Den Beginn machten zwölf Leichen, die die Mörder ausgerechnet neben einer Grundschule abgelegt hatten. Tijuana war wegen seiner Lage direkt an der Grenze nach Kalifornien unweit von San Diego schon immer ein wichtiger Umschlagplatz für Drogen und Schmuggelgüter aller Art und mit seinen Bordellen und Spielhöllen ein Sündenpfuhl, den viele US-Amerikaner gerne mal übers Wochenende besuchten.
„Welcome to Tijuana, Tequila, Sexo, Marihuana“ lautet der Refrain des wohl bekanntesten Hits über die Stadt, gesungen vom spanisch-französischen Barden Manu Chao. In der Tat war Tijuana schon immer Hochburg der Mafia. Der kürzlich zurückgetretene Bürgermeister Jorge Hank Rhon kam selbst schon mit dem Gesetz in Konflikt. Der Rennbahn- und Wettbürobesitzer wurde wegen illegalen Handels mit bedrohten Tieren festgenommen und stand unter dem Verdacht der Geldwäsche, aber die Verfahren verliefen im Sand. Seine Polizei gilt als die korrupteste Mexikos – was beim sowieso desolaten Zustand der mexikanischen Gesetzeshüter ein trauriger Rekord ist. Als Präsident Felipe Calderón der Drogenmafia den Kampf ansagte und Soldaten in den Grenzstädten aufmarschierten, entwaffneten sie daher gleich vorsorglich die gesamte Gemeindepolizei.
Doch inzwischen sind die Soldaten wieder weg, die Lage eskaliert wie selten zuvor. So eine Gewaltserie ist selbst für Tijuana extrem: Innerhalb einer Woche zählten die Polizisten 59 Tote – augenscheinlich Opfer des Kriegs der Drogenbanden um den wichtigen Umschlagplatz nach Kalifornien. Neben den Toten finden sie Nachrichten wie „das passiert den Plaudertaschen vom Ingenieur“ oder „hier stirbt niemand unschuldig“. Bei einem der Toten soll es sich um einen ehemaligen Polizeikommandeur handeln, der inzwischen als Auftragsmörder im Dienste der Kartelle steht.
Selbst Kenner und Ermittler blicken längst nicht mehr durch in den Wirren des mexikanischen Drogenkriegs. Wie ein Krake hat die Drogenmafia das Land im Griff, und die Fronten wechseln schnell. Zerschlägt die Polizei ein Kartell, entstehen flugs drei neue, kleinere und noch schwerer zu bekämpfende Gruppen – ähnlich wie in den 90er-Jahren in Kolumbien. Zudem können sich die Gesetzeshüter nicht sicher sein, dass alle Kollegen an einem Strang ziehen. Die ehemalige militärische Eliteeinheit „Zetas“ steht inzwischen im Dienste der Paten.
Die Mafia hat auch Justiz und Politik infiltriert. Oft tappen die Ermittler daher im Dunkeln oder sind auf Verräter in den Reihen der Mafia angewiesen – wie im Fall des Anschlags bei den Unabhängigkeitsfeiern in Morelia, bei dem acht Zuschauer ums Leben kamen.


