Hunderte haben vor der Schule schon Kerzen angezündet, Blumen niedergelegt und dazu Fotos von den Opfern. „Schatz, Du wirst immer in meinem Herzen sein“, steht da auf einem Zettel, auf dem das Bild der 15-jährigen Jaqueline zu sehen ist. Ein letzter Brief von ihrem Freund: „R.I.P. Jacky“. Darauf liegen rote Rosen. Um das Leid der Hinterbliebenen in Worte zu fassen, hat die Berliner Morgenpost mit Betroffenen gesprochen und erzählt beispielhaft einige Schicksale.
Jana Sch. (14) hatte morgens im Bus noch Späße gemacht mit ihrer Freundin, wie fast jeden Morgen auf dem Weg zur Schule. Keine zwei Stunden später, noch vor der ersten großen Pause, war sie tot. Das lebenslustige Mädchen aus dem Örtchen Weiler am Stein starb im Kugelhagel des ausgerasteten Tim K., mitten im Unterricht.
"Wir hatten noch so viel vor“
Ihre beste Freundin Vivienne Laabs (14) saß zu dem Zeitpunkt ein Stockwerk tiefer. Der Amokschütze stand auch an der Tür ihrer Klasse, er kam aber nicht hinein. „Wir haben zwei Schüsse gehört“, erinnert sich Vivienne. Die Lehrerin habe später die Tür einen Spalt geöffnet, danach hätten sie das Drama erst bemerkt. Und die Achtklässlerin erfuhr, dass ihre Freundin aus der Neunten nicht mehr lebt.
"Ich kann es mir nicht vorstellen, dass sie nicht mehr da ist“, sagt die 14-Jährige mit dünner Stimme. „Wir hatten noch so viel vor.“ Jana habe doch immer so gern getanzt, sogar in einem Verein sei sie gewesen. Vivienne kann das ganze Unglück gar nicht richtig fassen.
Jeden Tag haben sich die beiden Mädchen getroffen. Fast acht Jahre sind sie morgens immer zusammen mit dem Schulbus gefahren. Tim K. hätten sie wohl gekannt, aber nur vom Sehen. Er sei ihnen allerdings immer nur aufgefallen, weil er mit niemanden etwas zu tun haben wollte. Meistens habe er einen traurigen Eindruck gemacht. Jana lebte im gleichen Ort wie Tim, in Weiler zum Stein in der Gemeinde Leutenbach, zwölf Kilometer von der Albertville-Realschule entfernt.
Der 17-Jährige soll sich für ein Mädchen in der Nachbarschaft interessiert haben, seine Werbungsversuche seien aber eher erfolglos gewesen, sagt Staatsanwalt Siegfried Mahler am Morgen nach der Tat.
Umso auffälliger erscheint es, dass der depressive 17-Jährige auch in seiner direkten Umgebung zwei Leben zerstört hat: Stefanie K. (15) wohnte keine 100 Meter vom Elternhaus ihres späteren Mörders entfernt. Wie die meisten Mädchen in ihrem Alter mochte Steffi Diskomusik und den Sänger Robbie Williams; Fotos zeigen sie zumindest neben einer Wachsfigur ihres Lieblingsstars.
Chantal Ch. (16) begeisterte sich mehr für Metal-Musik. Genau wie ihr Bruder, der am Morgen nach dem Massaker mit rot unterlaufenen Augen im Ort gesehen wird. Chantal ist das dritte Todesopfer, das in der Nähe des Hauses wohnte, in dem der Amokläufer von Winnenden ein vermeintlich normales Leben mit seinen Eltern führte.
Unter den Tischen in Deckung gegangen
Chantal wurde am Mittwochmorgen tot an ihrer Klassentür gefunden. Ihr Mitschüler Patrick S. (15) überlebte das Blutbad. „Wir hatten gerade Deutsch, als Tim in die Klasse gekommen ist“, erzählt er später einem Reporter der zeitung Bild.
Auch Patrick glaubte zunächst an einen schlechten Scherz, als plötzlich diese bewaffnete Person im schwarzen Kampfanzug in der Schule auftauchte. „Er hat nichts gesagt, einfach nur geschossen.“ Sehr oft habe es geknallt. Seine Mitschüler seien neben ihm zusammen gebrochen. Dann hätten sie die Tische umgekippt, seien in Deckung gegangen, hätten die Tür verbarrikadiert. „Plötzlich merkte ich, dass ich getroffen wurde: in den Rücken, in den Arm, in die Wange“, erzählt Patrick, der jetzt nur einige Pflaster trägt. Nach dem ersten Schock sah er dann seine Klassenkameradin Chantal. „Sie saß an der Tür. Tot.“
Acht Schülerinnen hat Tim K. umgebracht. Der einzige Junge, den er traf, konnte nicht schnell genug flüchten: Ibrahim Y., ein Kind albanischer Eltern, spielte in der B-Jugend des SV Winnenden. Seine Sportfreunde schätzten ihn, nicht nur als guten Mittelfeldspieler. Dem 17-jährigen Ibrahim Y. wurde am Morgen des 11. März eine Knie-Verletzung zum Verhängnis: Nach einem Kreuzbandriss ging an Krücken und konnte sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen.
