Ein Flugzeug dieser Größe verschwindet nicht einfach. Es bleibt etwas zurück. Es muss etwas zurückbleiben, und so war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis brasilianische Piloten am Dienstagabend die Überreste des Air-France-Fluges 447 sichteten, 650 Kilometer nördlich der Inselgruppe Fernando de Noronha, eines nahezu unberührten Traumziels für Individualtouristen.
Innerhalb eines fünf Kilometer langen Streifens sahen die Piloten einen Sitz, einen Teppich aus Kerosin, weiße Trümmer. 228 Menschen starben am Montag auf einen Schlag, unter ihnen 26 Deutsche, mit Eltern, Kindern, Partnern. Mit Angehörigen, so nennt man sie nun. In der Pariser Kathedrale Notre-Dame gedachten diese Angehörigen Mittwoch mit Regierungsvertretern bei einem Gottesdienst der Opfer. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy nahm mit seiner Frau Carla Bruni-Sarkozy ebenso teil, wie der deutsche Botschafter in Frankreich. Während der Messe wurde ein Beileidsschreiben von Papst Benedikt XVI. verlesen. Weil der Gottesdienst auf Einladung von Air France stattfand, kamen auch viele Mitarbeiter der Fluggesellschaft in ihren Uniformen. Sie legten Blumen und Kränze nieder. „Für unsere vermissten Kollegen“, stand auf einer Schleife. Tausende Menschen standen aber vor der Kathedrale, wo der Gottesdienst mit Lautsprechern übertragen wurde. Brasilien setzte eine dreitägige Staatstrauer an.
Ein Sitz, ein Teppich aus Kerosin, Trümmerteile – so wenig; angesichts des Ausmaßes dieser Katastrophe, des Leids, der Trauer, der Ohnmacht.
Vielleicht rührt daher auch die Entschlossenheit, mit der die Behörden nun nach mehr suchen, nach den Flugschreibern des Airbus etwa, mitten im Atlantik, in einem unwegsamen Gebirge auf dem Meeresboden. „Wir müssen die Flugschreiber finden“, sagte Paul-Louis Arslanian, Direktor des Amts für Unfallanalysen BEA. „Wir können uns nicht erlauben zu spekulieren. Wir müssen alles verifizieren.“ Frankreich schickte ein Spezialschiff mit U-Booten an Bord, die in einer Tiefe bis zu 6000 Metern suchen können. Ob sie etwas finden, ist allerdings mehr als fraglich.
Drei Handelsschiffe sind in der Absturz-Region, das erste von fünf brasilianischen Kriegsschiffen sollte Mittwoch eintreffen. Außerdem kommen französische Seeaufklärer und ein Radarflugzeug zum Einsatz. 20 Mitarbeiter der BEA und 30 Experten von Air France und Airbus arbeiten an der Ermittlung der Absturzursache.
„Ich weiß nicht, was wir finden werden. Doch wir werden alles, was wir erfahren, unverzüglich mitteilen, wenn es klar ist“, sagte Arslanian. Er sprach von der bislang schlimmsten französischen Luftfahrt-Katastrophe. Ende Juni soll ein erster Bericht vorliegen, sagte er.
Bisher deutet nichts darauf hin, dass der vier Jahre alte Airbus A330-200 vor dem Start „ein Problem“ gehabt habe, sagte Arslanian. Es könnte sein, dass die Maschine vom Blitz getroffen worden sei, wie Air France vermutet hatte. Die letzte automatische Nachricht sei gewesen, dass Messinstrumente am Cockpit vereist seien, berichtete die Zeitung „Le Parisien“. Der Bordcomputer könnte dem Piloten falsche Informationen geliefert haben. Es werde auch nicht ausgeschlossen, dass die Maschine in der Luft explodiert sei, berichtete das Blatt.
Aber abseits der Ursachenforschung geht es auch darum, den Menschen eine Erklärung zu liefern. Irgendetwas, was mehr ist als Trümmerteile im Meer am Ende der Welt. Ein Trost wird das für die Angehörigen nicht sein.
Man mag sich nicht vorstellen, wie es beispielsweise den Verwandten der Familie E., aus Fellbach in Baden-Württemberg nun geht. Hannelore und Rolf E. kamen mit den Töchtern Carmen und Regine aus dem Urlaub. Ihre zweijährige Enkelin Clara Sofie war ebenfalls an Bord der Maschine. Carmen arbeitete als Dozentin an der Universität Stuttgart und war Publizistin, Regine Musiklehrerin.
