So etwas hat Kaiserslautern nicht mehr erlebt, seit dort vor 34 Jahren der spektakuläre Terroristenprozess gegen drei RAF-Mitglieder über die Bühne ging: das Landgericht in der Nähe des Hauptbahnhofs abgeschottet wie eine Festung, Straßen zeitweilig abgesperrt, Hundertschaften der Polizei mit Maschinengewehren im Einsatz, um Krawalle zu verhindern. Selbst der Gerichtspräsident musste auf dem Weg ins Justizgebäude Sicherheitsschleusen passieren, im Sitzungssaal war vor den beiden Angeklagten eine schusssichere Panzerglaswand aufgebaut: Unter großen Sicherheitsvorkehrungen begann Dienstag der Mordprozess gegen zwei Mitglieder der Rockergruppe Hells Angels, die einen Angehörigen des rivalisierenden Motorradklubs Outlaws erstochen haben sollen.

Allerdings wurde die Verhandlung schon nach einer Stunde vertagt, weil ein Verteidiger Widerspruch gegen die Besetzung der Richterbank eingelegt hatte. Die nächste Sitzung findet am 7. Januar statt, der Prozess wird mindestens bis März andauern. In vorerst 16 Verhandlungstagen wollen die Richter 80 Zeugen und zwei Sachverständige befragen. Vor allem hofft die Staatsanwaltschaft aber auf die Aussage des älteren Angeklagten, der sich nach der Tat gestellt hatte und sich jetzt im Zeugenschutzprogramm befindet. Er kam rockeruntypisch in schwarzer Jacke in den Gerichtssaal, während sein Komplize im roten Kapuzenshirt antrat.

Der 42-jährige angeklagte Pfälzer und der 29 Jahre alte Nachtklubbesitzer aus Mannheim sollen im Sommer den Regionalchef der rivalisierenden Rockerbande Outlaws überfallen und ermordet haben. Während sich der 42-jährige Maschinenschlosser gestellt hatte, wurde der 29-Jährige erst Anfang August in Portugal festgenommen. Ein dritter Tatverdächtiger, ein 27-jähriger Mannheimer, ist untergetaucht. Es wird sogar spekuliert, dass er womöglich nicht mehr am Leben sein könnte.

Der ältere der beiden Rocker hatte nach der Tat ausgesagt, er habe dem Getöteten eigentlich nur eine Abreibung verpassen wollen. Der ermordete Dirk O. (45) aus Rheinhessen war Präsident des frisch gegründeten Outlaw-Chapters Donnersberg, also einer Regionalgruppe des Rockerklubs. Offenbar wurde er Opfer einer Racheaktion, die sich weniger auf seine Person als seinen Klub bezog. Denn der 42-jährige Angeklagte war kurz zuvor von Outlaws verprügelt worden und soll auf Rache gesonnen haben. Mit den beiden jungen Mannheimern lag er in der Nacht zum 27. Juni auf der Lauer und spähte vor einer von Outlaws besuchten Kneipe offenbar fast willkürlich ein Opfer aus. Die drei Männer folgten dem Motorradfahrer, der mit der Prügelei einige Tage zuvor nichts zu tun hatte, per Auto, stoppten ihn und schlugen nach bisherigen Ermittlungen auf ihn ein.

Dann soll der 27-Jährige, der noch auf der Flucht ist, Dirk O. sieben Mal mit einem Messer in Rücken und Oberschenkel gestochen haben, der 29-Jährige habe ihm die Klublederweste, die „Kutte“, abgenommen, heißt es. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass die Weste als Trophäe erbeutet werden sollte und ihr Raub daher geplant war. Die Anklage lautet deshalb Mord in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge und mit räuberischem Angriff auf einen Kraftfahrer. Dirk O. starb zwei Stunden nach dem Überfall.

Zum Auftakt waren mehr als 1000 Angehörige der beiden verfeindeten Motorradklubs nach Kaiserslautern gekommen, die meisten mit Auto, Bus oder Zug, weil die Straßen vereist waren. Die Aussicht, dass feindselige Rocker mitten im Weihnachtstrubel in der Kaiserslauterer Innenstadt aufeinandertreffen könnten, hatte der Polizei große Sorgen bereitet. Schon vorher hatten die Behörden daher das Gespräch mit Hells Angels und Outlaws gesucht, um eine Eskalation zu verhindern. Den Klubs, sagte die Polizei, gehe es in erster Linie darum, Präsenz zu zeigen, Krawalle seien unwahrscheinlich.

Allerdings war es vor zwei Jahren in Münster bei einem Rockerprozess zu einer Schlägerei mit 100 Festnahmen gekommen, obwohl auch damals mehr als 800 Polizisten versucht hatten, für Sicherheit und Ruhe zu sorgen. In Kaiserslautern waren die Beamten Dienstag daher vorsorglich vom frühen Morgen an auf ihrem Posten, kontrollierten Zug- und Busreisende sowie Fahrzeuge an den Autobahnabfahrten, um die Klubs von Beginn an auseinanderzuhalten und räumlich zu trennen. Die Rocker mussten sich an zwei separaten Sammelpunkten treffen, streng voneinander abgeschirmt. Bei ihren Straßenkontrollen fanden die Polizisten einige Dutzend potenzielle Waffen wie Messer, Schlagringe oder Pfeffersprays, doch zu Zwischenfällen kam es zunächst nicht.

Der Prozesstermin ausgerechnet kurz vor Weihnachten nahe der Einkaufs- und Fußgängerzone von Kaiserslautern war nicht zu verhindern. Denn ohne offiziellen Verhandlungsauftakt hätte einer der Angeklagten möglicherweise am 31. Dezember schon wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden müssen