Abkürzungen sind nicht oft nur unverständlich und irreführend, sondern nicht selten auch irreführend und ärgerlich. Im Gegensatz zu wenigen Kurzformen, welche keine Erklärung bedürfen, können viele sinnlose Abkürzungen vermieden werden. Eine Bestandsaufnahme.

Ist Ihnen der Unterschied zwischen Isaf- und OEF-Einsatz geläufig? Wissen Sie, was sich hinter BVG und BA verbirgt? Und wofür stehen HVB und ALG? Die genannten Abkürzungen stammen allesamt aus Überschriften, Vorspannen und Artikeln deutscher Zeitungen, und sie sind ein Ärgernis, weil kaum jemand sie kennt, geschweige denn versteht – im Unterschied zu SPD und CDU, ARD und ZDF, Nato und EU, die keiner Erläuterung bedürfen.


Dass aber Isaf die Internationale Schutztruppe in Afghanistan ist und OEF für Operation Enduring Freedom steht und den Antiterrorkampf am Hindukusch bezeichnet, dürfte nur eine Minderheit der Leser auf Anhieb wissen. Trotzdem wird dieses Wissen in vielen Artikeln einfach als bekannt vorausgesetzt, oft stehen kryptische Abkürzungen sogar in der Überschrift.


Zum Beispiel in der „taz“ („Tote bei Isaf-Luftangriff“) oder in der „FAZ“ („ALG trotz Abfindung“) – doch ist allgemein bekannt, dass ALG für Arbeitslosengeld steht? Nein. Im „Focus“ wiederum war jüngst von einer „Rüge für HVB“ zu lesen. Wer aber ist HVB? Bei Google erhält man zu diesem Suchbegriff mehr als drei Millionen Einträge, darunter den Handball-Verband Berlin, das Hildegard-von-Bingen-Gymnasium in Köln, eine Firma namens Handel und Vertrieb von Bauelementen in 38159 Vechelde-Bettmar sowie die Hypovereinsbank in München, um die es am Ende in dem „Focus“-Artikel ging.


Abkürzungen, die vermieden werden sollten


Dass Abkürzungen oft nicht eindeutig zuzuordnen sind und also vermieden werden sollten, beweist augenfällig der 28. September. Da schrieben sowohl das „Hamburger Abendblatt“ als auch das „Handelsblatt“ über den BA-Chef. Merkwürdig nur, dass er im „Abendblatt“ Willie Walsh hieß und im „Handelsblatt“ Frank-Jürgen Weise. Des Rätsels Lösung: Ersterer ist der Chef von British Airways, letzterer der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit.


Am 10. Oktober wiederum stolperten die Leser der „Frankfurter Rundschau“ in ein- und derselben Ausgabe über die Abkürzung BVG. Auf Seite 5 war von einem „BVG-Fahrer mit fettigen Haaren“ die Rede, während auf Seite 13 ein „Urteil des BVG Leipzig“ beschrieben wurde. Dass das eine die Berliner Verkehrsbetriebe waren und das andere das Bundesverwaltungsgericht, durfte sich der Leser denken.


Gern schmücken sich Redakteure auch mit Fachwissen, das sie durch übermäßiges Verwenden fachchinesischer

Abkürzungen unter Beweis stellen. In Motor-Texten braust deshalb gern mal ein SUV durch die Zeilen, das noch nicht einmal über ESP verfügt. Alles klar? Wenn nicht: Ein SUV (Sport Utility Vehicle) ist ein Auto, das wie ein Geländewagen aussieht, aber kein Geländewagen ist, und ESP heißt „elektronisches Stabilitätsprogramm“ und verbessert die Fahrsicherheit, nicht aber die Textqualität.


Die Moral von der Geschicht: Verwende krude Abkürzungen nicht. Die führen nämlich zur VuVdL, zur Verwirrung und Verärgerung des Lesers.

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