ARD-Late-Night

Harald Schmidt zeigt die ersten Schwächen

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Jens Steffenhagen

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Nach dem fulminanten Start zeigen sich nun die ersten Mängel in der neuen Show von Harald Schmidt: Dieses Mal gab es zwar viel Polit-Kabarett, dafür aber wenig geniale Szenen. Der Altmeister stemmte die Sendung größtenteils allein – doch kam manchmal ganz schön bieder rüber.

Die ersten beiden Sendungen starteten furios: Mit unglaublicher Geschwindigkeit raste Harald Schmidt durch ein Feuerwerk absurder Einspieler und quasi-pantomimischer Sketche, die ihren Höhepunkt in dem genialen Abschiedsgruß an seinen ehemaligen Partner Oliver Pocher fanden . Dass „der weiße Afghane“ Pochers Ex Monica Ivancan mal eben zum Gegenstand einer überaus ekligen Performance machte, war Nachtreten à la Schmidt: abgründig böse – und urkomisch.

Derartige Highlights fehlten in der dritten Show. Zwar absolvierte Schmidt sein Kerngeschäft, die lässig aus dem Handgelenk geschüttelten Pointen, gewohnt souverän. Es wurde jedoch klar, dass der 52-Jährige erst richtig auf Touren kommt, wenn er sich an seiner Umgebung abarbeiten kann – sprich seinem kongenialen Team und Gästen, die Persönlichkeit mitbringen.

„Ich habe die Sendung kaputt gemacht, und Harald war der Gute“ erkannte Oliver Pocher unlängst bei der Vorstellung seiner eigenen neuen Show auf Sat.1. Da ist was dran, nun versucht Schmidt mit aller Macht, der Welt zu zeigen, wie Late Night aussieht, wenn er wieder alleine am Ruder steht. „Eine Kultursendung, bezahlt aus dem Unterhaltungs-Etat“ will Schmidt machen, wie er in einem Interview vor der ersten Sendung erklärte. Das war nicht zu übersehen: Manche Szenen der Auftakt-Shows, etwa der getanzte Steinmeier, erinnerten schon an Produktionen von Alexander Kluges Intellektuellensendung " dctp ".

Ganz anders das Programm am gestrigen Abend: Der „Englischlehrer von Guido Westerwelle“, wie Schmidt sich launig vorstellte, lieferte schnöde Hausmannskost: Wahlwitze über die SPD, die größtenteils aus zotigen Kosenamen bestanden (Münte „der deutsche Flavio Briatore“, Nahles „die rote Walz aus der Pfalz“ und „Siggi Pop“ Gabriel) und Recycling vergangener Sendungen: „Merkel und Westerwelle verstehen sich gut. Die Frage ist nur: Wer liegt im Kanzleramt auf dem Schreibtisch, wer leckt aus dem Bauchnabel?“

Der Einspieler von Katrin Bauerfeind, der die wichtigtuerischen Präsentationsformen mancher Politikberichterstattungen persiflierte, war genauso lahm, wie der Witz, den Schmidt dem unlängst wegen ausländerfeindlicher Bemerkungen in der Kritik stehenden CDU-Mann Jürgen Rüttgers widmete: „Kommt 'n Rumäne zur Frühschicht...“

Die Politik stand in der ersten Sendung nach der Wahl natürlich im Mittelpunkt, alle Parteien wurden abgearbeitet. Doch reicht dieses Polit-Kabarett nicht aus, um die hohen Erwartungen zu erfüllen. Der Wert seines jungen Teams für die Sendung wurde deutlich, als Jan Böhmermann eine weitere Episode seiner genial-grotesken Interview-Reihe ablieferte. Musste in der letzten Sendung die Linke Sahra Wagenknecht Böhmermanns verstörende Grins-Mimik über sich ergehen lassen, so war diesmal Verdi-Chef Bsirske dran. Als vorgeblicher Imageberater wollte Böhmermann den Gewerkschafter fit für Schwarz-Gelb machen. Bsirske sackte im Laufe der Konfrontation immer weiter in sich zusammen, während der Schmidt-Getreue zu getragener Musik über die Zukunftsfähigkeit des „vokallosen“ Nachnamens seines Gegenübers räsonierte.

Schmidts Vorhaben, als Geschichtenerzähler eine recht belanglose Szene, die er und sein Team in Dresden erlebten, aufleben zu lassen, scheiterte dagegen. Auch der folgende Smartphone-Test war nicht lustig: Vier verschiedene Modelle wurden mit einer Maß Bier übergossen, um zu sehen, ob sie dann noch funktionieren. Derartige Ideen entsprechen dem Prinzip Hoffnung: Herr, schick einen spontanen Einfall vom Himmel, der das müde Konzept aufwertet. Der kam jedoch nicht, es zog sich.

Und dass der Gründer des Social Media Networks „ StudiVZ “, Ehssan Dariani, zu Gast war, muss als Rückfall in alte Zeiten verstanden werden. Dabei hatte Schmidt doch vor dem Neustart erklärt, er werde sich „keine Popsternchen“ mehr antun. Der 29-Jährige entsprach jedoch genau dieser Kategorie. Es war sein erster Auftritt in einer Talkshow – man merkte es. Hibbelig und überdreht langweilte er die Zuschauer mit hastigen Monologen à la „ich hab wahrscheinlich zu wenig Aufmerksamkeit als Kind bekommen.“ Schmidts nette Replik: „Komisch. Dabei sind Sie ein Typ, der zuhören kann.“

Dass ihm sein Gast und damit auch die gestrige Show selbst nicht geheuer war, merkte man Harald Schmidts bei der Verabschiedung an. Gedankenversunken murmelte er angesichts von Darianis endlosen Ergüssen über den Iran: „Ich wünsche mir mal eine Sondersendung: Nur Peter Scholl-Latour und Sie!“ Das wäre wünschenswert. Schmidt dagegen braucht Leute um sich, die mitmachen und sich mit ihm die Bälle zuspielen. Sonst steckt er bald zum dritten Mal mit seiner Show in der Sackgasse.