Von Die Kartons sind Oliver Schneider ein Rätsel. Diese flachen, weißen Pappkartons. Mittags und abends werden sie an seinem Schaufenster vorbeigetragen, Tag für Tag. Schneider schaut nach draußen in eine der Straßenschluchten Frankfurt-Bockenheims unweit der Uni, und sein kleiner, blonder Pferdeschwanz scheint sich zu sträuben vor Unwillen. Auf seinem Schaufenster steht nichts als der stolze Schriftzug "Olivers Art Cuisine" und darüber eine stilisierte Olive. "Hier in Bockenheim haben wir 15 oder 18 Pizzerien. Was die Leute da in Kartons rausschleppen, stapelweise, kostet in der Herstellung vielleicht 50 Cent, sie bezahlen aber sechs Euro, und das Zeug macht sie fett."

Schneider ist 28 und hat schon für ein Zwei-Sterne-Restaurant gearbeitet, hat für die Bundesbank in Frankfurt gekocht, für die Parlamentarische Gesellschaft in Berlin, wo Bush und Putin zu Gast waren, hat Wanderjahre durch Küchen auf drei Kontinenten hinter sich. Dann zog es ihn zurück ins heimatliche Bockenheim, doch sein Restaurant dort rechnete sich nicht. "Früher gingen die Leute einmal pro Woche essen, jetzt nur noch einmal im Monat. Die können sich das nicht mehr leisten." Also hat er aus seinem Restaurant eine Kochschule gemacht, bietet Kurse an zur authentischen chinesischen Küche oder zu Wild, zu Fisch, zu Desserts oder zu Wintergemüse aus der Region: "O Sole Bio" hat er seinen vegetarischen Kochkurs genannt.

Sein "Hartz-IV-Kochkurs: Viel Geschmack für wenig Geld" ist für ihn ein Zuschussgeschäft. Ganze neun Euro kostet es, sich von ihm zeigen zu lassen, wie man eine billige, aber gute und gesunde Mahlzeit zubereitet. Schneider hat das einmal monatlich im Lehrangebot: Rund vier Stunden über Mittag, Getränke sind extra zu bezahlen. Der Kurs hat sich zu einem echten Renner entwickelt. Auch bei Arbeitslosen, sicher. Beliebt ist die Schulung aber auch bei Beratern, Sozialhelfern, Fernsehleuten, Reportern. Jeden, der sich anmeldet, macht Schneider inzwischen routinemäßig darauf aufmerksam, dass möglicherweise ein Kamerateam dabei sein wird, das ihn um sein Einverständnis bittet, gefilmt zu werden.

Diesmal ist das ZDF da, das Wirtschaftsmagazin "Wiso" mit Kameramann, Tonmann und Regisseurin. Dazu zwei Teilnehmer von einem Altenclub aus einer als steinreich verschrieenen Taunusvorstadt Frankfurts, eine Mitarbeiterin einer Anlaufstelle für Menschen mit sozialen oder wirtschaftlichen Problemen und ich, ein Journalist. Keine Hartz-IV-Empfänger weit und breit. Spät taucht noch ein Mitarbeiter von Pro7 auf, mustert das Konkurrenzteam vom ZDF und poltert herum, weil er offensichtlich meint, ein Berichterstattungsmonopol auf Schneiders Kurs zu haben. Doch der komplimentiert ihn flott hinaus, denn Schneider will endlich kochen.

Als Vorspeise soll es Kürbissuppe mit Kokosmilch geben. Hauptgang: Lammhüfte, Kartoffelgratin, Karottengemüse. Sieben Portionen für zusammen 30 Euro, rund 4,50 Euro pro Person. Das Gratin macht er ohne Käse und fast ohne Fett. "Fett kriegen die Leute schon genug aus dem Pizzakarton. Der Käse deckt geschmacklich alles zu. Brauche ich beides nicht." Nur mit Milch, nicht mit Sahne kocht er die fein geschnittenen Kartoffeln, dann ab damit in Gratin-Schalen und bei 140 Grad in den Ofen. "Lammhüfte ist zart wie Lammrücken, aber um die Hälfte billiger. Ein kleiner Hokkaido-Kürbis kostet nur wenige Cent, reicht aber für alle. Einfach nur die Kerne herausnehmen, mit Schale kochen. Die Kokosmilch: halber Liter, 80 Cent beim Asia-Markt."

Schneider spricht, als hätte der ZDF-Tonmann seinen Rekorder auf "Fast Forward" gestellt. Er rattert die finsteren Folgen herunter, die Fett oder Glutamat für den Körper haben, schwärmt von Ghee, der gereinigten Butter, ihrer Haltbarkeit, Sparsamkeit, Sauberkeit, mahnt, Knoblauchreste und Karottenschalen ja für den Gemüsefonds aufzuheben ("Was die Leute alles wegschmeißen!"), malt uns aus, wo in unserem Gaumen wir die Gewürze schmecken werden und welche gesundheitsfördernde Wirkung jede einzelne Zutat an welcher Stelle des Körpers entfaltet. Wenn man Schneider reden hört, glaubt man zu verstehen, weshalb Köche von Biolek bis Mälzer zu den Stars unserer Zeit gehören. Sie sind säkulare Prediger, die uns endlich sagen, was gut für uns ist, Lehrer, die uns zeigen, wie wir richtig für uns sorgen, Missionare der Lebensweisheit, die nicht Askese verlangen, sondern sinnliches Glück verheißen: "Du bist, was du isst."

Auf die Idee zu seinem Kurs ist Schneider durch den Hartz-IV-Speiseplan von Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin gekommen. 4,25 Euro gesteht der Regelsatz jedem Arbeitslosen für seine tägliche Ernährung zu, Sarrazin zauberte daraus unter anderem zum Mittagessen eine Bratwurst für 38 Cent, 150 Gramm Sauerkraut für 12 Cent, Kartoffelbrei aus der Tüte für 25 Cent plus Gewürze und Öl für 20 Cent. Ein Menü, von dem sich Schneider mit einem Grausen wendet, dass der Pferdeschwanz schlackert. Da sind so ziemlich alle Dick- und Krankmacher versammelt, vor denen er warnt. So was bleibt auf Dauer nicht ohne Folgen. Du bist, was du isst. Statistisch gesehen ist Fettleibigkeit längst kein Wohlstandsphänomen mehr, sondern ein Symptom der Armut.

"Sechs bis acht Euro pro Tag" – so viel braucht nach Oliver Schneider schon für ein ebenso gesundes wie gutes Essen. Auch wenn selten Fleisch auf den Tisch kommt und jeder Gemüserest in den Fonds wandert. Außerdem sollte man die Bereitschaft zu kochen mitbringen – statt Fertigware in die Mikrowelle zu stellen. "Viele haben schon von einfachsten Küchenarbeiten keine Ahnung mehr, können kein Eigelb vom Eiweiß trennen", sagt Schneider. Dabei zählten, sagt er, "Essen und Sex, Kochen und Fortpflanzung" doch zu den elementaren Bedürfnissen des Lebens.