Sein größter Wunsch blieb unerfüllt. Auch nach der Verurteilung des Unfallfahrers bleiben für Olympiasieger Matthias Steiner wichtige Fragen zum Tod seiner Frau Susann ungeklärt. Der Angeklagte hat im Prozess vor dem Amtsgericht Heidelberg zum Unfallhergang geschwiegen.

Er könne sich nicht erinnern, sagte der 57-Jährige aus dem Rhein-Neckar-Kreis. Die Enttäuschung darüber steht dem „stärksten Mann der Welt“ ins Gesicht geschrieben. „Es ging mir um eine Entschuldigung und die Erklärung, wie es zu dem Unfall kam“, sagt der Sportler am Mittwoch nach der Verurteilung des Unfallfahrers zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten sowie 2400 Euro Bußgeld wegen fahrlässiger Tötung. Eine Erklärung hat er nicht erhalten. „Dieser schwarze Punkt wird immer bleiben“, meint Steiner resigniert.

Der 145-Kilo-Mann wirkt müde. Tapfer gibt er den Medien die gewünschten Statements und blinzelt in das Blitzlichtgewitter. Vor knapp vier Monaten hat er in die Kameras gestrahlt und bei den Olympischen Spielen in Peking für Begeisterung und weltweite Rührung gesorgt: Mit der Goldmedaille um den Hals hatte Steiner das Foto seiner toten Frau immer wieder geküsst und in die Kameras gehalten.

„Nun geht es sportlich und privat weiter – wie das Leben weitergehen muss“, sagt Steiner tonlos. „Man muss damit leben.“ In diesem Moment wirkt der „stärkste Mann der Welt“ verletzlich. „Es hätte ihm geholfen, mehr über die Hintergründe des Unfalls zu erfahren“, sagt Steiners Anwalt Oliver Oeser. In den vergangenen Monaten habe seinem Mandanten der Sport Kraft gegeben. „Die Olympischen Spiele waren sehr wichtig für ihn. Jetzt muss es so weitergehen.“

Oeser rechnet damit, dass der Fall die Justiz weiter beschäftigen und der verurteilte Autofahrer Berufung einlegen wird. Dessen Verteidiger Klaus Hiltscher hatte im Prozess gesundheitliche Gründe als Ursache für den Unfall vermutet. So wurde unter anderem spekuliert, dass der Fahrer bewusstlos geworden sein und deshalb die Kontrolle über seinen Jeep verloren haben könnte. Der 57-Jährige hatte kurz vor der Urteilsverkündung wiederholt, dass er keine Erinnerung an den Unfall habe. „Ich kann nur sagen, dass mir das Geschehene außerordentlich leid tut“, betonte der Lagerist. Ob er das Urteil akzeptiert, ist offen.

Damit bleibt für Steiner ungewiss, ob der Fall wenigstens juristisch ein Ende gefunden hat. Er war Nebenkläger im Prozess und hat die mündliche Verhandlung in erster Instanz komplett verfolgt. Bei den detaillierten Schilderungen vom Unfall und insbesondere den Verletzungen seiner Frau wurde sichtbar, wie viel Kraft er dafür aufbringen musste: Mit gesenktem Blick, die Zähne fest aufeinander gepresst und zuckenden Lidern verfolgte er die Ausführungen von Rechtsmediziner und technischem Sachverständigen. Immer wieder richtete er seinen Blick zu dem Mann im Publikum, der ihm in den vergangenen Monaten beigestanden hat und ihn zum Olympiasieg führte – Bundestrainer Frank Mantek.

Auch zur Urteilsverkündung ist Mantek gekommen. Doch diesmal scheint es so, als ob Steiner die Menschen um ihn herum gar nicht wahrnimmt. Angestrengt blickt er während der Ausführungen von Richterin Regine Kaufmann-Granda auf den Tisch vor ihm und vermeidet Blickkontakt zu dem weißhaarigen, bärtigen Angeklagten. Das Urteil des Gerichts will Steiner nicht näher kommentieren. „Das ist angemessen. Aber darum ging es mir nicht“, betont er erneut. Der Fahrer hat sich im Prozess nicht näher zum Unfallverlauf geäußert – auch zum Bedauern des Gerichts. Dieses hat keinen Zweifel, dass Fahrlässigkeit und überhöhte Geschwindigkeit zum Tod von Susann Steiner geführt haben.

Steiner, gebürtiger Österreicher, hatte seinerzeit aus Liebe zu Susann aus Sachsen Wohnort und Nationalität gewechselt und war in die Nähe von Chemnitz gezogen. Eineinhalb Jahre nach der Hochzeit verlor seine Frau in der Nähe seines Trainingsorts Leimen ihr Leben.

(dpa)

dpa/AP/kami