Alles hat seine Zeit. Süße Küsse und eine beleidigte Leberwurst spielen leider auch. Tanzen hat seine Zeit, Stillstehen hat seine Zeit. Sprechen und Schweigen, zusammen und alleine sein, Auftanken und Verbrauchen hat seine Zeit. Miniröcke haben ihre Zeit, Pelzmäntel haben ihre Saison. Lachen hat seine Zeit, genauso wie Weinen, sich Nahesein, voneinander Entfernen.
Konträr zur desaströsen Wetterlage zeugte meine Stimmung in den letzten zwei Monaten offensichtlich von tropischer Leichtigkeit, sprich: von verbranntem Verstand und zart gebräunten nackten Tatsachen, eine Möchtegernrockband mit dem passenden Namen „Juli" würde jetzt „Geile Zeit" krächzen und sie hätte recht damit.
Alles stimmt und was nicht passt, wird eben passend gemacht. Die Kernaussage der letzten Kolumnen beläuft sich auf „Juhuuu" und „Rein in die Tanzschuh?" und Sie, liebe Leser, schüttelten verständlicherweise den Kopf und dachten oder verkündeten: Das kann doch nicht gesund sein!
Nun, sage ich, in jedem Fall weiß ich inzwischen wieder, was jeder Gipfelstürmer im Laufe seiner wolkigen Exkursionen lernt: Es macht nur deshalb soviel Freude, einen Berg zu bezwingen und ganz auf der Höhe zu sein, weil es Täler gibt. Keines von beidem ist besser, denn ohne das Eine, würde das Andere nicht existieren, die Position „on top" ist einfach nur ein wenig näher am Himmel.
Wer wie ich als Kind gerne Achterbahn gefahren ist, weiß: Die wahre Herausforderung ist der Absturz. „Wenn ich falle, werde ich weinen vor Glück?“, sagte Samuel Beckett. So gesehen bin ich froh, auf das ungetrübte Glück reingefallen zu sein, andererseits und ganz unter uns: Immenses dauerhaftes Wohlgefallen ist nah dran an Bequemlichkeit und flirtet mit dem Todeskuss der Stagnation, der Langeweile. Zu Ihrer Beruhigung, ach was, Ihrer Freude, der Erhörung Ihrer Gebete: Ich bin wieder auf dem Teppich. Nicht unter der Erde, sprich in der Liebeskummerhölle, nee, soweit würde ich nun doch nicht gehen. Der Zweifel hat für Momente wieder die Regie übernommen, die Angst hat gelacht und die Euphorie, die empfindliche, ist vor Schreck unters Bett geflüchtet.
Die Falle der Zweisamkeit
Oder simpler: Ich bin in die Falle der Zweisamkeit getappt, bin mit offenen Augen hinein gesprungen. Habe mich zu schnell zu sicher mit dem Mann gefühlt und habe das schöne Gefühl, sich schon Jahre und nicht erst acht Wochen zu kennen, mit der Realität verwechselt.
Ich glaube, dass wir alle diesen Fehler immer wieder begehen; wir glauben, den Anderen einschätzen zu können, wir verwechseln unsere Erwartung mit der Unberechenbarkeit, die das Einlassen mit einem anderen, lebendigen Wesen mit sich bringt. Wir schließen aus, dass der Andere sich verändert, noch schlimmer, wir fürchten jede Bewegung in unbekannte Gefilde, weil sie immer die Gefahr des Voneinander-Entfernens einschließt. Und darum ignorieren wir sie im schlimmsten Fall einfach.
Der Mann und ich sahen uns seit unserem Kennen zwar nur etwa viermal, aber unsere Verabredungen dauerten dafür stets rund zehn Tage. Kurzum: Wir waren fast ununterbrochen zusammen. Wir redeten uns um Kopf und Kragen, lachten, erzählten uns unsere halbe Lebensgeschichte, die wahre und die erwünschte, liebten uns und tranken Eiskaffee am See. Ich fing an ihm zu vertrauen, ich glaubte ihn bereits sehr gut zu kennen. Und dann: Pustekuchen! Gehe zurück auf Anfang, gewinne nicht die Million der Vorhersehbarkeit.
In meiner Verblendung hatte ich einem Parisurlauber geähnelt, der in der Stadt der Liebe immer wieder die Champs-Élysées herunterspaziert, in verwunschenen Cafés Milchkaffee schlürft und sich dermaßen poetisch fühlt, während er Chansons pfeifend nach Sonnenuntergang dem Eifelturm beim Funkeln zusieht.
Klar ist das alles schick und herrlich, aber es ist eine selbst initiierte Inszenierung und man sollte niemals den Fehler machen, zu vergessen, dass Paris auch schmutzige, banale, düstere und ja, hässliche Seiten hat.