Oder den Freunden und Kollegen und Verwandten von Martin N., der als Assistenzarzt in der Radiologie an der Uniklinik Heidelberg arbeitete.
Oder der Mutter von Ines G., die am Pfingstmontag am Münchner Flughafen vergeblich auf ihre Tochter wartete. Ines G. war gerade 31 Jahre alt geworden.
Oder der Verlobten von Max Harald P. Der Mann wollte in Deutschland die zur Heirat notwendigen Papiere besorgen.
Erich Walter Heine hinterlässt drei Kinder und eine Frau. Der 41-Jährige war Vorstandsmitglied bei ThyssenKrupp und sollte den Aufbau der Stahlwerke in Rio de Janeiro und Alabama (USA) managen. Mit ihm starb ein weiterer Mitarbeiter des Stahlkonzerns aus Duisburg, der 28-jährige Claus-Peter Hellhammer war privat in Brasilien.
Moritz Kock hatte eine Ehefrau und eine erwachsene Tochter. Der Mann war ein Architekt in Potsdam und sollte am 18. Juni ein neues, von ihm geplantes Einkaufszentrum in Brandenburg eröffnen.
Für die Kollegen und Freunde der Sängerin Juliana Ferreira Braga de Aquino gibt es keinen Trost. Sie gehörte zum Ensemble des Musicals „Wicked – Die Hexen von Oz“ in Stuttgart. Ihr erstes Engagement in Europa hatte die Brasilianerin von 2003 bis 2007 in „Der König der Löwen“ in Hamburg. 2008 übernahm sie im österreichischen Klagenfurt die Rolle der Maria Magdalena im Hippie-Hit „Jesus Christ Superstar“.
Die Trauer ist global. Nach Angaben von Air France befanden sich Menschen aus 32 Ländern an Bord des Unglücksflugzeugs, unter ihnen 72 Franzosen, 59 Brasilianer und 26 Deutsche. Es starben Chinesen, Briten, Amerikaner. Eine besonders traurige Geschichte kam aus Schweden: Christine Badre Schnabl und ihr Mann, die seit Jahren in Rio leben, waren auf dem Weg nach Südschweden, wo sie ihre Familie besuchen wollten. Sie machten das jeden Sommer und hatten, wie immer, eine Vorsichtsmaßnahme getroffen: Frau Badre Schnabel buchte sich und ihren fünfjährigen Sohn Philipe auf den Flug AF 447.
Ihr Mann allerdings war früher geflogen. Mit der gemeinsamen, drei Jahre alten Tochter. In Paris wollten die beiden Familienhälften wieder zusammenfinden.
Die Schnabels hatten Flugangst. Deshalb buchten sie immer getrennt, damit im Falle eines Absturzes die Kinder nicht zu Vollwaisen wurden. Christines Mann und seine Tochter warteten am Montag vergebens im Flughafen Paris-Charles de Gaulle. „Es ist unmöglich zu verstehen, dass sie jetzt nicht mehr sind. Es ist schrecklich“, sagte Annika Badre, die Mutter von Christine der schwedischen Zeitung „Expressen“. „Christine war so voller Leben, war in Rio in einer Stiftung beteiligt, die jungen obdachlosen Müttern half.“
Irgendwann will Air France den Angehörigen der Opfer anbieten, über die Unglücksstelle zu fliegen, damit sie sich ein Bild von dem Ort machen können, wo ihre Familienmitglieder und Freunde starben.
Mittwoch entdeckten Piloten dort noch ein weiteres Wrackteil. Es hatte einen Durchmesser von sieben Metern. Noch am selben Tag hat das erste Schiff der brasilianischen Marine die Region erreicht, in der das Flugzeug verunglückte. Noch habe die Besatzung des Schiffes keine Wrackteile entdeckt, teilte die brasilianische Marine am Mittwoch mit.
Ein zweites Schiff sollte demnach bald in der Region des Unglücks mit 228 Toten rund 1000 Kilometer vor der brasilianischen Ostküste eintreffen. Die Ankunft von drei weiteren Schiffen ist für die kommenden zwei Tage geplant. Darunter soll auch ein Tanker sein, der die Suchschiffe mit Treibstoff versorgt.




