. Es ist, als würde man in einem wunderschönen Haus leben und abends immer rausgeworfen werden.
Morgenpost Online: Was hat Wien, was dafür entschädigt?
Stermann:
Die Stadt ist so unaufgeregt, das mag ich. Nicht so cool wie Berlin, sie sagt auch nie, dass sie sexy ist. Sie ist auch nicht wie Hamburg, so pfeffersackmäßig. Sie ruht einfach in sich selbst. Ich bin immer wahnsinnig stolz, wenn mich Leute besuchen, gerade jetzt, wo überall der Flieder blüht, es ist einfach so wahnsinnig schön, in der Stadt, ringsrum, überall.
Morgenpost Online:
Die Zürcher können nicht verstehen, dass sie von einer Stadt ohne See überholt worden sind. Fehlt Ihnen gar nichts?
Stermann:
Ein See wäre nicht schlecht. Oder ein Meer wie in Vancouver. Wenn Wien am Meer läge, wären wir uneinholbar auf Jahrhunderte.
Morgenpost Online:
Was machen Sie, wenn Sie sich was Gutes tun wollen?
Stermann:
Ich bin da ganz banal, ich kann mich auch über touristische Hotspots wie den Naschmarkt noch freuen. Am Samstag war ich beim Heurigen...
Morgenpost Online:
... eine Art Biergarten für Weintrinker...
Stermann:
Ja, da sitzt man, schaut runter auf die Stadt und trinkt frierend eiskalten Wein. Das ist schon herrlich.
Morgenpost Online:
Wem verdanken die Wiener eigentlich ihren Sieg?
Stermann:
Jedenfalls nicht ihrem Optimismus. Die Wiener halten den Glanz, in dem sie leben, ja kaum aus. Deshalb müssen sie dauernd so tun, als wäre die Stadt eigentlich grauslig und sie selbst ganz arme Schweine. Das kann schon nerven. In Düsseldorf sitzen die Leute sofort draußen, wenn es nicht in Strömen regnet. Die wollen immer alles gut finden. Früher dachte ich, das ist eine dumme Haltung. Jetzt weiß ich es besser.
Morgenpost Online:
Wie ertragen Sie die Wiener dann überhaupt?
Stermann:
Ich kann mit Resignation immer ganz gut umgehen. Ich war aber auch immer sehr nett zu den Leuten, auch zu denen die mir 'einen schönen Aufenthalt in Wien' gewünscht haben – was ja impliziert, dass man bald wieder weg ist. Aber ich habe nie das Bedürfnis gehabt wegzuziehen. Ich mag sogar die Winter, obwohl diese ganzen monumentalen Gebäude dann eine ziemliche Kälte ausstrahlen und irgendwie grau und balkanesisch aussehen.
Morgenpost Online:
Ostblockcharme.
Sterman:
Ja, leider gibt’s den immer weniger. Früher haben Leute, die aus Ost-Berlin kamen, gesagt, dass sie sich hier heimischer fühlen als in West-Berlin. Ende der 70er-Jahre ist man noch nach München gefahren, um zu sehen, wie es im Westen so ausschaut.
Morgenpost Online: Seit Ihrer Ankunft ist viel passiert. Der Eiserne Vorhang ist gefallen, Österreich ist der EU beigetreten...
Stermann: Der EU-Beitritt war für mich sicher die größte Veränderung. Davor musste ich ja jedes Jahr zur Fremdenpolizei, um meinen gelben Ausländerausweis zu verlängern. Mühsam.
Morgenpost Online: Was hat Sie eigentlich 1987 aus dem Rheinland nach Wien verschlagen?
Stermann:
Düsseldorf war mir zu klein, ich wollte Theaterwissenschaften studieren, und ich war in eine Frau verliebt, die in Wien war. Aber die ist dann weggegangen, ich bin geblieben.
Morgenpost Online:
Mitterweile sind sie mit einer Linzerin verheiratet. Ist Wien ein guter Platz, um Frauen kennenzulernen?
Stermann:
Es gibt viele unglaublich schöne Frauen. Wien war ja auch so ein Schmelztiegel. Nur im Unterschied zu New York haben sich hier vor allem depressive Völker getroffen – und zusammen sehr hübsche, aber traurige Menschen gezeugt.
Morgenpost Online:
Die Wiener Melancholie, das Morbide, sind das nicht Klischees?
Stermann:
Vielleicht, aber der Tod spielt hier schon eine große Rolle. Wenn jemand etwas macht im öffentlichen Leben, wird er beschimpft. Aber sobald er stirbt, wird er gefeiert. Das war bei Thomas Bernhard so, bei Falco, bei Haider. Der Tod macht aus den Österreichern Helden.
Morgenpost Online:
Wollen Sie auch hier begraben werden?
Stermann:
Ich hab irgendwann den Kulturstadtrat von Wien gefragt, wie es mit einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof ausschauen würde. Die sind nämlich gratis.
Morgenpost Online: Und?
Stermann: Er hat gesagt, die sind gefragter als Professorentitel, und dass man tot sein muss, damit darüber verhandelt werden kann. Da habe ich gesagt, na gut, dann will ich doch lieber am Rhein begraben werden.
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