Unglück

Die Ramstein-Katastrophe und die Folgen

Morgen jährt sich das Ramstein-Inferno. Doch auch 20 Jahre nach der Katastrophe leiden Angehörige der Opfer noch unter den Folgen. So erlebte die Familie Klein beispielsweise viel "Opferneid" und was es bedeutet, Trost im Glauben zu finden.

Foto: Tim Wegner

Am Tag bevor es geschah, hat Axel sein Zimmer aufgeräumt. Mit mehr Hingabe als sonst. Unordentlich war er nie, aber diese Gründlichkeit war dann doch seltsam. Einen Pinsel wollte er haben, für die Zwischenräume des Heizkörpers. Alle seine Unterlagen und Zeugnisse hat er sortiert, einzeln in Klarsichtfolie abgeheftet. Und danach sein Auto geputzt. Wollte er alles ordentlich hinterlassen?

„Es gibt für uns keine Zufälle mehr“, sagt Axels Vater Dieter Klein. Ursula Klein nickt. Ein Zufall darf es nicht sein, der ihren damals zwanzigjährigen Sohn so plötzlich aus dem Leben riss. Hinter der unfassbaren Banalität dieses Zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort-Seins muss es etwas geben, eine rätselhafte Notwendigkeit, einen göttlichen Verstand, mit dem man besser seinen Frieden macht – vielleicht weil man sonst den eigenen verliert.

Als es geschieht, an jenem 28. August 1988, sitzt Axel auf einem Campingstuhl, ganz dicht an der Rollbahn, den Blick in den Himmel gerichtet. Er hat keine Zeit, sich umzudrehen, aufzustehen, sein Gesicht abzuwenden, wegzulaufen. Die Druckwelle schleuderte ihn auf den Rücken, der Feuerregen verbrennt 60 Prozent seines Körpers.


Als es geschieht, steht sein Vater Dieter mit einem Familienfreund nur 200 Meter von ihm entfernt, etwas abseits des Gewühls. Rund 350.000 Menschen sind auf die Air Base Ramstein gekommen. Der Flugtag in der Westpfalz hat Tradition. Aus ganz Deutschland und den Nachbarländern ist man angereist, um die spektakulären Flugmanöver zu bestaunen, das ganze in amerikanischer Volksfeststimmung, Barbecue inklusive.


Wenn Dieter Klein über das Unglück spricht, blickt er ins Nichts, konzentriert sich auf jenen Film, der seit zwanzig Jahren – ohne unscharf geworden zu sein – in seinem Kopf abspielbar ist. Heute läuft er – Gott sei Dank – nicht mehr in der Endlosschleife. „Wir hatten gerade einen Hamburger gegessen, mein Sohn ist dann mit einem Freund weiter nach vorne gegangen“. Gegen 15.30 Uhr setzt die italienische Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ zu einer waghalsigen Flugfigur an: Das „durchstoßene Herz“. Die zehn Jets fächern sich auf, neun fliegen nach einem Looping aufeinander zu, der zehnte soll von der Seite zwischen ihnen durchfliegen. Doch der Solopilot Ivo Nutarelli erreicht den Kreuzungspunkt zu früh und in zu tiefer Flugbahn und kollidiert mit der von links kommenden Formation. Zwei Maschinen zerschellen parallel zu Startbahn, der Unglückspilot schlägt 50 Meter vor der Absperrung auf und explodiert. Eine Walze aus Feuer und Wrackteilen rast in die Menge.

„Es war kein lauter Knall, eher ein dumpfes Geräusch, als wenn etwas verpufft“, erinnert sich Klein. „Dann das Feuer, der Brandgeruch, das Geschrei, das Chaos. Den Menschen lief die Haut herunter. Das kann man nicht beschreiben.“ Klein rennt mitten in diesen Chaos hinein und sucht seinen Sohn, findet ihn aber nicht. Schreiende Kinder. Panik. Jeder sucht jeden. Später sollten die Kleins erfahren, dass Axel nach der Explosion noch bei Bewusstsein war. Er und sein Freund Volker haben sich nur an der Stimme erkannt. Die beiden standen kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zum Fernsehtechniker. „Die Prüfung können wir jetzt wohl vergessen“, sagt Volker. „Mann, sei froh, dass wir es überlebt haben“, antwortet Axel.

Aber Axel überlebt nicht. Nach zwölf zermürbenden Tage des Hoffens und Bangens stirbt er im Koblenzer Bundeswehrkrankenhaus an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Er hatte das brennende Kerosin eingeatmet.

„Das durchstoßene Herz – ich habe oft darüber nachgedacht“, sagt Klein. Kann es Zufall sein, dass die Metapher für das, was hier in seinem Inneren geschah, am Unglückstag gleich mitgeliefert wurde? Doch wie tief die seelischen Verletzungen waren, wie sehr sich die Bilder von Ramstein in sein Gehirn eingebrannt hatten, realisierte Dieter Klein erst viele Jahre später.

