Das Interview in der Berliner Hotellobby dauert eine Dreiviertelstunde. In dieser Zeit begrüßt Helge Schneider sieben vorbeilaufende Menschen, darunter seinen Schlagzeuger, ein Paar („Wer die jetzt sind, weiß ich auch nicht mehr“) und eine Kellnerin. Helge Schneider ist so höflich, dass es schon fast lästig ist. 52 Jahre alt ist er, Unterhaltungskünstler, Film- und Theaterregisseur, Schauspieler, Jazzmusiker und Schriftsteller. Sein Liebesroman „Eine Liebe im Sechsachteltakt“ erscheint am Montag.
Morgenpost Online: Herr Schneider, wir wollen über die Liebe reden.
Helge Schneider: Ja?
Morgenpost Online: Wegen Ihres neuen Romans, eines Liebesromans.
Schneider: „Eine Liebe im Sechsachteltakt“.
Morgenpost Online: Ja.
Schneider: Ich weiß nur, dass der bald rauskommt.
Morgenpost Online: Wir könnten ja mal damit anfangen: Wie viele Heiratsanträge haben Sie eigentlich schon gemacht?
Schneider: In dem Buch?
Morgenpost Online: In Ihrem Leben!
Schneider: Einmal, damals, als ich wirklich auch geheiratet habe. Da dachte ich: Heiratsantrag, wie geht das denn? Früher ging man ja immer zu den Eltern der Braut.
Morgenpost Online: Waren Sie oft verliebt?
Schneider: Früher mal. Wie Grönemeyer gesungen hat. So Schmetterlinge im Bauch. Wenn man seine Frau liebt, erlebt man das manchmal. Manchmal aber auch nicht. Verliebt wie ein junger Hund, der sehr aufgeregt ist, da bin ich vielleicht zu alt zu. Man hat ja auch viel zu viele irdische Dinge im Kopf.
Morgenpost Online: Geldverdienen zum Beispiel.
Schneider: Zum Beispiel. Sich verlieben ist ja so abgehoben.
Morgenpost Online: Bekommen Sie viel Fanpost von Frauen?
Schneider: Eigentlich nie. Tokio Hotel bekommt viel Fanpost. Manchmal bekomme ich allerdings Malereien von Kindern. Die malen dann mich und einen Igel.
Morgenpost Online: Wieso einen Igel?
Schneider: Was weiß ich? Manches schmeiß’ ich weg. Manches heb’ ich auf. Man muss das verstehen, die Leute suchen halt Kontakt.
Morgenpost Online: Sie können in Ihrer Heimatstadt Mülheim aber unbehelligt herumlaufen, oder?
Schneider: Eigentlich ja. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute trotz fehlender Distanz immer noch eine Distanz im Kopf haben. Das ärgert mich.
Morgenpost Online: Inwiefern?
Schneider: Manchmal kommen Leute auf mich zu und fragen: „Hey sind Sie nicht Schneider?“ Ich sag’: „Ja, bin ich.“ Dann sagen die zu ihrem Partner: „Hey, das isser.“ Und dann sagt der Partner: „Nee, das stimmt nicht. Komm, wir gehen mal weiter.“ Aber das gehört dazu.
Morgenpost Online: Zum Prominentsein.
Schneider: Ja. Man lebt ja davon. Du kannst nicht auf der Bühne sagen, ich finde euch toll, und auf der anderen Seite, wenn einer mal kommt, sagen, hau ab, du Arsch.
Morgenpost Online: So was gibt’s?
Schneider: Ich glaube schon. Aber ich habe festgestellt, dass die guten Leute, die in der Lage sind, den Menschen ein Gefühl zu vermitteln, immer umgänglich und nett sind. Tony Marshall zum Beispiel.
Morgenpost Online: Ein ganz normaler Mensch...
Schneider: Kannst du immer ansprechen.
Morgenpost Online: Der spricht die Leute selber an...
Schneider: ...und bittet sie um ein Foto. Das kann auch sein. Nein, man kennt doch vermeintliche Stars, die um sich herum eine Blase aus Security bilden. Das wäre nichts für mich.
Morgenpost Online: Da haben Sie Glück, dass Sie nicht Britney Spears sind.
Schneider: Was mit der passiert, würde in Deutschland nicht passieren. Das gibt es nur in Amerika.
Morgenpost Online: Wieso?
Schneider: Die Geschichte mit dem Entmündigen.
Morgenpost Online: Eine traurige Angelegenheit.
Schneider: Ich denke schon. Weil sie ist da ja reingeboren worden. Von ihrer Mutter. Und sie hat immer funktioniert und hat auch gut gesungen. Aber mir war schon ganz zu Anfang aufgefallen, dass da jemand ist, der eigentlich gerne frei wäre. Und dass es einen Apparat drum herum gibt, der das nicht zulässt. Als alter Hase weiß man das.
Morgenpost Online: Sie ist tief gefallen.
Schneider: Ich finde das ja überhaupt nicht negativ, wenn jemand sich die Haare abrasiert. Das machen viele Jugendliche.
Morgenpost Online: Sie auch?
Schneider: Ja. Als ich 25 war, wollte ich auch mal gucken, wie ich mit Glatze aussehe.
Morgenpost Online: Und?
Schneider: Gut natürlich! Aber ich fand mich scheiße. Aber das sind so pubertäre Geschichten.
