Megaparty in Dortmund

Loveparade – und die Musik ist egal

Es ist eng und schwül. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Rempeln, was das Zeug hält, ohne Rücksicht auf Verluste. Die Masse zuckt und bebt zu harten Technobeats. Es ist Loveparade. 1,6 Millionen Raver feiern auf der gesperrten Schnellstraße B1 – viele beginnen den Tag allerdings schon mit Alkohol.

Es ist eng und schwül. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Rempeln, was das Zeug hält, ohne Rücksicht auf Verluste. Die Masse zuckt und bebt zu harten Technobeats. „Wumm, wumm, wumm“, dröhnt es aus den zahlreichen schwarzen Boxen, die das Gelände um die Dortmunder Westfalenhallen und die B1 beschallen. In schrillen Kostümen, mit Netzstrümpfen, Baströcken und Lack-Klamotten strömen die Besucher zur Partymeile, die extra für die Loveparade gesperrt wurde. Viele von ihnen schon am frühen Nachmittag in betrunkenem Zustand. Nach der Ruhrgebietspremiere in Essen im vergangenen Jahr ist die Loveparade rund 30 Kilometer weiter gezogen, nach Dortmund. Der dortige „Highway to love“, so das Motto des Tages, ist tatsächlich ein Schnellweg zum Spaß, zum kollektiven Massenerlebnis bis hin zum totalen Vollrausch.

Die Straßen in Dortmunds Mitte sind übersät mit Müll. Leere Plastikflaschen, kaputte Schirme, Verpackungen kleben zertreten auf dem Asphalt. Die Grünflächen haben sich nach den heftigen Regenschauern in Schlammflächen verwandelt. Ununterbrochen schallen die Martinshörner der Rettungswagen, dazu tönen die Bässe. Wer einmal in die Menschenmenge gerät, den gibt sie nicht mehr her. Platzangst darf man hier nicht haben.


Doch das Gedränge stört die Besucher der Loveparade wenig, im Gegenteil: „Wenn man das mit Essen vergleicht, ist das hier in Dortmund deutlich professioneller“, findet Angelique Wetter. Die 17-Jährige ist mit knapp dreißig Freunden zu dem Techno-Fest gekommen. „Die Leute sind noch vergleichsweise zivilisiert“, sagt sie. Schon um neun Uhr morgens habe man sich zum Vorglühen getroffen. Das Ergebnis: um drei Uhr nachmittags liegen einige aus der Gruppe völlig entkräftet vor der Westfalenhalle in der Sonne, die sich zwischen den Regenschauern blicken lässt. Trotz der Lautstärke und des monotonen „Wumm, Wumm“ nickt Angelique ein. Der Korn zum Frühstück war wohl etwas zu viel.

Nach mehreren Jahren Pause sollte die Loveparade im Ruhrgebiet anders werden, anders als in Berlin, wo die Veranstaltung zuletzt mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen hatte. „Die Party sollte jünger werden und nicht mehr nur Technobegeisterte anziehen“, erklärte Rainer Schaller, der Geschäftsführer der Loveparade. Ein positiveres Image sollte der Loveparade wieder zu mehr Akzeptanz verhelfen – ohne die Mülldiskussionen, die den Veranstaltern in Berlin regelmäßig das Leben schwer gemacht hatten.

Feiern, egal zu welcher Musik

Dies ist Schaller tatsächlich gelungen. 1,6 Millionen Raver sind heute in Dortmund unterwegs, schätzt der Veranstalter, der die Zahl aus Hubschraubern heraus ermittelt hat. Es scheint, als seien auf der B 1 in erster Linie junge Menschen unterwegs. Keine Technofans, sondern solche, die Party machen wollen – egal zu welcher Musik und zu welchem Anlass. „Wir hören schon elektronische Musik. Aber Techno eigentlich nicht“, sagt Sandra Hoppe, eine Freundin von Angelique.

Der exzessive Alkoholgenuss dagegen gehört auch in diesem Jahr zur Loveparade. Am späten Nachmittag liegen in vielen Hauseingängen in der Dortmunder Innenstadt betrunkene Feierwütige. Andere diskutieren mit den Einzelhändlern, die sich weigern, Bier in Glasflaschen zu verkaufen. Das hatte der Veranstalter untersagt, um die Verletzungsgefahr und den Müll zu verringern. „Wir versorgen derzeit noch 200 Verletzte. Das ist deutlich weniger als in Essen und liegt auch am Glasverbot“, sagt Udo Bullerdiek, der Sprecher der Stadt am frühen Abend.

Anders als Sandra genießt Anna die Party auch ohne Frühstückskorn. Seit über zwanzig Jahren hört die inzwischen 62-Jährige Elektro. „Aber so etwas wie heute habe ich bislang nur im Fernsehen gesehen. Wenn die Loveparade schon mal hier ist, guck ich mir das natürlich an“, sagt die Dortmunderin. Sie hat sich ihrem ungewohnten Umfeld angepasst und trägt passend zum leuchtenden Regencape einen knalligen brombeerfarbenen Lippenstift, ihre langen grauen Haare hat sie mit einer großen blauen Klammer gebändigt. „Schön hier“, sagt die Anwohnerin und bewegt sich rhythmisch zur Musik.

Gäste aus Russland und Kroatien

Die Masse der Besucher jedoch bringen Beats und Regen an ihre Grenzen. Kalkuliertes Risiko. Schon am Vormittag waren viele Züge in Richtung Dortmund komplett überfüllt, selbst der Fernverkehr wurde für den Party-Express umgeleitet. Auch Katja Dobric und Christina Semenowa steckten in einem der vollen Regionalzüge. Die beiden Studentinnen sind extra für die Parade angereist, die eine aus der Nähe von Moskau, die andere aus Kroatien.

„In Russland ist House gerade total in“, sagt die 21-Jährige Christina. Sie schwitzt in ihrem gelben Kostüm, das ihre Mutter ihr genäht hat. Auf dem Kopf trägt sie einen Hut aus gelbem Tüll, passend zum ultra kurzen Kleid. „Wir lassen uns einfach mal treiben“, sagt ihre Freundin Katja. Planen können sie heute sowieso nichts. „Wie sollen wir hier nur unsere Verabredung treffen?“, fragt sich Christina angesichts der Menschenmassen. Erst einige Stunden stößt sie im Gewühl auf ihren Freund. „Wir haben ihn gefunden!“, schreibt Christina per SMS. Jetzt wird gemeinsam zu den Beats gezappelt, komme was wolle.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen

Meistgelesene