Wie dicht das Leid in der schwäbischen Kleinstadt nun beieinander liegt, bemerkte auch ein Polizist. Während des Einsatzes beim Amoklauf erfuhr er, dass seine Frau bei dem Massaker in der Realschule ums Leben kam. Der Mann hörte die schlimmen Nachrichten im Radio, teilt die Polizei mit. Später sei es traurige Gewissheit geworden, dass seine Frau, eine Lehrerin, unter den Opfern war. Möglicherweise hatte sich die Frau des Polizisten dem Täter noch in den Weg gestellt.
Nach Informationen von Morgenpost Online warf sich auch eine junge Lehrerin namens Nina M., 24 oder 25 Jahre alt, schützend vor ihre Schüler und rettete ihnen damit das Leben. Sie hatte erst seit knapp einem Jahr an der Realschule unterrichtet, Kunst und Religion. Ein etwas länger gedienter Kollege, der Mathematiklehrer Jochen Wilhelm, kommt in der Tragödie eine Art Heldenrolle zu: Er suchte beim Amoklauf unter seinem Pult Deckung, schnappte sich am Boden liegend das Handy eines Schülers und alarmierte die örtliche Polizei. Die rückte wenige Minuten später an, vertrieb Tim K. und verhinderte Schlimmeres in der Schule.
Angehörige können am Donnerstagabend Abschied nehmen von den getöteten Kindern und ihren Lehrerinnen. Die von Beerdigungsinstituten hergerichteten Leichen werden in offenen Särgen in einem Krankenhaus aufgebahrt. Zugang bekämen aber nur unmittelbar betroffene Eltern und Verwandte, erklärt Wolfgang Schiele vom Regierungspräsidium Stuttgart. Jeder Familie stehe nun ein Team aus zwei Psychologen zur Seite. Das Land will heute Vormittag Kondolenzbücher für die Bevölkerung auslegen.
In vielen deutschen Städten trauern nun Schüler und Lehrer mit den Hinterbliebenen und Überlebenden aus Baden-Württemberg. Selbst Papst Benedikt XVI. spricht den Opfern des Amoklaufes seine Anteilnahme aus. Mit Betroffenheit und Trauer habe der Heilige Vater von dem Amoklauf mit 16 Toten erfahren, heißt es in einem Schreiben an den Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst.
Selbst Frankreichs Präsident Nikolas Sarkozy schickt Beileidsbekundungen nach Winnenden. Dessen französische Partnerstadt Albertville hat am Sonntag eigentlich ein Mädchen aus der betroffenen Realschule zum Schüleraustausch erwartet – doch es starb beim Amoklauf. Insgesamt seien 15 Schüler aus Winnenden von ihren Gastfamilien erwartet worden, sagt eine Sprecherin der Verwaltung Albertvilles, die seit 40 Jahren eine Städtepartnerschaft mit Winnenden pflegt. „Die Einwohner waren erschüttert, als sie von dem Amoklauf hörten.“ Das Rathaus hat halbmast geflaggt. Der Bürgermeister wird nächste Woche nach Baden-Württemberg reisen.
Der Weg des Amokläufers
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Die offizielle Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs findet am 21.März in Winnenden statt. Ab 11 Uhr werden zum Gottesdienst unter anderen Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Günther Oettinger erwartet.
Kinder brauchen jetzt die Eltern
Am Tag nach dem Massaker erlebt Schuldekan Hans-Jörg Samrock nun Entsetzen, Schock und Trauer. „Wir treffen auf Kinder, die heute im Unterricht verlangt haben, dass man die Türen zum Klassenzimmer zuschließt, die sich verängstigt von den Eltern abholen ließen“, sagt Samrock, der für die Schulen in den Dekanaten Schorndorf und Waiblingen zuständig ist. Erst langsam würden Jugendliche und Erwachsene erfassen, was geschehen ist.
So geht es auch Vivienne. „Es ist unvorstellbar, dass sich innerhalb eines Tages alles ändert“, sagt die Freundin der toten Jana Sch.. Deren jüngere Schwester hat der Amokläufer zum Einzelkind gemacht.



