Die Ursache des verheerenden Feuers in einem Reisebus, dem am Dienstagabend 20 Menschen zum Opfer fielen, ist zunächst noch unklar. Berichte, wonach das heimliche Rauchen einer Zigarette auf der Bustoilette das Unglück ausgelöst haben könnte, nannte ein Polizeisprecher Spekulation.
Eine Businsassin hatte den Polizeiangaben zufolge eine starke Rauchentwicklung auf der Bustoilette bemerkt, nachdem ein Fahrgast diese verlassen hatte. Als die Frau die Toilettentür geöffnet habe, sei ihr aus der Toilette eine Stichflamme entgegen gekommen. Das Feuer habe sich anschließend blitzartig im Bus verbreitet. Der Bus hatte kurz vor dem Unglück noch eine Zigarettenpause gemacht und war erst eineinhalb Kilometer gefahren.
Experten vom TÜV Rheinland und Dekra gehen auf Grundlage der Augenzeugenberichte allerdings davon aus, dass es zu einem „Flashover“ gekommen sein könnte. Und dabei wäre in der Bustoilette ein Schwelbrand entstanden, mögliche Ursache könnte eine Zigarettenkippe gewesen sein. Die größtenteils aus Kunststoff bestehende Toilette erwärmt sich durch den Schwelbrand, brennt aber nicht. Dabei entstehen hoch entzündliche Rauchgase.
„Eine Bustoilette ist nicht hermetisch abgedichtet, sie muss be- und entlüftet werden“, erläuterte Dekra-Sachverständiger Thomas Lange, „so dass aufgrund des entstandenen Überdrucks die Rauchgase durch die Dichtungen nach außen gedrungen sind.“ Hans-Ulrich Sander, Kraftfahrt-Sachverständiger vom TÜV Rheinland, sagte, die Brandgase würden sich durch Sauerstoffzufuhr rasend schnell im Bus verteilen. Bereits zwei bis drei Atemzüge führen demnach zu Bewusstlosigkeit, so dass die Menschen den Bus nicht mehr verlassen konnten.
Flashover – ein gefürchtetes Phänomen
Zwar dürften in Reisebussen nur schwer entflammbare oder brandhemmende Stoffe eingesetzt werden, bei so genannten Flashover-Explosionen entstünden aber derart hohe Temperaturen, das alles viel schneller brenne. Auch von Feuerwehrleuten sei dieses Phänomen daher gefürchtet.
Feuerlöscher im Bus könnten bei einer solchen schlagartigen Verbrennung nichts ausrichten: „Brandgase kann man nicht wie eine Kerze, wie offenes Feuer löschen“, sagt Sander. Einzig wenn die Tür nicht geöffnet und der Bus evakuiert worden wäre, hätte das Unglück eventuell vermieden werden können. Eine „Flashover-Explosion“ kann Sander zufolge auch in jedem anderen Raum entstehen.
Nach Einschätzung von Fachleuten handelte es sich um ein völlig unerwartetes und untypisches Unglück. „Einen derartigen Unfallhergang hat es in Deutschland bisher nicht gegeben“, sagte Martin Kaßler, Pressesprecher des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) am Mittwoch. Denn nach einer Studie des Automobilclubs von Deutschland (AvD) ist die Hauptunfallursache für Busse ein Abkommen von der Fahrbahn, gefolgt von Auffahrunfällen und Kollisionen. Von Bränden ist keine Rede.
Dem Busfahrer seien nach dem bisherigen Stand keine Vorwürfe zu machen. Der Bus gehörte dem hannoverschen Traditions-Reiseunternehmen Mommeyer. Hinweise auf einen technischen Defekt hatten die Ermittler zunächst nicht. Er war nach Angaben des Junior-Chefs Oliver Prehn in einem „einwandfreien Zustand“. „Der Bus war viereinhalb Jahre alt und wird regelmäßig gewartet, ein Top-Bus“, sagte der Junior-Chef.
Laut Binias benötigten die Rettungskräfte nur fünf Minuten, um nach der Alarmierung zur Unglücksstelle zu kommen. Dennoch sei es zu diesem Zeitpunkt bereits für eine Rettung der Businsassen zu spät gewesen. Insgesamt waren 300 Rettungskräfte im Einsatz, darunter auch psychologisch geschulte Fachleute. Derweil nahm die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung auf.
Lebensbedrohende Verletzungen
Vier Verletzte schweben weiterhin in Lebensgefahr: Die Kombination aus den Verbrennungen, den eingeatmeten Rauchgasen und dem hohen Alter der Patienten sei lebensbedrohend, sagte der Leiter des Bereichs Verbrennungsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, Prof. Hans-Oliver Rennekampff. Dort werden sieben Schwerstverletzte behandelt, fünf Opfer liegen in anderen Krankenhäusern. Nur der 51 Jahre alte Fahrer des Busses konnte die Klinik bereits verlassen. Bei den Verletzten handelt es sich um sieben Männer und sechs Frauen im Alter von 46 bis 79 Jahren.
Das Feuer war auf der Autobahn A2 in Höhe Hannover in dem Bus ausgebrochen, die Gruppe befand sich auf dem Rückweg von einer eintägigen Ausflugsfahrt zum Prickingshof in Haltern im Münsterland. An Bord waren vor allem Senioren, darunter auch Gehbehinderte. Die Identifizierung der Toten wird voraussichtlich mehrere Tage dauern, weil die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind.
Die genaue Ermittlung der Opfer gestaltet sich auch deswegen schwierig, weil sich zu dem Ausflug mehr Menschen angemeldet hatten als letztlich mitfuhren. Eine genaue Passagierliste existierte nicht. „Deswegen muss nun geschaut werden, wer tatsächlich im Bus saß“, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Bis Mittwochnachmittag waren bei der Polizei zwölf Vermisstenanzeigen eingegangen.
Da die Toten am Unglücksort nicht aus dem Bus geborgen werden konnten, wurde das Fahrzeug in der Nacht zum Mittwoch noch mit den Leichen an Bord zur Polizei in Hannover abgeschleppt. Zum Teil mussten die Helfer die Toten dort mitsamt ihrer Sitze aus dem Bus schneiden. Die Bergung der Leichen soll noch am Mittwoch abgeschlossen werden.
Die Angehörigen der identifizierten Toten konnten bereits mit Hilfe der Passagierlisten des Busunternehmens von der Katastrophe benachrichtigt werden. Die Polizei hat für sie die Telefonnummer 0800-7313131 geschaltet.
AFP/AP/dpa/jk



