Burlesque

Statt billigem Sexappeal knisternde Erotik

Die Burlesque kommt wieder in Mode. Diese antiquierte humorvolle Form des Striptease erobert derzeit die Bühnen der Hauptstadt. Und das hat Tradition, schließlich war Berlin in den 20er-Jahren die Hauptstadt der Topless-Tänzerinnen.

Foto: AP

Miss Carmen Mandarina erscheint im glitzernden bodenlangen Abendkleid auf der Bühne. Wie eine exotische Tango-Tänzerin sieht sie aus mit ihrem Blumenschmuck auf dem Kopf. Geschmeidig bewegt sie ihre Hüften zur Musik, mit jedem Tusch fällt ein Kleidungsstück, wobei ein riesiger Fächer aus Straußenfedern mehr verhüllt als preisgibt. Die erste Reihe klatscht vor Begeisterung. Ein Mädchen mit modischem Pagenkopf pfeift auf den Fingern, eine reifere Dame ruft "Zugabe".

Die sexy Tänzerin ist Teil einer Burlesque-Show. Diese humorvolle Form des Striptease erobert derzeit Berlin, gastierte etwa in der Bar Jeder Vernunft und im Admiralspalast. Auf den Bühnen der Hauptstadt wird sich wieder kunstvoll entblättert. In Zeiten von Sex im TV-Container und barbusigen Wetter-Ansagerinnen ist weniger zeigen mehr. Bei Burlesque entblättern sich die Damen zwar, aber ein "Feigenblatt" bleibt immer am Körper, und seien es nur der Tanga und die Pasties, glitzernde selbstklebende Pailletten auf den Brustwarzen. Statt billigem Sexappeal knisternde Erotik - und das ist nicht der einzige Unterschied zum profanen Striptease.

"Striptease mit Comedy"

"Normaler Striptease ist zum Anheizen, Burlesque zum Nachdenken", sagt Sandra Steffl, die sich im Metier auskennt. Strippen für die Gehirnzellen? Der Begriff Burlesque stammt ursprünglich aus dem italienischen Theater des 16. Jahrhunderts. Gemeint ist damit eine Karikatur ohne moralischen Zeigefinger. "Burlesque ist Striptease mit Comedy", sagt Sandra Steffl. "Man macht sich über Alltäglichkeiten lustig, überzeichnet und übt Gesellschaftskritik."

In der Wild Rose Revue etwa, die vor wenigen Wochen im Admiralspalast gastierte, windet sich eine vermeintliche Schöne im grellen Licht eines Scheinwerfers hinter einer transparenten Leinwand. Kleidungsstück für Kleidungsstück fällt. Als alle erwarten, dass sie nun endlich ins Scheinwerferlicht trete, lüftet sie stattdessen ihr letztes Geheimnis: reißt sich die Langhaarperücke vom Kopf. Ein Mann!

Zu Gast bei Bela B.

2005 gründete Steffl die Teaserettes, die erste Burlesque-Truppe Berlins, zu der heute unter anderem Carmen Mandarina gehört. Anfangs tanzten die fünf Frauen in Bars und Kneipen, später gastierte ihre Show in der Bar Jeder Vernunft, und sie traten beim Konzert von Bela B. vor 60.000 Menschen auf. In ihren Sketchen geht es augenzwinkernd zu mit Verkleidungen von Matrosenbraut über Rotkäppchen bis zur sexy Killertomate. Sie spielen mit Klischees, jede Nummer hat eine humorvolle Geschichte, und "es gibt einen Grund sich auszuziehen", sagt Steffl und lacht. Zwischen den erotischen Nummern treten Feuerschlucker und Musiker auf. Die komödiantische Überzeichnung, die Show-Elemente und die verspielte Erotik machen es gerade Frauen leicht, an Burlesque Spaß zu haben.

