DramaUngarn 2015 107 Minuten, von László Nemes, mit Géza Röhrig
Zu den ungeschriebenen Gesetzen der Oscar-Verleihung gehört, dass ein auch nur einigermaßen gut gemachter Film über den Holocaust stets eine Favoritenrolle einnimmt. Die Wettquoten für die Kategorie „Bester ausländischer Film“ sprachen dementsprechend für László Nemes’ „Son of Saul“ – und sollten mit dem ersten Oscar für Ungarn seit István Szabós Triumph mit „Mephisto“ 1981 ja auch Recht behalten. Das einzige Argument, das im Vorfeld gegen den Film vorgetragen wurde, war folgendes: „Son of Saul“ sei eventuell zu düster, zu schwer zu ertragen, um genügend Stimmen aus der Academy zu erhalten. Was im Rahmen einer Diskussion über das Für und Wider von Oscar-Chancen noch durchgeht, legt bei genauerer Betrachtung das Dilemma eines jeden Films zum Holocaust frei: Da wird das Schrecklichste zum Thema gemacht, aber doch in einer Form, dass es Leute noch ertragen können.
Nemes erzählt vom Horror des Vernichtungslagers Auschwitz mit einem neuen, radikalen Ansatz, der zunächst ganz simpel klingt: Die Kamera folgt den ganzen Film über im Wesentlichen einer einzigen Person und zeigt dabei zum größten Teil nur ein Gesicht in Großaufnahme: Es ist das von Saul (Géza Röhrig), einem KZ-Insassen, der als Teil eines so genannten „Sonderkommandos“ zur Mitarbeit an den Aufräumarbeiten vor und nach den Vergasungen gezwungen wird. Eines Tages meint Saul unter den Opfern seinen Sohn zu erkennen. Nun will er alles dafür tun, die Leiche des Jungen vor dem Krematorium zu bewahren, um sie selbst heimlich nach jüdischer Tradition bestatten zu können. Die Suche nach einem Rabbi führt ihn durch das aufgeteilte Lagergelände von Auschwitz und konfrontiert ihn – und damit den Zuschauer – mit den unterschiedlichen, und doch allesamt grauenhaften Aspekten des Vernichtungslagers.
Die absolute Konzentration auf Saul im Zentrum macht es möglich, die verschiedensten Facetten der Naziverbrechen zu zeigen, ohne den Horror und seine Opfer allzu explizit nachinszenieren zu müssen. Die willfährigen Hinrichtungen, die Sadismen der Zwangsarbeit, die verlogene „Begrüßung“, die die Opfer vor der Gaskammer zum Ablegen der Kleider auffordert und die grausigen Appelle an Eile und Gründlichkeit bei den Aufräumarbeiten danach – das alles spielt sich in „Son of Saul“ im Hintergrund ab und büßt doch nichts von seinem Schrecken ein. Das Gesicht von Saul, auf dem sich unfassbares Leid und versteinerte Fassungslosigkeit widerspiegeln, ist gleichsam der Garant dafür.
„Son of Saul“ wird so zu einem sowohl konsequenten wie packenden und erschütternden Film, dessen Betrachten sich schließlich wie ein dringend notwendiges Aufwachen aus Unwissen und Gleichgültigkeit anfühlt.
Barbara Schweizerhof

