Auktion

Erinnerungsstücke von Gandhi versteigert

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Hannes Stein

Foto: AFP

Bei einer Auktion in New York sind Erinnerungsstücke von Mahatma Gandhi für eine Millionensumme versteigert worden. Im Vorfeld war es zu Protesten aus Indien gegen die Versteigerung gekommen. Die Gegenstände, zu denen auch die berühmte runde Brille Gandhis gehört, gingen an einen indischen Milliardär.

Halb vier. So hatte es in der E-Mail des Auktionshauses an der Madison Avenue gestanden: Um 15.30 Uhr würden die Habseligkeiten von Mahatma Gandhi versteigert. Als da wären: eine kleine, runde Drahtbrille, ein zugehöriges Etui. Eine billige silberne Taschenuhr, die Gandhi einst seiner Großnichte geschenkt hatte. Ein Paar abgetragene Lederlatschen – angeblich gab Gandhi sie einem britischen Offizier in Aden, als er gerade auf dem Weg nach Großbritannien war. Dann noch eine einfache Messingschüssel und ein Teller.

Zum Glück verfügt der Schreiber dieser Zeilen über einen eher preußischen Begriff von Pünktlichkeit: Kurz nach drei betrat er den Auktionssaal. Dort herrschte schon mächtig dicke Luft, die Gebote hatten eben die Millionen-Dollar-Grenze überstiegen. Der Raum war gestopft voll: Vorne drängelten sich die Bieter, hinten stiegen die Journalisten einander auf die Füße. Ein Fotoreporter hielt mit ausgestrecktem Arm seinen Apparat in die Höhe und schoss aufs Geratewohl eine Serie Bilder über die Köpfe hinweg: klick-klack-klack-klack-klack. „Ich glaub's einfach nicht!“, rief hinter ihm verärgert ein Kameramann aus, dem der Arm des Kollegen quer durchs Bild ragte. Dem Schreiber dieser Zeilen aber schoss durch den Kopf: Da habe ich die goldenen Türen ja gerade noch rechtzeitig passiert. In das Foyer des Wolkenkratzers, in dem das Auktionshaus Antiquorum untergebracht ist, gelangt man nämlich nur durch Tore, die so golden sind, als würde man vorzeitig ins Paradies – ganz gleich, welcher Religion – eingehen. Hat Gandhi nicht kurz vor seinem Tod gesagt: „Ich bin Hindu und Muslim, ich bin Christ und Jude?“

Fünfter Stock.„Gegen euch alle kommt hier ein Gebot per Internet“, rief im Auktionssaal der Auktionator aus, „das Gebot stammt aus Großbritannien.“ Auf einem großen Bildschirm, der über aller Häupter angebracht war, erschien neben den Siebensachen von Mahatma Gandhi eine etwas unglaubliche Zahl: 1.200.000. „Das gibt ganz bös Ärger“, dachte der Berichterstatter bestürzt. „Wenn Gandhis Brille samt Etui jetzt ausgerechnet in England landet, womöglich noch auf der Nase der Queen – dann gute Nacht.“ In Wahrheit hatte es den Ärger natürlich schon im Vorfeld der Versteigerung gegeben. Tushar Gandhi, der Urenkel des großen Mannes, hatte es als „unmoralisch“ bezeichnet, dessen Habseligkeiten zu versteigern, denn diese „gehören Indien und dem indischen Volk“. Zwischen dem indischen Generalkonsulat und der Auktionsfirma hatten ernste Gespräche stattgefunden. Ein Gericht in Neu-Delhi hatte den Verkauf oder die Versteigerung des Besitzes von Gandhi für ungesetzlich erklärt. Indessen hat ein indisches Gericht keine Macht über das, was in Manhattan vor sich geht.

Katholisch gesprochen, handelt es sich bei Gandhis Brille, seinen Sandalen et cetera um Berührungsreliquien. Verehrungswürdig ist nämlich nicht nur der Zahn aus dem Gebiss des Heiligen oder die Phiole mit seinem eingetrockneten Blut: Auch das, was der heilige Mann angefasst, an den Füßen getragen oder auf der Nase gehabt hat, strahlt im Glanze seines Charismas. Allerdings muss die Frage erlaubt sein: War Mahatma Gandhi, der in Indien den gewaltlosen Widerstand gegen die britische Kolonialmacht führte, überhaupt ein Heiliger? Antwort: aber ja. Just darum sollte seiner nicht mit Nachsicht, sondern mit Misstrauen gedacht werden. „Heilige haben – bis zum Beweis des Gegenteils – als schuldig zu gelten“, notierte George Orwell. „Kein Zweifel: Alkohol, Tabak und so weiter sind Dinge, von denen ein Heiliger sich fernhalten sollte, aber andererseits ist Heiligkeit etwas, von dem menschliche Wesen sich fernhalten sollten.“

Übrigens sind wir mittlerweile bei anderthalb Millionen angelangt. Dieses Gebot kommt nicht mehr aus dem Internet und, gottlob, auch nicht aus Großbritannien: Es stammt von hier, aus der Mitte des Raums. Bei 1,8 Millionen Dollar ist dann Schluss. „Haben wir's geschafft?“, fragt der Auktionator über die Köpfe hinweg. „Ist das hier das letzte Gebot?“ Mit einem trockenen Hammerschlag gilt der Deal. Daraufhin bricht prompt das Pandämonium los: Die Journalisten stürzen nach vorn, die Auktionsgäste stürzen zum Ausgang. Diese beiden Kräftevektoren müssen mit mathematischer Gewissheit aufeinanderprallen. Ein Sprecher von Antiquorum gibt für die Kameras ein kurzes Statement ab: „Der Zuschlag ging nach Indien, so hatten wir das hier auch gehofft“ – aber nein, den Namen des Käufers nennt er selbstverständlich nicht.

Er verrät nicht, dass Gandhis Brille an den Geschäftsmann Tony Bedi ging. Bedi soll im Auftrag des Chefs der indischen UB Group, Vijay Mallya, gehandelt haben, der die Gegenstände der indischen Regierung übergeben will. Sie sollen nun in Neu-Delhi ausgestellt werden.