Die Maria-Werdung der Eva Herman begann in der Sendung von Johannes B. Kerner am 9. Oktober 2007, vielleicht aber auch schon früher. Hat das wirklich keiner bemerkt?

Lange Zeit hatte man ja gedacht, die Frau habe beim Stillen ihres Kindes der Blitz getroffen. Eva Herman habe plötzlich nicht mehr zwischen "Ihm" und "Ihr" unterscheiden können. Von einem Betriebsunfall der Emanzipation war die Rede.

Wer konnte ahnen, dass die stillende Über-Mama schon damals gewillt war, ihrer Überzeugung alles zu opfern. Ihren Job, ihren Ruf – ja, sogar die Sakkos in Baby-Rosa, die sie anstelle einer kugelsicheren Weste trug. Es war ein einsamer Kampf, auf den sie sich da eingelassen hatte, aber eine musste ihn führen. Eva gegen den Rest der Welt.

Wenn man den zentralen Gedanken ihres neues Buches weiter spinnt, dann können die Feministinnen jetzt schon mal damit beginnen, ihr einen Heldinnenkranz zu flechten. Denn geht es nach Herman, dann muss die Geschichte der Frauenbewegung neu geschrieben werden.


Deutschlands Chef-Feministin, Alice Schwarzer, schreibt Herman, habe die Frauen in eine Sackgasse gelockt. Zu spät hätten sie bemerkt, dass es ein hoher Preis war, den sie für ihre berufliche Selbstverwirklichung gezahlt haben. Die Kinder seien auf der Strecke geblieben. Fremdbetreut, hätten sie schon früh verlernt, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. "Unsicherheit und mangelndes Selbstbewusstsein sind die Folge. Die Spätfolgen sind Depression, Alkohol- und Drogenabhängigkeit, berufliche und partnerschaftliche Erfolglosigkeit."


Es gibt viel zu tun in Deutschland, Eva Herman packt es an. Sie zeigt den Müttern schon mal, wo es langgeht. Man kann das größenwahnsinnig oder weltfremd finden. Aber eines muss man ihr lassen: Ihr Vertrauen in Gott ist grenzenlos.

Das Buch

Schon als kleines Kind habe sie ein warmes Gefühl durchflutet, wenn sie in der Kinderbibel auf ein Bild der Mutter Jesu stieß, schreibt sie in ihrem neuen Buchtitel: "Das Überlebens-Prinzip". "In unserer Kinderbibel sah sie wunderschön aus, und oft holte ich das Buch nur deswegen aus dem Regal, um sie stundenlang anzuschauen."


Das ist schon eine Weile her. Aus Klein-Eva wurde Miss Tagesschau, und aus Miss Tagesschau eine jener Super-Mütter, die es scheinbar mühelos schafften, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen. Doch der Schein trog. Auch ihre dritte Ehe ging in die Brüche.

Andere Frauen in ihrer Position suchen einen Therapeuten auf. Eva Herman schrieb ein Buch. Es hieß "Das Eva-Prinzip" (2006), und man tritt ihr nicht zu nahe, wenn man ihr unterstellt, sie habe einen Sündenbock dafür gesucht, dass es ihr nicht gelang, ihr Privat- und Berufsleben auszubalancieren. Im Feminismus glaubte, sie ihn gefunden zu haben. In Karrierefrauen wie Alice Schwarzer, denen sie unterstellte, dass ihnen der Verzicht auf Nachwuchs nicht besonders schwer fiel, da sie selber eine lieblose Kindheit durchlitten hätten: "Ihr persönlich erlebter Muttermangel, der bekanntermaßen tiefe Narben in die Seelen der Menschen fräst, wurde nun einer ganzen Gesellschaft zugemutet." Es war der Beginn einer wunderbaren Feindschaft.

Die Kampagne

Glaubt man Herman, dann gipfelte sie in einer Rufmordkampagne: So habe Deutschlands Chef-Feministin nach der Veröffentlichung des "Eva-Prinzips" "in einer Rundmail ihre Emma-Abonnenten angeschrieben, sie sollten sich bei der Tagesschau beschweren und meine Entlassung" aufgefordert.

