Wenn sie an die niederländische Königin denken, haben die meisten Deutschen den Auftritt von Hape Kerkeling im Kopf: Wie er als Beatrix verkleidet während eines Staatsbesuchs am Schloss Bellevue vorfährt, zum „lecker Mittagessen“ beim Bundespräsidenten. Das war natürlich lustig, aber es lenkt einfach ab von dieser Frau.
Was schade ist, denn Beatrix, die heute 70 Jahre alt wird, ist kein fleischgewordenes Mittelalter, keine Ikone einer vergangenen Zeit des Kolonialismus, des Imperialismus, eines längst untergegangenen Weltreichs. Beatrix ist anders als Elisabeth II., in deren Schatten sie steht. Sie ist so bürgerlich, wie eine Königin nur sein kann, so demokratisch, so volksnah, dennoch voller Würde. Und ihr Volk liebt sie dafür. Von ganzem Herzen.
Dabei müsste den wunderbar unkonventionellen Niederländern nichts fremder sein als dieses ganze Zeremoniell einer Monarchie. Wäre das niederländische Königshaus wie das englische, hätten die Niederländer es wohl schon abgeschafft. Es ist Beatrix’ Verdienst, dass die Monarchie in den Niederlanden derart gefestigt ist. Die Königin hat sich die Liebe und den Respekt ihres Volkes nämlich verdient, nicht wie ihren Titel geerbt.
Wie 1965, als die damalige Kronprinzessin den deutschen Diplomaten Claus von Amsberg auf einem Polterabend in Hessen kennenlernte, sich verliebte und ihn heiraten wollte. Für die Niederländer war das 20 Jahre nach Ende des Krieges, als wenn mit einem Male alle Deiche gebrochen wären.
Beatrix setzte die Hochzeit durch, doch heiratete sie in Amsterdam, statt wie im Königshaus üblich in Den Haag. Amsterdam war im Krieg Zentrum des Widerstandes gegen die deutsche Besatzung gewesen. Beatrix nahm so Rücksicht auf die Gefühle ihrer Untertanen, auch wenn sie sie nicht teilte. Sie brachte ihrem Volk Respekt entgegen. Wie sollte es sie da nicht respektieren?
Zumal sich Prinz Claus als Glücksgriff erwies, weil er ganz anders war als seine temperamentvolle und legendär ungeduldige Frau. Ruhig, bescheiden, beinahe ein bisschen traurig wirkte der zum Prinz der Niederlande geadelte Mann auf den Hochzeitsfotos und später bei Staatsbesuchen. Nur bei den offiziellen Fotos mit den drei Söhnen Kronprinz Willem-Alexander (1967), Johan Friso (1968) und Constantijn (1969) lächelte er. Als Claus im Sommer 2002 an den Folgen einer Parkinson-Erkrankung starb, weinte das ganze Land mit der königlichen Familie.
Beatrix hat sich immer eingemischt. Als Mitglied der Regierung war sie nie bloß Repräsentantin, Monarchin, Staatsoberhaupt, sondern immer auch Gestaltende, die ihrem Land dienen wollte. Damit kennt sie sich aus – sie hatte in Leiden Soziologie, Rechtswissenschaften und Staatsrecht studiert. Sie ist engagiert. Deshalb fällt es ihr auch schwer, immer unparteiisch zu sein, wie sie in einem Fernsehinterview einmal einräumte.
So brachte sie die niederländische Regierung in arge Schwierigkeiten, als sie sich 1986 gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen aussprach und 1988 in einer Weihnachtsansprache den Umweltschutz auf die politische Agenda setzte. Es rumorte auch heftig in der niederländischen Seele, als sie 1995 in der Knesseth bekannte, dass der Widerstand der Niederländer während der deutschen Besatzungszeit „nicht allgemein“ gewesen sei.
Auch in ihrer jüngsten Weihnachtsansprache griff die Königin ein politisches Thema auf. Sie warnte vor Vorurteilen und falschen Zuspitzungen in einer gesellschaftlichen Debatte. Unausgesprochener Adressat waren rechte Politiker und deren Kritik am Islam.
Einer der Protagonisten der Debatte geißelte den „Multikulti-Unsinn“ der Königin daraufhin und forderte, sie aus der Regierung zu entfernen. Besser kann man sich in den Niederlanden nicht ins Abseits stellen. Denn für die Niederländer ist die Königin Inbegriff moralischer Integrität. Im Gegensatz zu den Politikern. Ob Beatrix in diesem Jahr ihrem Sohn den Thron überlässt, ist unklar. Der Königinnentag am 30. April böte sich eigentlich an.