Ich hatte die helle französische Seite des Mannes kennen gelernt und war der Meinung: So ist der. Einer von den Guten. Heimlich war ich mir neben ihm manchmal verdorben oder unvollkommen vorgekommen, doch ich hatte den Impuls schnell verdrängt, denn wer sich im Pariser Glanz sonnt, erlebt ein hellblaues Wunder: Er wird selbst ein wenig zu Paris.
Der Mann braucht Zeit für sich
Und dann das: Nach Wochen der Nähe und der symbiotischen Verklärung, ging der Mann plötzlich auf Abstand. Er brauche mehr Zeit für sich, er habe sich nach seiner letzten Beziehung geschworen, nie mehr in die Abhängigkeitsfalle zu tappen. Er glaube nicht an die Funktionalität der konventionellen Beziehungsformen, schließlich zeige die Realität doch, dass das romantisch verklärte Hollywood-Klischee fast immer nur zu überhöhten Erwartungen und tränenreichen „Un-happy-Endings“ führe.
Es war ein Sonntag am frühen Abend als er diese Erkenntnisse absonderte und ich war sogleich außer mir. Nicht, dass mir seine Angewohnheit, die Dinge in Frage zu stellen oder seine Abneigung gegen das verzweifelte Aneinanderklammern zweier Bedürftiger, auf den Keks ging, nein, insgeheim dachte ich ähnlich. Doch da war sie wieder, mit Pauken und ohne Trompeten: Seine amouröse Vergangenheit. Seine Liebessoap, deren Protagonistinnen ich nicht kannte und niemals kennen lernen wollte.
In meiner Wut dachte ich: Ich habe überhaupt keine Lust, in der düsteren Brühe zu baden, die andere verzapft haben. Ich will: Weiße Seiten, ein neues Kapitel, ich will zumindest die Grundhaltung spüren, zu der eigentlich bloß Narren oder Kinder fähig sind. Immer wieder so zu leben und zu lieben als sei es das erste Mal. Als seien wir noch nicht verletzt worden und als wäre unser Herz noch intakt.
Wo bleiben die Träume?
Ich sehnte mich nach ein bisschen Träumerei. Nach dem Gefühl, dass es diesmal anders sein könnte und dass man ab jetzt die Welt in Bewegung setzen wird, damit das „Für immer" aufhört, ein belächeltes Attribut für Standesamtbesucher zu werden.
Ist es wirklich bloße Verblendung und Utopie, sich frei und wild zu lieben, sich zu wünschen, dass es hält und zu wissen, dass man dafür arbeiten muss? Ich wurde laut und ungerecht, sagte, der Mann sei feige, habe seine Ex nicht verwunden, diese spanische Katastrophe habe ihn versaut und wenn er eine offene Beziehung wolle, renne er bei mir offene Türen ein, nur dass diese sich hinter ihm knallend schließen und nie wieder aufgehen würden. Der Mann sagte „Aha“. Und wurde eiskalt. Sagte Dinge, die er denkt und Dinge, an deren Lösung er besser im Stillen getüftelt hätte.
Weil ich anfing zu weinen, verließ ich den Raum, hyperventilierte in der Küche. Ich wusste: Eigentlich müsste ich jetzt gehen, Türen knallen und so schnell nicht wieder kommen. Ich wollte ihn auf Knien sehen. Ich hasste ihn. Vor allem aber hasste ich mich selbst. Ich war viel weniger frei, als ich mir eingeredet hatte, viel verletzbarer als mir das Glück vorgegaukelt hatte. Ich war nicht unberührbar und der Mann war kein Engel, sondern ein Ganove - und zwar nicht immer ein charmanter.
Es war der Prüfstein: Inwieweit war mein Seelenfrieden und meine Hochphase von seinem Verhalten abhängig?
Ich blieb. Schickte stattdessen den falschen Stolz nach Hause, trank Wein auf Ex und entschied mich für die Wahrheit: Dass er mir manchmal auch auf die Nerven gehe, dass die Schmetterlinge auch bei mir nicht auf Kommando hereinflattern würden, dass ich ihn wohl unter- und überschätzt zugleich habe und unsere Harmonie mit einem Versprechen auf Dauerhaftigkeit verwechselt hatte.
Die Ehrlichkeit wurde belohnt. Wir trennten uns erst am nächsten Morgen: Er ging arbeiten, ich ging schreiben. Verwirrt bin ich immer noch. Dafür habe ich das Gefühl, etwas Wichtiges am eigenen Leib erfahren zu haben. John Lennon hat einmal gesagt: “Life is what happens to you while you're busy making other plans." Das stimmt. Ich weiß inzwischen zudem: Ein zauberhaftes Gefühl lässt sich nicht einfangen, nicht festnageln, wenn du es festhalten willst, entwischt es dir.
Was ich behalten habe, ist mein Optimismus. Das Glück kommt mir nicht so einfach davon. Ich weiß: Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Alles zu seiner Zeit.
Die Kolumne "Heartcore" erscheint jeden Mittwoch exklusiv auf Morgenpost Online. Mehr lesen Sie hier.




