Wer ihn noch aus den Nachrichten kennt, die zwischen den 60er-Jahren und den 80ern über Großhavarien im Ölgeschäft und ihre Bekämpfung im Fernsehen berichteten, wünscht ihn sich dieser Tage zurück: „Red“ Adair, der aller Katastrophen jeder Art auf Bohranlagen Herr wurde, wo immer man ihn rief auf der Welt. Meist ging es dabei um eigentlich unlöschbare Gas- und Ölbrände.

Aber auch 1500 Meter unter dem Meeresspiegel wie jetzt, im Golf von Mexiko, hätte er eine Lösung parat; so viel ist gewiss. Denn auch dort geht es, wie stets, nur um eines: das Abdichten der Quelle. 1968 schon war der Texaner zur Legende geworden, wurde sein Leben verfilmt, mit John Wayne in der Hauptrolle: „Die Unerschrockenen“. 1991, als Kuwait nach dem Golfkrieg brannte und eine weltweite Umweltkatastrophe drohte, löschte er die 117 Riesenfackeln im Handumdrehen.

„Red“ Adair starb 2004. Die Reparaturarbeiten bei der ersten großen Katastrophe nach seinem Tod drohen im Chaos zu versinken. Beim Ölkonzern BP, dem Haupteigentümer der havarierten Ölplattform im Golf von Mexiko, klammern sich seit die Hoffnungen auf Schadensbegrenzung an eine kleinere Stahlglocke, die über das unkontrollierbare Quellloch am Meeresboden gestülpt werden soll – möglichst noch vor dem Wochenende. Sie wird nur noch zwei Tonnen wiegen und nicht mehr hundert wie der Koloss, mit dem man vergangenen Sonntag scheiterte – wie mit allen anderen mehr oder weniger trickreichen Versuchen zuvor. Weder klappte es, das Sicherheitsventil, dessen Aussetzer die Ölkatastrophe verursachte, mithilfe von Tauchrobotern zu reparieren, noch brachte die Entlastungsbohrung von der Seite, durch die man das aus der Tiefe gepresste Öl in Schiffe leiten wollte, den Erfolg.

Im US-Kongress begannen die zweitägigen Anhörungen, bei denen unter anderem der Chef von BP Amerika, Lamar McKay, die Frage beantworten muss, warum sein Unternehmen für den Fall einer derartigen Havarie und das anschließende Versagen des Sicherheitsventils keinen „Plan B“ in der Tasche hatte. Bis Redaktionsschluss lag noch keine Stellungnahme vor. Laut Agenturmeldungen waren die verschiedenen an der Bohrplattform beteiligten und beschäftigten Firmen darauf vorbereitet, sich gegenseitig zu beschuldigen, besonders was die Verantwortung für das nicht funktionierende Sicherheitsventil angeht.

Niemand hatte eine Idee, was in diesem Fall zu geschehen hätte. Dabei wäre sie bei der Ölbohrinsel „Deepwater Horizon“ nötiger als anderswo gewesen. Nicht nur wegen der extremen Tiefe der Bohrung – die Plattform hält mit 9000 Meter Tiefe den Weltrekord. Auch der Meeresboden von 3000 Meter unter der Oberfläche selbst birgt erhöhte Risiken. Zum einen wegen der schwierigeren Handhabung bei Reparaturen. Mehr noch aufgrund der besonderen Bedingungen, die in dieser Tiefe herrschen, und die den Versuch mit der Hundert-Tonnen-Glocke scheitern ließen.

Nicht weit entfernt vom Golf ist das berüchtigte Bermuda-Dreieck, über dessen Gefährlichkeit für die Seefahrt seit Jahrzehnten gestritten wird. Den Statistiken, die dort überdurchschnittlich häufige Schiffsverluste andeuten, haben Forscher inzwischen eine Erklärung nachgereicht: das dort hohe Aufkommen von Methan in Eisform auf dem Meeresgrund, das, wenn es sich bisweilen zu größeren Gasblasen wandelt, bei Schiffen den Auftrieb verringern und ihnen gefährlich werden könnte.

Große Mengen von Methan waren es denn auch, die den ersten Versuch, mit einer Stahlglocke den Ölfluss zu stoppen, vereitelten. Kurz nach ihrem Aufsetzen in 1500 Meter Tiefe war sie gefüllt mit großen Mengen von Methanhydratkristallen, die sich in der enormen Kälte dort bilden. Die schlammige Masse brachte dem gewaltigen Hohlkörper derartigen Auftrieb, dass seine Stabilität über der Ölquelle in Gefahr kam. Das größere Problem: Der Methanhydratschlamm verstopfte den oberen Ausgang, aus dem das Öl durch Rohrleitungen in Schiffe verbracht werden sollte. Ohne das Abpumpen aber hätte der wackelige Verschluss seinen Zweck nicht erfüllt.

Beim Versuch mit der kleineren Glocke hoffen die Havarieexperten nun, die Masse der darin eingeschlossenen Methankristalle zu begrenzen und vor allem durch die Beheizung des Stahlgebildes die Kristallbildung zu unterbinden.

Noch ist nicht absehbar, wann die geschätzten 800 Tonnen Öl, die täglich aus der Öffnung im Meeresboden nach oben vordringen, verringert oder gestoppt werden können. Der Krisenstab gab Internetadressen bekannt, auf denen Interessierte ihre Ideen loswerden können. Eine davon wird schon mal umgesetzt, von den Friseuren für Mensch und Tier: Die Initiative Matter of Trust sammelte bereits Hunderte Tonnen Haare und Nylonstrumpfhosen, um mit ihnen das Öl zu binden und einzufangen. Aus Russland kam der Vorschlag, das Loch per Atombombenexplosion zu verstopfen. Das würde „Red“ Adair zur Ehre gereichen, der gern mit großem Kaliber arbeitete. Atombomben aber setzte er nie ein.