Die Mitarbeiterin aus dem ICE-Bistro ist eine Wucht. Sie singt den „Anton aus Tirol“ und freut sich über Bahn-Reisende, die „seit der Wolke viel entspannter sind als sonst“. Gerade erst hat ihre Schicht geendet, da darf sie schon wieder Kaffee, Bockwurst und Schokoriegel an Reisende verkaufen. Weil die Fahrpläne durcheinander geraten sind, muss arbeiten, wer verfügbar ist, Dienstplan hin, Tarifvertrag her. Krisenerprobte Eisenbahner haben die wichtigste Lehre der Wolke wohl zuerst begriffen: Gelassenheit.
Die Asche, die der isländische Vulkan Eyjafjallajökull in den Himmel über Europa gehustet hat, ist kein Menetekel, keine biblische Strafe, und mit Kachelmann hat sie auch nichts zu tun. Die Eruption ist vielmehr einer von vielen Störfällen der Natur, die zum Alltag der Erdgeschichte gehören. Tsunami, Erdbeben oder Wirbelstürme suchen die Menschheit immer wieder heim. Nach dem Ausbruch des Krakatau 1883 setzte ein weltweiter vulkanischer Winter ein; die Aschewolke zog zwei Jahre lang um die Welt.
Die Wolke zeigt die trügerische Selbstverständlichkeit, mit der wir minutengenaue Fahrpläne erwarten. Gleichwohl erlebt Europa derzeit kein Chaos, sondern ein vorübergehendes Durcheinander. Chaos, das bedeutet in der Mythologie eine tiefe, schwarze Schlucht, in die alles Leben unwiederbringlich hinabstürzt. Europa aber hat in den vergangenen Tagen alles andere als Nichts geboten. Der Kontinent funktionierte leidlich. Ein Wochenende Zwangswarten irgendwo in Europa ist ärgerlich, aber kein Weltuntergang. „Ich nehme es, wie es kommt“, hat die Kanzlerin gesagt, als sie in Lissabon stecken blieb. Richtig so. Man kann sich fürchterlich aufregen, nach dem Geschäftsführer verlangen und Schadenersatz einklagen. Man kann sich aber auch ins Unausweichliche fügen, die gewonnene Zeit nutzen und fröhlich neue Eindrücke sammeln.
Die zweite Lehre der Wolke lautet: Gut, dass es Redundanzen gibt. In jedem Flugzeug sind wichtige Funktionen mehrfach und unabhängig voneinander installiert. Fällt ein System aus, springt ein anderes ein. So verhielt es sich auch im europäischen Verkehr: Kaum blieben die Flugzeuge am Boden, standen Bahn und Auto bereit, wenn auch mit einigen Wartezeiten verbunden.
Eyjafjallajökull lehrt: Hochkomplexe und mithin störanfällige Netzwerke, ob Transport, Energie oder Kommunikation, müssen redundant konzipiert sein. Nur mal angenommen, eine Aschewolke würde die Verbindung zwischen Erde und Satelliten stören oder die Effektivität von Solarzellen einschränken – die Bürger wären froh, wenn Ausweichsysteme Telefon und Internet oder Energiefluss sicherten. In ein paar Jahren werden sich die Menschen in Europa mit wohligem Schauer an diese Tage unter der Wolke erinnern. Vielleicht haben sie sogar Eyjafjallajökulls Lektionen gelernt.
Hajo Schumacher





























