Aufgepasst Männer, diese Kolumne ist ein Versuch, über Umwege zu erklären, warum wir Frauen an euch oftmals verzweifeln und uns daraufhin komplett unverständlich benehmen. Die Wahrheit ist: Wir denken einfach zuviel über euch nach.

Zahlreiche Artikel in Frauenzeitschriften, sowie Gespräche an Café-Tischen und beim Joggen kreisen einzig und allein um eine Frage: Wer zum Barthaar ist dieses muskulöse Wesen an meiner Seite?

Männer scheinen sich dagegen damit abgefunden zu haben, dass Östrogene zu verwirrendem Verhalten führen. Mehr noch, sie genießen ihre unwissende Position, weil sie als Entschuldigung für mangelnde Beschäftigung und fehlendes Verstehen herhalten kann:

„Raff' einer die Frauen", sagt ein Mann und sein Kumpel nickt und sagt, „Die spinnen, die Weiber, logisch ist das alles nicht mehr." Dann reden Männer über iPhones, Autos, Züge auf dem Schachbrett, Bundesliga, Biersorten, Gitarrenriffs, Politik oder den Hintern der Bardame. Alles Scheinthemen, Spielzeug für große Jungs, das man sich zukicken kann, ohne den anderen dort zu treffen, wo es wehtut. Wichtig ist ja immer, was Männer nicht sagen. In ihrem Nichtsagen liegt all die Sehnsucht, der Schmerz, die Wut und der Wahnsinn. Aber Männer wissen, was ein Mann tun muss, oder meint zu müssen, will er sich erhobenen Hauptes beim Rasieren ins Gesicht sehen können: Gejammert wird leise, geweint wird zu Hause.

Gemeinsam ordern Männer lieber noch einen Drink und schweigen eine Weile hübsch und gewichtig, bis einer wieder Witze reißen kann und das Lachen die Erlösung ist. So sehen wir die Männer. Sie sind simpel und niedlich, ignorant und verletzbar, daher schützen sie sich. So müssen wir die Männer sehen, um sie zu begreifen. Weibliches Schubladendenken gegen die Verunsicherung.


Bei Frauen dagegen, da ist alles komplizierter, verworrener, wortreicher, da liegt das Grauen ganz offen, es muss raus, es muss ausdiskutiert werden. Dass dies nicht immer eine Freude ist, versteht sich wohl von selbst. Glauben Sie, also die Männer unter Ihnen, es wäre ein Vergnügen, sein inneres Ungemach immer auf der Zunge tragen zu müssen?


Ich sage Ihnen: Es ist anstrengend. Denn für uns ist das Leben eher selten ein Kinderspiel. Bei Frauen geht es immer gleich um alles, um das Herz, den Beckenboden, das Eingemachte und die Frisur zur Seelenlage. Es ist ein fataler Trugschluss, zu glauben, die moderne Frau sei weniger verwirrt oder verunsichert als die Herren der Schöpfung. Die Wahrheit liegt jenseits aller Feuchtgebiete und ist verflixter als uns Alice Schwarzers fesche Enkelinnen, die Alphamädchen, glauben machen, denn: Die moderne Frau ist zutiefst schizophren. Sie ist gefangen in einem scheinbar unlösbaren Dilemma und einem gesundheitlich bedenklichen Zustand. Sie changiert anhaltend zwischen zwei ungesunden Geisteszuständen: dem Amazonen-Dasein und dem Prinzessinnen- Komplex.

Diese unvereinbaren Haltungen raubten mir zuletzt vergangenen Freitag die Nachtruhe und jegliche Contenance. Das kam so: Der Mann war seit einer Woche zurück aus den Bergen, zurück auf Berliner Pflaster, zurück in meinem Leben. Er war wunderbar und entspannt, die Bergluft hatte sein Hirn durchgelüftet, er schien mit sich im Reinen. Doch ich war vorsichtig, zu sehr schmerzte die Erinnerung an die Wirrnisse der vergangenen Wochen.

Etwas in mir flüsterte: Verlass dich nicht zu sehr auf den Mann, mach dein Glück nicht von ihm abhängig. Du bist selbstständig, du hast deine Arbeit, famose Freunde, einen Balkon, einen Espressodealer deines Vertrauens. Wozu brauchst du einen Mann mit eigenem Kopf und widerspenstigem Herz, das du erst zähmen musst? Noch dazu mit einer spanischen Katastrophen-Exfreundin, die ihm noch im Kopf umher spukt. Hast du das nötig, raubt dir das nicht Energie, Zeit und Nerven? Die Amazone in mir war sich sicher: Selbst ist die Frau und wer sich nicht bindet, kann freier atmen und nachts ohne Herzstechen einschlummern. Doch da Amazonen auf Dauer Gefahr laufen, verbitterte Züge um den Mundwinkel zu bekommen, wollte ich das Risiko unbedingt eingehen. Und fiel prompt ins gegenteilige Extrem.