Die Redaktion der „Emma“ wollte die Anschuldigungen Hermans auf Anfrage von Morgenpost Online nicht kommentieren. Stattdessen schickte sie die besagte Rundmail an „ihre Freundinnen und Freunde“. Darin erinnert die Emma-Redaktion daran, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern zu den Grundsätzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehöre – und dass Herman, im Nebenjob „Blondinendarstellerin in Boulevardblättern“, diesen Anspruch mit ihrer "Suada“ konterkariert hätte. Unter dem Schreiben steht die Emailadresse des Chefredakteurs der „Tagesschau“, Knai Gniffke. Die Mail lässt viel Interpretationsspielraum zu: Wer mag, kann daraus tatsächlich den Aufruf ablesen, Gniffke zu kontaktieren. Allerdings wohl nicht deshalb, um Herman für das Bundesverdienstkreuz vorzuschlagen.


Tatsächlich erklärte der NDR seiner beliebten Nachrichtensprecherin kurze Zeit später, ihre provokanten Thesen seien nicht mit ihrem Job im Fernsehen vereinbar. Da hatte sie das Rad schon zurückgedreht: Frauen zurück an den Herd, Männer an die Front. Willkommen in der Steinzeit.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Vita nahm sich diese Forderung wie ein ungeschickter PR-Schachzug aus. Sie selber hatte sich von der Hotelfachfrau zur beliebten Fernsehmoderatorin hochgerackert. Mit welchem Recht sprach sie anderen Frauen den Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung ab?

Jetzt ist Herman dort angekommen, wo sie angeblich schon immer hinwollte bei sich selber. Ihrem neuen Buch hat sie ein Zitat von Friedrich Rückert vorangestellt. Es soll wohl den Eindruck erwecken, als hätte sie ihren Frieden gefunden, trautes Heim, Glück allein. "Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die im Irrtum verharren, das sind die Narren."

Die Predigt

Dabei ist dieses Buch eine Kampfansage, getarnt als persönliches Interview. Friedrich Hänssler, Inhaber eines der größten christlichen Verlage Deutschlands, hat es geführt. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Alice Schwarzer von ihrem Thron zu schubsen, war Herman zwar nicht gelungen. Aber der Applaus aus der Fraktion der Herdprämien-Befürworter war ihr gewiss. Als Werbeträgerin und Wanderpredigerin machte sie also eine gute Figur.

"Gott ist jederzeit anwesend für mich", antwortete sie auf die Frage, was ihr Gott bedeute. "In vielen Situationen, in denen es vielleicht für manche Menschen fast aussichtslos gewesen wäre, hilft er mir und beschützt mich. Nehmen wir mal diese Kerner-Sendung. Sie konnte ich nur überstehen, indem ich einfach betete."


Es sollte ihr nicht viel nutzen. Am Ende lud sie Kerner ein, seine Sendung zu verlassen. Inzwischen hat sich der Moderator für sein Verhalten entschuldigt.

Und man könnte auf die Idee kommen, weise, wie Eva Herman auf der letzten Etappe der Maria-Werdung geworden sei, schließe sie den Kollegen in ihr Nachtgebet mit ein. Doch so weit reicht ihre Güte eben doch nicht. Auf einer ganzen Seite führt sie Hinweise an, die den Verdacht nähren, der Eklat in Kerners Sendung sei inszeniert gewesen. Einer lautet: "Während der Sendung wurde mehrfach von einem der Talkgäste gefragt: 'Wann machen wir denn endlich das, was wir beschlossen haben?'" Auf einer Pressekonfernez hat Johannes B. Kerner jedoch später eindeutig dementiert, dass er den Eklat tatsächlich geplant habe.

Der Auftritt

Keine Frage: Der Auftritt hat sie, einen ausgebufften Medienprofi, traumatisiert. Die Unterstellung, sie habe die Familienpolitik im Dritten Reich gelobt, schmerze sie noch heute, schreibt sie. "Anfangs war ich derart verzweifelt darüber, dass ich das Haus für zwei, drei Wochen nicht verließ." Der Moderator hätte versucht, sie in eine rechte Ecke zu drängen. Es sei ihr vorgekommen, als trage sie einen Stempel auf der Stirn.

Inzwischen haben ihr mehrere Gerichte attestiert, dass ihre Äußerungen zur NS-Familienpolitik falsch zitiert worden sind. Doch der Spitzname "Eva Braun" (taz) ist geblieben. Darüber kann auch der Heiligenschein nicht hinwegtäuschen, der seit dem Tod ihrer Mutter ihr güldenes Haar umgibt.

Vor wenigen Monaten ist sie gestorben. Auf dem Sterbebett hätten sie sich ausgesöhnt, schreibt Herman. Vermutlich hat sie ihr bei dieser Gelegenheit verziehen, dass sie als Kind nicht gestillt wurde. Es war die letzte Hürde, den die Tochter auf ihrem Weg zur Mutter-Gottes-Werdung überspringen musste.

Maria, hilf!