Ölpest

Jeder Fünfte in der Ölpest-Region ist krank geworden

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Tina Kaiser

Foto: dpa

Ein Ende der Ölpest ist in Sicht, doch die Katastrophe damit noch lange nicht vorbei. Mensch und Natur werden noch Jahre an den Folgen leiden.

Diesmal scheint es tatsächlich geklappt zu haben. Nach etlichen Fehlversuchen meldete der britische Ölkonzern, das Leck im Golf von Mexiko sei dicht. Endlose 106 Tage mussten die Menschen in der Region seit der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April bangen. Doch nun ist das Loch zu. Sowohl BP als auch der Krisenmanager der US-Regierung, Thad Allen, zeigten sich zuversichtlich, dass es dauerhaft geschlossen bleibt.

BP hat schweren Bohrschlamm in die Steigleitung gepumpt. Acht Stunden lang pressten Schiffe an der Wasseroberfläche den Schlamm in das Bohrrohr in 1500 Metern Tiefe. Dazu musste das Ventil wieder geöffnet werden, das seit Mitte Juli provisorisch das Leck verschließt. Wie BP meldete, konnte mit der Aktion das gewünschte hydrostatische Gleichgewicht erzielt werden: Der Schlamm drückt das Öl nach unten und schließt so die Steigleitung.

BP will nun einige Zeit den Druck in der Steigleitung beobachten. Bleibt er stabil, so wird die Öffnung des Rohrs in den kommenden Tagen vermutlich mit Zement versiegelt. Darüber müsse aber zunächst noch mit den US-Regierungsbehörden entschieden werden, teilte BP mit. Unabhängig vom Erfolg der Aktion arbeiten BP-Ingenieure auch weiterhin an den beiden Entlastungskanälen, die der Konzern schon seit Mai ins Erdreich bohrt.

Sie werden von BP als „endgültige Lösung“ bezeichnet, um die Quelle zu verschließen. Die neuen Kanäle sind nun nur noch wenige Meter vom Ölreservoir in 5500 Metern Tiefe entfernt. Mitte August soll die erste Entlastungsbohrung das untere Ende der Steigleitung treffen. Dann soll auch hier zuerst Schlamm und später dann Zement in das Rohr gepumpt werden. Gelingt die Aktion, wäre die Quelle endgültig versiegelt.

Ist das Loch abgedichtet, wird für BP die Krise jedoch noch lange nicht vorbei sein. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass seit dem 20.April rund 4,9 Millionen Barrel (780 Millionen Liter) Öl ins Meer geflossen sind. Damit wäre der Untergang der Deepwater Horizon die schlimmste Ölkatastrophe der Weltgeschichte.

Jedes ausgelaufene Barrel wird BP teuer zu stehen kommen. Insgesamt 21 Milliarden Dollar (15,9 Milliarden Euro) könnte die US-Regierung maximal von BP verlangen. Gemäß des Wasserschutzgesetztes muss BP zwischen 1100 und 4300 Dollar pro Barrel Strafe zahlen. Sollte BP nachgewiesen werden, dass der Konzern auf der Deepwater Horizon die Sicherheitsstandards vernachlässigt hat, müsste BP wohl die Höchststrafe zahlen. Im günstigsten Fall würde dagegen bei 1100 Dollar pro Barrel eine Strafe von 5,39 Milliarden Dollar anfallen.

Noch schwerer abzuschätzen sind die wirtschaftlichen und ökologischen Gesamtschäden der Katastrophe. Laut einer Studie der Columbia Universität sind die Folgen der Ölpest schlimmer als bislang erwartet. 40 Prozent von 1200 befragten Bewohnern in US-Bundesstaaten am Golf von Mexiko gaben an, sie seien direkt von der Katastrophe betroffen. 20 Prozent verdienten weniger als vor dem Unfall. Die Region lebt stark von Fischerei und Tourismus. Beide Branchen sind in den betroffenen Staaten fast zum Erliegen gekommen. Jeder Fünfte sagte, seine Kinder hätten gesundheitliche oder psychische Probleme durch den Unfall. Sie klagten unter anderem über Atemprobleme, Ausschläge, aber auch Angstzustände oder Schlaflosigkeit.

Tausende von Klagen liegen BP schon jetzt vor. Bis alle Fälle rechtlich beigelegt sind, kann es noch viele Jahre dauern. BP – vor dem Unfall noch der größte Konzern Großbritanniens – ist durch den Untergang der Deepwater Horizon in eine schwere Krise geraten. Vergangene Woche musste BP-Chef Tony Hayward für das zweite Quartal einen Verlust von 17,1 Milliarden Dollar vermelden. Gleichzeitig gab Hayward seinen Rücktritt bekannt. Für die Ölkatastrophe stellte der Konzern bislang 32 Milliarden Dollar zurück.

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