Die Gletscher des Gran-Sasso-Massivs leuchten gleißend weiß. Frühling hat die Abruzzen erfasst – und nichts könnte dem Schrecken einen unwirklicheren Rahmen geben, der die Menschen letzte Nacht erfasst hat. Die Mandelblüte hat die Täler um L'Aquila mit weißem Schnee überpudert, mit rosa Tupfern von Kirschbäumen dazwischen und dem Safran vor Navelli. Es ist ein Paradies in den Bergen, unter dem sich auch in diesen Minuten die Eurasische und Afrikanische Erdplatte weiter über einem Ozean brodelnder Magma knirschend gegeneinander schieben, in Zeitlupe, wie schon seit Jahrtausenden.

Die Abruzzen sind uraltes Erdbebengebiet, doch kein Mensch kann und will sich je daran gewöhnen. Schon um 11 Uhr am Abend hatte sich das Beben mit einem kleinen Grollen angekündigt, der die meisten Bewohner der Dörfer und Städte der Gegend dazu brachte, besser nicht ins Bett zu gehen. Um zwei in der Nacht siegte dann bei den meisten die Müdigkeit – die nun mit Koffern, Regenschirmen und ihren Handys am Ohr ziellos die Parks und Spielplätze und Haine und Straßen bevölkern. Wer kann, ist ins Auto umgesiedelt, mit Sack und Pack und Kindern und Großeltern auf dem Rücksitz. Kurz hinter Rom war die sonst fast leere Autobahn schon voll von Transportern mit schwerem Gerät unterwegs in das Katastrophengebiet.

Hinter dem ersten großen Tunnel durch den Appeninrücken ist die A24 bei Torimparte gesperrt. Danach ging es nur auf kleinen Seitenstraßen weiter, an Tankstellen entlang, vor denen Schlangen nach Benzin anstanden, und an Bars vorbei, in denen es keine Paninos und keine Milch mehr gab, aber Trauben von Leuten vor den Fernsehern, wo sie gebannt verfolgen, wie im nächsten Dorf Menschen mit Kränen aus den Stockwerken einstürzender Gebäude geborgen werden. In L'Aquila stockt der Verkehr in allen Straßen, durchpflügt von immer neuen Einsatzfahrzeugen der Polizei, des Zivilschutzes, der Feuerwehr und von jagenden Ambulanzen.

Nervöse Zivilisten mit Armbinden regeln den Verkehr, doch viel zu regeln gibt es noch nicht. Manche Straßen sind versperrt durch Geröll oder Ruinen ehemals vornehmer Palazzi. Blaulicht zuckt überall durch den leuchtenden Tag. Martinshörner heulen ohne Unterlass, Hubschrauber durchpflügen im Tiefflug den Himmel. Sich Übersicht über die Schäden zu verschaffen, muss allein schon eine Herkulesarbeit für die Behörden sein. Es herrscht Chaos wie im Krieg, doch mit einer Front an jeder Straßenecke. Das Zentrum der Katastrophe ist überall.

Patrouillen mit Suchhunden hetze und eilen vor uns her. Wo lautes Klagen die Entdeckung neuer Opfer anzeigt, drängen Mitglieder des Zivilschutzes in leuchtendem Orange jeden Neugierigen in die umliegenden Straßen zurück. Alle öffentlichen Gebäude sind Lazarette geworden, die Schulen, die nicht beschädigt sind, die Questura.

Alles habe mit einem Schrank angefangen, erzählt eine Augenzeugin, der noch die Panik im Gesicht steht, der in der Nacht plötzlich von einer Zimmerecke in die andere gerutscht sei. Danach fing das Bett zu schwanken an. Auch sie wusste das oberste Gebot: Raus aus dem Haus! Und die Alten raus aus den hohen Stockwerken! Da draußen aber und da unten irren die Menschen noch immer umher, viele von ihnen noch jetzt im Schlafanzug, vor eingestürzten uralten Kapellen und aufgeschlitzten Häusern, die einen auf den verlassenen Abendbrottisch schauen lassen, vor den aufgerissenen Wänden hinter den Blütenzweigen.

Der Pfarrer in S. Gregorio, wo das Beben besonders verheerend war, ist ebenso erschöpft wie gelassen. Bei Erdbeben, weiß er, ist jeder über ein Wort des Trostes von ihm dankbar. Denn die Angst vor einem Nachbeben steht allen ja auch noch ins Gesicht geschrieben. Keiner weiß, ob das schon das Schlimmste war. Die Katastrophe war nicht vorhersehbar, wiederholen im Radio die Nachrichtensprecher in einer Endlosschleife.

Mit dem nächsten Beben, wissen die Menschen, wird es ähnlich sein. Die keine Opfer zu beklagen haben, sind noch heilfroh über ihre Rettung, doch ähnlich wie Sindbad, der Seefahrer, als er sich aus Lebensgefahr auf eine kleine Insel retten konnte - bis seine Gefährten ein Feuer anzündeten, und die „Insel“ sich plötzlich zu bewegen begann. Bis ihnen gewahr wurde, dass sie sich nicht auf eine Insel, sondern auf den Rücken eines Ungeheuers aus der Tiefe gerettet hatten.

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