MärchenI 2015 125 min., von Matteo Garrone, mit Salma Hayek, Vincent Cassel, Tobey Jones, John C. Reilly
Auch die Geschichte der Märchenerzählung kennt ihre Verschwörungstheorie. Wo die etablierte Sichtweise die Brüder Grimm als noble Sammler ehrwürdigen Volksguts begreift, hängen die „Truther“ der Theorie an, dass das, was wir dank der Grimm’schen Editionen als Märchen kennen, nur bedingt etwas mit dem Urstoff zu tun hat. Die Grimms hätten die „wahren“ Erzählungen verharmlost und dem Geist ihrer Zeit angepasst, heißt es. Dass an diesen Anwürfen etwas dran ist, das lässt sich nun prächtigst in Matteo Garrones „Märchen der Märchen“ nachvollziehen.
Garrones Film basiert auf Motiven aus dem „Pentamerone“ von Giambattista Basile, Europas erstem großen Märchenerzähler, den die Grimms als Quelle benutzt haben. Tatsächlich kommt vieles darin bekannt vor: die Prinzessin, die an einen Oger verheiratet wird; die Königin, die zu bösem Zauber greift, um schwanger zu werden; der König, der eine Frauenstimme hört und dann den Körper dazu verführen muss. Nur dass hier keine der Geschichten mit einem „märchenhaften“ Schluss endet. Stattdessen betont der Film genau die Eigenschaften dieser Erzählungen, die wir als eher „unmärchenhaft“ empfinden: blutiger Horror wie der einer am lebendigen Leib gehäuteten Frau, und grotesker Slapstick wie der eines zum Regieren wenig begabten Herrschers.
Zwischen drei verschiedenen, aber offenbar benachbarten Königreichen wechselt der Erzählfluss hin und her. In einem davon regieren John C. Reilly und Salma Hayek. Um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, muss Reilly als König sein Leben beim Erschlagen eines Seemonsters lassen, so dass Königin Hayek sich über das Monsterherz hermachen kann. Sie gebiert zwar den versprochenen Sohn, nur kommt gleichzeitig ihre in den Zauber involvierte Magd mit dessen Zwilling nieder. Fortan suchen sich die „Brüder“ ständig, während die Königin alles dafür tut, um das zu verhindern.
Im nächsten Königreich herrscht Vincent Cassel als Lebemann. Nur dumm, dass die zauberhafte Mädchenstimme, in die er sich eines Tages verliert, einer alten Frau gehört. Selbige wohnt bei ihrer Schwester, zusammen denken sie sich allerlei Intrigen aus, wie sie das Begehren des Königs zufriedenstellen können, ohne ihre Haut zeigen zu müssen. Aber als sich schließlich ein Wunder ereignet und die alte Frau sich als junges Ding wieder findet, fühlt sich die Schwester derart zurückgesetzt, die sie zu immer wahnsinnigeren Taten inspiriert.
Im dritten Reich schließlich fällt ein ungelenker Toby Jones auf dem Thron einer seltsamen Obsession anheim: Er ernährt einen Floh zu gigantischen Ausmaßen, bis er verendet. Untröstlich bewahrt der König das „Fell“ auf und kommt sich oberschlau vor, als er einen Wettbewerb ausruft, bei dem derjenige, der die Herkunft des Fells errät, die Hand seiner Tochter erhalte. Sämtliche Kandidaten fallen durch. Bis ein grobschlächtiger Oger daherspaziert, drei Mal das Wort „Floh“ ausspricht, und mit einer vor Schreck starren Prinzessin von dannen zieht.
„Das Märchen der Märchen“ ist ein für europäische Verhältnisse aufwändig ausgestatteter Kostümfilm, der sich dennoch von kommerzielleren Produktionen wie „Snow White and the Huntsman“ als bescheiden absetzt. Man merkt durchweg, dass es Garrone nicht auf die Perfektion der Spezialeffekte und optischen Illusionen ankommt. Das Künstliche und Kulissenhafte mancher Schauplätze scheint er eher noch zu betonen. Von dieser Brüchigkeit geht ein besonderer Reiz aus. Es ist ein wenig wie mit Konditoreiwaren: die allzu perfekten enttäuschen, während die mit der krummen Sahneborte oft geschmacklich überlegen sind.
Das gilt insbesondere für die von Bebe Cave großartig gespielte Figur der Prinzessin, die dem Oger folgen muss. Pausbäckig und etwas plump entspricht sie nicht den holden Vorbildern, genauso wenig „prinzessinnenhaft“ ist ihr Schicksal, bei dem sie sich in der abgelegenen Höhle mit einem Menschenfresser an ihrer Seite wiederfindet. Wie sie halb freiwillig, halb unfreiwillig zur veritablen Actionheldin wird - das sprengt auf angenehme Weise die Tradition des „Urstoffes“. Es kommt halt doch immer darauf an, wie man ihn interpretiert.
Barbara Schweizerhof