Auch wenn ich jetzt Gefahr laufe, unmodern zu klingen, heimlich sehnen sich Frauen immer noch nach dem Prinzen. Nach dem Einen, der für uns um die Welt jagen würde. Einen, der endlich erkennt, warum Männer so gern Holz hacken oder Hanteln stemmen: Damit sie ihre Lady, also uns, auf Händen tragen können.

Wir erwarten also Kompliziertes von den Kerlen: Sie sollen unsere Autonomie anerkennen und fördern und zugleich sollen sie uns beschützen und alle verscheuchen, die uns ärgern. Wir wollen uns anlehnen können, nicht, weil wir alleine nicht klarkämen, sondern weil es schön ist, auch mal schwach sein zu können, schutzlos. Der Mann sagte an jenem Freitag, er habe für den späteren Abend noch nichts vor, gerne würde er mich sehen, doch vorerst habe er noch ein Schachturnier zu gewinnen. Ja ja, sagte ich, spiel du mal schön, wir sehen uns später.

Ich versuchte an diesem Abend angestrengt, nicht zu warten. Ich tat, was eine Frau eben macht, wenn sie einen schönen Mann zu später Stunde empfangen will. Ich badete, legte sanfte Musik auf, wirbelte mit dem Staubwedel durch die Wohnung, lachte über mein Klischeedasein und genoss die Vorfreude. Gegen Mitternacht wurde ich unruhig, wo zum Kuckuck blieb der Mann?

Die Amazone in mir plärrte: Siehst du, auf Kerle ist kein Verlass, mal dir lieber flugs einen Erdbeermund und vergnüg dich in Bars, so wie es sich für Großstadtmädchen gehört. Die Prinzessin in mir flüsterte beschwichtigend: Er muss noch den letzten Bauern nach Hause holen, dann wird er zu dir eilen.

Ich war verwirrt, warf mich aufs Bett und rief ihn an. „Bella“, sagte der Mann nach zehnmal klingeln, „ich fürchte, heute wird das nichts mehr. Ich bin schachmatt und möchte nur noch schlafen. Ich würde dich gern morgen ausgeruht zum Frühstück ausführen, wie klingt das?“

Die Amazone rief: Da hörst du's, was für ein Schlappschwanz? Die Prinzessin wimmerte nur leise. Die Vernunft sprach: Lass ihn, Erwartungen machen bloß unglücklich, willkommen in der Realität zweier Vorstellungen ein und derselben Nacht.

Ich war hin und her gerissen, denn die Wahrheit war: Ich fand es nicht schön, dass meine amourösen Pläne durchkreuzt wurden, noch viel schlimmer fand ich es aber, dass der Mann mich scheinbar gar nicht sehen wollte. Der Prinzessinnen-Komplex ist ein hässliches Ding: Er bringt uns Frauen dazu, uns wie Zicken zu benehmen, obgleich wir eigentlich nur unseren Kopf an eine Schulter lehnen wollen, damit eine Hand unser Haar berührt und eine tiefe Stimme sagt: Alles wird gut, selbst wenn sie es selber nicht immer glaubt. Wir sehnen uns nach einem Schuss Märchen in einer entzauberten Welt. Und zugleich haben wir immer Angst, zuviel von uns zu geben, uns nicht gut genug zu schützen, unsere Selbstständigkeit zu verraten. Denn die Amazone und die Prinzessin haben eins gemeinsam: Sie wollen die Wirklichkeit nicht sehen. Denn Männer sind weder der Feind, noch die Retter auf dem weißen Schimmel. Sie sind auch nur Menschen, fehlbar und schwächer, als es uns manchmal lieb ist, eigensinniger und komplexer, als wir es ihnen zugestehen wollen.

An dieser Stelle sei Ihnen nur gesagt, liebe Männer: Wenn sich die Frau in Ihrem Leben das nächste Mal scheinbar irrational benimmt, nehmen Sie es nicht schwer, sondern mit Humor. Und dann bewegen Sie verdammt noch mal ihren hübschen Hintern, und machen Sie sich ein wenig zum Narren. Jagen Sie durch die Nacht, springen Sie auf Motorhauben, pflücken Sie Gänseblümchen. Die Amazone in ihrer Angebeteten wird vielleicht die Augenbrauen lüpfen, doch die Prinzessin wird triumphieren. Denn Sie haben natürlich Recht, meine werte Herren, manchmal haben Worte Sendepause. Dann ist es an der Zeit, die Klappe zu halten und zu handeln. Gute Männer wissen: Worüber man nicht reden kann, darüber muss man tanzen.

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