Der Begriff "burlesque" tauchte um 1840 wieder auf, dieses Mal in einem leicht veränderten Zusammenhang. Die Shows übernahmen das Varieté-Format des Vaudeville, später Elemente vom Moulin Rouge und anderen Shows auf dem berühmten Pigalle in Paris.

Den Höhepunkt erlebte Burlesque in den 40er- und 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Dixie Evans und Blaze Star. Damals wurden die Damen wie Göttinnen verehrt, bekamen Federfächer im Wert von 5000 Dollar geschenkt. Mit der sexuellen Revolution und dem Aufkommen des Porno-Business in den 70er-Jahren verblasste der Stern.

Burlesque-Girls oft tätowiert

Ganz in Vergessenheit ist die Burlesque jedoch nie geraten. Gerade die Rockabilly-Szene mit ihrem Faible für die Fifties hielt die Tradition am Leben. Und so verwundert es nicht, dass die ersten Tänzerinnen der New Burlesque aus eben jener Szene kommen. Dass viele der neuen Burlesque-Girls tätowiert sind mit Schwalben auf dem Dekolletee, passt ins Bild.

"Schon früher entsprachen Burlesque-Tänzerinnen nicht dem Schönheitsideal", sagt Sandra Steffl. Bei dem witzigen Striptease sind 90-60-90-Maße keine Pflicht. Ganz im Gegenteil. Die Tänzerinnen sind gerne auch vollschlank, übergroß oder eben tätowiert.

Wie man gekonnt strippt, haben sich die Teaserettes selber beigebracht. Geübt wurde im heimischen Wohnzimmer, sagt die Mutter eines dreijährigen Sohns. Für die Frauen ist der Burlesque-Striptease nur ein Hobby, Steffl arbeitet als Schauspielerin, die anderen sind tagsüber Archäologin, Fotografin oder Musikerin.

Künstler und Publikum werfen sich in Schale

Das Schönste an der Burlesque für die Darstellerinnen: "Wir lieben es, uns herauszuputzen", sagt Sandra Steffl und schwelgt in Kostümen mit Miedern, Korsagen, Handschuhe, Spitze. Marken wie La Perla und Agent Provokateur bieten luxuriöse Pasties und Mieder an.

Doch nicht nur die Tänzerinnen leben ihre Liebe zur glamourösen Robe aus, auch das Publikum wirft sich in Schale. Bei der Premiere der Wild Roses Show im Admiralspalast standen die Gäste mit Anzug, Hut, Gamaschen oder Abendkleid, Fächer und blutrotem Kussmund den Künstlern um nichts nach. "Die Leute wollen sich nicht nur berieseln lassen", sagt Falk Walter, Betreiber des Admiralspalasts. "Sie wollen ein Teil der Show sein."

Burlesque kommt in Berlin so gut an, dass die Teaserettes ihre Show noch mal zeigen, die Bar Jeder Vernunft eine Late-Night-Show mit Burlesque-Einlagen plant und der Admiralspalast es mit Glamour Girls swingen lässt. "Das passt zu unserer Tradition", sagt Falk Walter. In den wilden 20er-Jahren gab es in seinem Theater die Haller-Revues, wo die ersten Topless-Girls auftraten.

Damals existierten 100 Tanztempel in der Hauptstadt, die teuerste Revuetänzerin Europas, Josephine Baker, trat im Bananen-Kostüm auf, und ihr deutsches Pendant Anita Berber zeigte sich gerne splitternackt auf der Bühne. Berlin feierte den Tanz auf dem Vulkan, Vorlage für das Bühnenstück "Cabaret".

Während in der deutschen Hauptstadt der lustige Striptease noch sein Comeback feiert, setzt er in den USA zum Sprung in die Massenmedien an. Dita von Teese, berühmteste Vertreterin der New Burlesque, hat gerade einen Werbevertrag für Cointreau unterzeichnet und wird in bester Pin-up-Manier für das Getränk werben.

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