Morgenpost Online: Verstehen Sie die Kandidaten von „Deutschland sucht den Superstar“?
Schneider:
Überhaupt nicht. Ich kann verstehen, dass Leute ein Star werden wollen. Aber das wirklich Lustige ist ja, wenn Leute sich negativ präsentieren. Für die aber ist das nicht lustig.
Morgenpost Online:
Wie finden Sie die Sendung?
Schneider:
Ich guck’ die nicht. Ist mir zu langweilig. Ich hab’ viele Sachen zu tun, ich habe ein Klavier zu Hause und einen Kamin, da guck’ ich rein. Demnächst will ich in Urlaub fahren.
Morgenpost Online:
Wohin?
Schneider:
Spanien oder so. Aber wir müssen dann eine Woche vorher anfangen zu packen.
Morgenpost Online:
Für wie viele Leute müssen Sie denn packen?
Schneider:
Vier inklusive Hund.
Morgenpost Online:
Der Hund ist immer dabei?
Schneider:
Ja. Hier in Berlin-Mitte ist es ja blöd mit Hund.
Morgenpost Online:
Warum?
Schneider: Hier sind nur Bäume in Tontöpfen. Und wenn der da reinmacht¿... Wir haben einen sehr großen Hund!
Morgenpost Online: Berlin-Mitte halt.
Schneider: Man könnte den Pflanzen hier mehr Luft lassen. Ich als gelernter Landschaftsgärtner kann da nichts mit anfangen.
Morgenpost Online: Dann wäre das Dschungelcamp für Sie doch ganz schön gewesen. Da gibt es viel Natur!
Schneider:
Ich war ja schon immer ein Fan von Bata Illic. Mich hat gewundert, warum der da mitmacht.
Morgenpost Online:
Wurden Sie auch gefragt?
Schneider:
Weiß nicht. Ich habe Sekretärinnen. Die blocken so was einfach ab.
Morgenpost Online:
Sie würden nicht mitmachen?
Schneider:
Niemals. Aber es ist ja nicht ausgeschlossen, dass jemand, der das macht, ein netter Kerl ist.
Morgenpost Online: Siehe Bata Illic.
Schneider: Oder Michaela Schaff¿rath, die ist auch ein nettes Kerlchen. Auch dieser Torwart da, wie heißt der noch mal?
Morgenpost Online: Eike Immel.
Schneider: Heike?
Morgenpost Online: Eike!
Schneider: Ja, der ist auch nett. Die Sendung ist natürlich unnötig, aber ein unheimlicher Straßenfeger.
Morgenpost Online: Viele verbinden mit Ihnen eine gewisse Exzentrik. Hatten Sie die schon als Kind?
Schneider: Ich wollte immer so etwas outside sein. Ich wollte zum Beispiel nicht mit den Eltern spazieren gehen, lieber allein. Ich hab’ dann so getan, als ob ich allein wäre. Aber das machen viele Kinder.
Morgenpost Online: So getan?
Schneider: So tun, als würde man im Wald allein spazieren gehen, mit sechs Jahren, als wären die Eltern nicht dabei. Ich wollte auch früh was ausgleichen. Wir waren ja nicht reich, mein Vater war sehr klein. Dieses Bild, das wir nach außen dann abgegeben haben, war so außergewöhnlich, dass ich meinte, noch was draufsetzen zu müssen. Zumal ich ja auch rote Haare hatte. Als Rothaariger war man damals schon außergewöhnlich. Ich wollte durch absurdes Gehabe das andere vergessen machen.
Morgenpost Online: Wie äußerte sich das denn?
Schneider: Ich hab’ mir vielleicht mal einen komischen Gang überlegt. Musik. Stimmen. Verkleiden. Ich bin sehr oft gerannt früher. Ich hab’ auch Karl May gelesen.
Morgenpost Online: Das ist jetzt nicht so exzentrisch.
Schneider: Doch, dadurch wendet man Praktiken, die man da gelernt hat, in unserer Neuzeit an. Wie zum Beispiel das ausdauernde Laufen, das nach Karl May vereinfacht wird, wenn man das Gewicht immer nur auf das linke Bein legt und dann, wenn es nicht mehr kann, auf das rechte. So wird immer ein Bein geschont. Ich hab’ das dermaßen falsch verstanden, ich bin dann zur Schule gerannt, indem ich auf dem rechten Bein gehüpft bin und dann wieder auf dem linken Bein.
Morgenpost Online: Sie waren ein Einzelgänger?
Schneider: Als Rothaariger hast du nichts zu lachen.
Morgenpost Online: Spitznamen?
Schneider: Rotfuchs, oder Rotkohl. Rote Haare hieß: mit dem Teufel im Bunde. Das zog sich noch bis in die 70er-Jahre. Mit Rothaarigen spielt man nicht. Da hieß es „Komm mal lieber rein“, wenn die mit mir oder meiner Schwester spielen wollten. Das war damals so.
Morgenpost Online: Haben Sie darunter gelitten?
Schneider: Na klar. Da entwickelt man aber eine Gegenkraft.
Morgenpost Online: Hat damals jemand auch Angst um Sie gehabt?
Schneider: Schon. Als ich in die Pubertät kam. Als ich mit 13 angefangen habe zu rauchen zum Beispiel. Wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, so berühmt zu werden, dann wäre die Angst auch belohnt worden. Aber so ist meine Persönlichkeit auch nicht. Irgendwas hätte ich schon gemacht.


