Ein Berliner Polizist hat am Silvesterabend im brandenburgischen Landkreis Oberhavel einen flüchtigen Mann erschossen. Der 26-jährige Tatverdächtige, der mit zwei Haftbefehlen gesucht wurde, widersetzte sich seiner Festnahme, wie die Staatsanwaltschaft Neuruppin gestern mitteilte. Als er mit seinem Auto einen Polizisten und ein Polizeifahrzeug rammte, schoss einer der Zivilbeamten auf den Wagen des Verdächtigen, der dabei am Oberkörper getroffen wurde.
Die drei Berliner Polizeibeamten wollten den gesuchten 26-jährigen Dennis J. am Mittwochabend gegen 19 Uhr in der Gemeinde Schönfließ, nördlich von Berlin, festnehmen. Zu diesem Zeitpunkt soll der Verdächtige in seinem auf einem Parkplatz abgestellten Jaguar gesessen haben. Nach Informationen von Morgenpost Online soll der Gesuchte im Ort seine Freundin besucht haben.
Nachdem Dennis J. die Zivilbeamten bemerkt hatte, versuchte er, mit seinem Wagen zu fliehen. Dabei erfasste er einen der Polizisten am Bein und rammte den Dienstwagen. Einer der drei Beamten schoss auf das Auto des Verdächtigen. Der Fahrer wurde im Oberkörper getroffen und verstarb kurz darauf trotz des schnellen Eintreffens von Rettungskräften. Er war nicht bewaffnet.
Die Staatsanwaltschaft Neuruppin übernahm die Ermittlungen. Gegen den Polizisten soll ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Totschlags eingeleitet werden, um die Rechtmäßigkeit des Schusswaffeneinsatzes zu klären. Zudem wurden die Obduktion der Leiche und die Untersuchung des Fluchtautos angeordnet. Dabei soll auch geklärt werden, ob der Mann durch einen direkten Schuss oder durch einen Querschläger im Wagen getötet wurde.
Die tödliche Schießerei sorgt auch innerhalb der Polizei für kritische Diskussionen. Die drei Zivilbeamten vom Streifendienst VB (Verbrechensbekämpfung) des Abschnitts 25 vom Kurfürstendamm in Charlottenburg waren zuvor über Stunden im Einsatz, um Dennis J. festzunehmen. "Eigentlich ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr für solche Zugriffe eher ungewöhnlich", sagte ein hochrangiger Beamter gestern.
Normalerweise würde in diesem Zeitraum nur bei besonders gefährlichen Tätern eine Festnahme eingeleitet. "Dann wäre aber auch das Mobile Einsatzkommando oder gar das Spezialeinsatzkommando zum Einsatz gekommen", so der Beamte. Der gesuchte J. soll sich mit vergleichsweise harmlosen Delikten wie Sachbeschädigung, Diebstahl, Nötigung und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr in Verbindung mit Fahren ohne Führerschein schuldig gemacht haben.
Dennis J. fuhr am Silvesterabend mit einem Jaguar, dessen Kennzeichen im Bereich des Polizeiabschnitts 42 (Schöneberg, Friedenau) gestohlen worden sein sollen, nach Schönfließ. Sein Ziel war offenbar die Feldahornstraße, wo die Freundin des 26-Jährigen wohnt. Zwei Schwestern aus der Nachbarschaft hatten sich mit einem Freund gegen 17.30 Uhr zufällig an der Feldahornstraße aufgehalten und erlebten den Zwischenfall aus nächster Nähe.
Eine der Jugendlichen schilderte gegenüber Morgenpost Online, wie sie den Versuch der Festnahme, in deren Folge Dennis J. ums Leben kam, wahrgenommen hatte: "Wir hatten draußen ein paar Silvesterböller knallen lassen und sahen einen Sportwagen, einen Jaguar, der mit laufendem Motor in einer Parklücke stand. Schräg davor stand ein silbergrauer Wagen. Zwei Männer sprachen durch die Scheibe mit dem Jaguar-Fahrer und wollten die Wagentür mit Gewalt aufreißen", sagte Miriam B.* Morgenpost Online.
Dann sei plötzlich ein Schuss - offenbar ein Warnschuss - gefallen. Der Mann im Jaguar habe im nächsten Moment den Rückwärtsgang eingelegt, sei zunächst gegen einen Zaun und danach wieder vorwärts weitergefahren. Dabei erfasste der Wagen nach Angaben der Staatsanwaltschaft Neuruppin einen der Beamten am Bein und rammte das Polizeiauto, in dem einer der Zivilbeamten saß. Einer seiner Kollegen zog daraufhin seine Dienstwaffe und feuerte auf den Jaguar des Flüchtenden.
Die jugendlichen Zeugen wollen zwei weitere Schüsse gehört haben. Doch der Jaguar sei weiter die Straße entlang gerast. "Wir wollten über die Straße gehen und merkten, dass der Wagen nicht langsamer wird. Also drehten wir um. Im nächsten Moment krachte der Wagen schon voll in drei oder vier geparkte Autos", erinnerte sich die Schülerin.
Die drei Jugendlichen liefen zu dem Unfallwagen, weil sie dem Verunglückten zu Hilfe kommen wollten. Als sie den Unfallort erreichten, hielt ein Mann in einer weißen Jacke die Teenager zurück. Der Polizist in Zivil, der eine weiße Wollmütze trug, gab sich den Jugendlichen als Polizist zu erkennen und forderte sie auf, zurückzubleiben. Kurz darauf tauchten, durch den Lärm der Schüsse und des Unfall aufgeschreckt, Nachbarn aus dem Wohngebiet am Unfallort auf, darunter Miriams B.s Mutter.
"Als ich hinzukam, sagte mir Miriams Freund schon, der Mann im Wagen sei tot. Von einem Rettungswagen war weit und breit nichts zu sehen", berichtete die Frau. Unterdessen habe der Polizist mit der weißen Mütze telefoniert. Er brauche keine Verstärkung mehr, er habe ihn erwischt, will Miriam B. verstanden haben.
Einer der Nachbarn, ein ausgebildeter Sanitäter, habe dann mit einem zweiten Polizisten den 26-Jährigen aus dem Auto gezogen. Der Sanitäter habe mit einer Herzdruckmassage versucht, Dennis J. zu reanimieren. * Name geändert
ddp/sei

