Seit Samstag weiß Manfred van Hove, was mit seinem Peiniger passiert ist – nach 50 Jahren Ungewissheit. Der ehemalige Regensburger Domspatz erfuhr durch einen Bericht der "Welt am Sonntag“, dass der frühere Internatsleiter Friedrich Z. im Jahr 1958 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Später setzte ihn die Kirche wieder ein – in einem Mädchengymnasium in der Schweiz. Manfred van Hove gehörte zu einem kleinen Kreis von minderjährigen Sängern, die sich Z. als eine Art „Harem“ hielt. Der Missbrauch ging über Jahre. „Er hatte ein rosiges, dickes Schweinegesicht und stank immer nach Zigarren“, beschreibt das Opfer Z. Bis heute kann der 65-Jährige keinen Zigarrenrauch riechen.
Nun will van Hove das Bistum Regensburg auf Schmerzensgeld verklagen. „Mitten im Schuljahr 1958 holte mich meine Mutter ab von den Domspatzen. Von einer Verurteilung erfuhr ich damals nichts. Ich wurde auch nie als Zeuge befragt", sagt er heute. Statt mit den Schülern zu sprechen, habe man die Täter beiseitegeschafft.
Van Hove will einen Rechtsanwalt beauftragen, Schadenersatzforderungen an das Bistum oder die Domspatzen zu prüfen. Er wolle jetzt „endlich Antworten darauf haben, wer das damals vertuscht hat, sodass der Skandal erst heute ruchbar wird“.
Friedrich Z. wurde vom Bistum Regensburg als ein Täter benannt. „Wer von ihm missbraucht wurde, wissen wir nicht“, sagte Bistumssprecher Clemens Neck. Und zu Entschädigungszahlungen hieß es aus Kreisen der Deutschen Bischofskonferenz, das sei „nicht unser Thema“.
Das Bistum Regensburg bemüht sich um Aufklärung. Ein Rechtsanwalt, dessen Name bald präsentiert werden soll, wurde beauftragt, in zwei Wochen einen Bericht über die Ereignisse vorzulegen. Es soll festgestellt werden, ob es in jüngerer Vergangenheit Missbrauchsfälle gab. „Und er soll prüfen, ob es straf- und oder kirchenrechtliche Konsequenzen geben wird“, sagt Neck.
Sein Dienstherr, der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, steht unter hohem Druck. 2008 wurde der Priester von Riekofen im Landkreis Regensburg verurteilt. Peter K. war 1999 strafrechtlich belangt worden, weil er zwei Jungen unsittlich berührt hatte.
Dennoch wurde er vom Bistum wieder eingesetzt und missbrauchte in Riekofen einen zehn Jahre alten Ministranten. Der Vorsitzende Richter der Kammer, die Peter K. verurteilte, kritisierte Bischof Müller scharf: Man habe den pädophilen Priester „in eine Versuchungssituation geführt. Das ist so, als stellt man einen wegen Untreue verurteilten Täter bei einer Bank an“, so der Richter damals.
Mittlerweile hat man K., der zu zwei Jahren Haft verurteilt und in einer Psychiatrie untergebracht wurde, aus dem Priesterstand entfernt. „Pädophile können nicht Priester sein“, sagte dazu Bistumssprecher Neck. Im Fall der Domspatzen versucht sich das Bistum an besserem Krisenmanagement. Eine Beauftragte für sexuellen Missbrauch wurde eingesetzt, bei der sich Opfer melden sollen. Die Psychologin Birgit Böhm war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Ein ehemaliger Domspatzen-Schüler, der anonym bleiben will, schilderte Morgenpost Online ONLINE, dass es bis in die 70er-Jahre unter dem Nachfolger von Friedrich Z. als Internatsleiter zu Übergriffen kam. Der Betroffene hat, wie Manfred van Hove, Birgit Böhm bereits angeschrieben. Bei beiden Männern hat sich Böhm noch nicht gemeldet.
In Regensburg sorgt man sich derweil um Papstbruder Georg Ratzinger. Der hatte 1964 das Amt des Domkapellmeisters angetreten. Sein Bruder folgte 1969 als Professor in die Domstadt. Der schwer kranke Georg Ratzinger will von den Missbrauchsfällen vor oder gar Ereignissen in seiner Zeit als Kapellmeister nichts gewusst haben.
Die Umgebung Ratzingers kritisiert deshalb die jetzige Berichterstattung. „Natürlich war das schlimm, was damals passiert ist“, sagt Prälat Heinrich Wachter. „Aber es ist jetzt richtig Mode geworden, die Domspatzen durch den Kakao zu ziehen, nur weil der Papstbruder dort tätig war.“
Auch der Regensburger Bischof sagt, die bislang bekannten Fälle fielen nicht in die Amtszeit von Georg Ratzinger zwischen 1964 und 1994. In der Berichterstattung sieht Müller gar eine „Verletzung der Menschenwürde aller katholischen Priester und Ordensleute“.