Die Kleins suchten und fanden Halt in ihrem Glauben. „Ich habe jeden Tag vor unserem Kreuz im Wohnzimmer gebetet und geweint“, sagt Ursula Klein. Ihre Trauer überfiel sie wie eine Naturgewalt, sie fühlte sich wie gelähmt, ging ein ganzes Jahr in ihrem Dorf Norheim nicht zum Einkaufen. Nur für kurze Spaziergänge traute sie sich aus dem Haus. Dieter Klein, beliebter Grundschullehrer und bis zum Tag der Katastrophe Bürgermeister des pfälzer Weindorfes, macht dagegen einen stabilen Eindruck. Auch er saß täglich vor dem Kreuz, weinte aber nicht. Erst nach zehn Jahren bröckelte die Fassade gefasster Männlichkeit.

„Ich hatte immer größere Angst, es könne irgendetwas passieren. Obwohl wir viele Jahre mit dem Auto in den Urlaub gefahren waren, traute ich mich kaum noch auf die Autobahn.“ Mit seiner Angst belastet der Familienvater seine Frau und seine Tochter Petra, Axels ältere Schwester. „Jeder bekam ein Handy. Wir mussten uns nach jeder Fahrt bei ihm melden. Das war schon fast Telefonterror“, erinnert sich seine Frau. Hinzu kamen akute depressive Phasen. „Ich saß im Urlaub auf der Bettkante, schaute aus dem Fenster in die sonst so geliebte südtiroler Landschaft und fragte mich, was ich hier eigentlich soll“, sagt Klein. Heute weiß er, dass dies Symptome eines posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS) waren, einer seelische Erkrankung, über die damals kaum jemand etwas wusste und die vor allem durch das Flugunglück von Ramstein ins öffentliche Bewusstsein rückte.

Viele der über 1000 Verletzten und Angehörige der 70 in Ramstein getöteten Menschen, aber auch Polizisten und Feuerwehrleute konnten das Erlebte nicht verarbeiten, vermochten den schrecklichen Film im Kopf einfach nicht anzuhalten. Dieter Klein musste irgendwann einsehen, dass es ohne stimmungsaufhellende Medikamente nicht weiter gehen kann. Die meisten Verletzen und Hinterbliebenen, auch die Kleins, fanden zudem Unterstützung in die Nachsorgegruppe der Trauma-Psychologen Sybille und Hartmut Jatzko aus Kaiserslautern. Bis heute trifft sich die Gruppe mindestens zweimal pro Jahr und noch immer kommen neue Teilnehmer hinzu. Morgen kommt die Gruppe zum 20. Jahrestag zu einer Schweigeminute am Absturzort zusammen. „Ich habe noch nie erlebt, dass Menschen so offen sein können“, sagt Dieter Klein. Die gegenseitige Unterstützung habe ihm und einer Frau viel Kraft gegeben. Man erlebe neben dem gemeinsamen Gedenken auch Momente der Befreiung von Angst und Trauer, eine Art kathartische Entlastung. Zu einigen Teilnehmern der Gruppe seien sehr enge Bindungen entstanden.

Doch nicht nur über sich selbst, über die Phasen der Trauer und die Gewalt der Bilder, auch über die Hilflosigkeit ihres Umfeldes, über wahre und falsche Freundschaft haben die Kleins in den vergangenen 20 Jahren viel gelernt.

„Ich konnte es nach dem Unglück kaum ertragen, mich im Dorf zu bewegen. Die Leute haben einen Bogen um mich gemacht“, sagt Frau Klein. Viele Menschen, von denen sich das Ehepaar Unterstützung erhofft hatte, redeten in Trostfloskeln oder zogen sich vollständig zurück. Die Bekannten im örtlichen Kegelclub entblödeten sich nicht, nur wenige Monate nach Axels Tod einen mehr als unnötigen Streit über das gemeinsam angesparte Urlaubsgeld vom Zaun zu brechen; der Gemeinderat von Norheim debattierte über das eigens für Axels Grab angefertigte gusseiserne Kreuz, weil dieses laut Friedhofssatzung sechs Zentimeter zu hoch gewesen sei.


Die Kleins machten die schlimme Erfahrung des „Opferneides“. Das neue Haus sei von den Millionen Entschädigungsgeld gebaut würden, munkelte man hinter ihrem Rücken. Dabei gingen die 21 Millionen Mark aus dem damals eingerichteten Sonderfond fast vollständig an Krankenkassen und Versicherungsträger für die medizinische Betreuung der 450 Schwerverletzten. Eine Entschädigung für das erlittene seelische Leid wurde 2003 vom Koblenzer Landgericht wegen Verjährung abgelehnt.

Doch die Kleins tragen keinen Groll in sich. Weder gegen die US-Airbase – der immer wieder vorgeworfen wurde, die Sicherheitsabstände seien zu klein und das Krisenmanagement desaströs gewesen – noch gegen das Schicksal. „Uns hat niemand gezwungen dorthin zu gehen“, sagt Dieter Klein. Was bleibt, ist die

Versöhnung mit dem Unbegreiflichen. Der Text für Axels Todesanzeige kam seinem Vater bereits am Unglückstag in den Sinn: „Wir haben ihn inniglich geliebt, aber wir beugen uns dem Willen Gottes.“

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