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Die Freiheit, die ich meine

Eine kranke Berliner Jugendliche überwindet in den Bergen ihre Grenzen: „Amelie rennt“

Jugenddrama D 2017 97 min.,
von Tobias Wiemann, mit Mia Kasalo, Samuel Girardi, Susanne Bormann

Man kann "Amelie rennt" als Film einer Emanzipation von einer Krankheit sehen, die mit Übermacht ins Leben einer Berliner 13-Jährigen greift. Amelie (Mia Kasalo) hat Asthma, sehr schweres Asthma, schon mehrmals musste sie wochenlang in Kliniken, näher am Tod als am Leben. Was in ihr bleibt, ist Wut. Wut auf ein Leben, dass nicht lebenswert scheint.

Als sie wieder einen schweren Anfall erleidet, bringen sie die getrennt lebenden Eltern (Susanne Bormann und Denis Moschitto) in eine Asthma-Klinik nach Südtirol, eine Art Sanatorium, wo die Kinder stundenlang wie auf der Stange am Wasserfall hocken und tief ein- und ausatmen sollen. Mia rebelliert sofort, macht beim Genesungsprogramm nicht mit. "Ich bin ein Mensch. Ich bin frei", schnauzt sie, ganz Berliner Göre, den medizinischen Betreuer an. "Du bist krank", antwortet er. Also unfrei.

Man kann "Amelie rennt" sicher auch als Metapher lesen. Ein Trennungskind, dem die Eltern regelrecht die Luft abschnüren, auch weil sie die ständigen Wechsel zwischen zwei Wohnorten kaum aushält – eine Woche Papa, eine Woche Mama. Ein Stadtkind, dass den Bezug zur Natur verloren hat und nun in den Alpen auf einen echten Naturburschen trifft, den etwas älteren Bart (Samuel Girardi).

Der ist zugleich fasziniert und abgestoßen von Amelies Dauerwut, die auf alles mit Trotz reagiert, auch auf echte Gefahren. Als die beiden mitten in den Bergen, nachdem Amelie aus dem Sanatorium abgehauen ist, in ein Gewitter geraten, glaubt Amelie, auch den Blitzen trotzen zu können. "Du hast keine Ahnung", sagt Bart. "Du hast keinen Respekt."

Der Film ist klar ein Jugendfilm. Das liegt nicht an den beiden Hauptdarstellern Mia Kasalo und Samuel Girardi. Die spielen stark, besonders Girardi hat eine große Natürlichkeit vor der Kamera. Aber alle Figuren um sie herum sind so grob gezeichnet, dass kein echtes, tiefes Melodram entstehen kann. Den Eltern kommt man nie wirklich nahe. Auch Jasmin Tabatabai als Klinikdirektorin bleibt eine unklare Figur. Hat sie nun Herz oder Härte? Überhaupt wirken die Szenen nach Amelies Verschwinden in die Berge – es sind mehrere Tage – unecht. Das Klinikpersonal tut anfangs so, als hätte Amelie nur einen längeren Spaziergang unternommen. Das Kind ist weg, taucht aber sicher bald wieder auf. Sogar die Eltern wirken seltsam gefasst.

Natürlich ist es schön mitanzusehen, wie Amelie weit über ihre Grenzen geht und einen Berg erklimmt, auf dessen Gipfel, so heißt es, Genesungs-Wunder geschehen sollen. Und Bart bringt sie hoch, am Ende sogar Huckepack, wie der Ziegenpeter aus "Heidi" die kranke Klara. So ist "Amelie rennt" auch ein Film über Selbständigkeit und Erwachsenwerden. Dafür gilt es ja tatsächlich, Berge zu überwinden. Noch so eine Metapher.

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