Science-FictionD 2015108 min., von Özgür Yildirim, mit David Kross, Emilia Schüle, Jörg Hartmann

Es gibt nicht viele ­gelungene Action-Filme deutscher Machart. Dieser hier ist einer. Der Hamburger Regisseur Özgür Yildirim hat sich ein paar zugkräftige Jungstars geschnappt, mit der Romanvorlage von Mirjam Mous einen packenden Thriller-Plot aus dem Reich der Dystopie gesichert und mit „Boy 7“ einen echten Reißer für die filmaffine Jugend hingelegt.

David Kross, der Berliner Star aus „Knallhart“, „Krabat“ und „Der Vorleser“, überzeugt als junger Hacker Sam, der sich in einem Alptraum wiederfindet. In einem U-Bahn-Tunnel erwachend, kann er sich erst mal an nichts erinnern, realisiert aber, dass er sich offenbar gleichzeitig auf der Flucht vor Gesetzeshütern und einer geheimnisvollen Organisation befindet. Ein Notizbuch, das ihm scheinbar zufällig in die Hände fällt, offenbart eine ungeheuerliche Verschwörungstheorie.

Auf seiner Flucht bleibt er immerhin nicht allein. Lara, herrlich frech gespielt von Jungtalent Emilia Schüle, gesellt sich hinzu. Sie ist jung, attraktiv und lehnt sich offenbar gegen Obrigkeiten aller Art auf. Traumgleich rollt der Film den Inhalt des Notizbuches und damit die Genese von Sams Bedrängnis auf. Nach einer Hackerattacke auf Schulnoten landet er per richterlicher Anordnung in einer Anstalt mit dem Namen Kooperation X, die sich die kriminelle Energie junger, gleichwohl hochtalentierter Gesetzesbrecher zu Nutze macht.

Allerdings liegt das Fernziel der Institution im Dunkeln. Der Alltag ist geprägt von Disziplin, Regelwerk bis hin zur totalen Überwachung. Regisseur Yildirim setzt sie gekonnt ästhetisch kalt als uniformierte Fabrik in Szene. Im Angesicht fragwürdiger Persönlichkeitstests regen sich bei Sam Zweifel am Resozialisierungsziel. Es kommt aber noch dicker. Ungeklärte Todesfälle und andere Zwischenfälle häufen sich. Undurchsichtige Aufseher wie Isaak (Jens Harzer) vergrößern das Vertrauen auch nicht gerade. Sams Versuche, mit Hilfe eines Zimmergenossen und der rebellischen Lara, die er hier zum ersten Mal trifft, hinter die Wahrheit zu kommen, kreuzen sich mit den Wirren des Heranwachsens, der Entdeckung des anderen Geschlechts und den damit verbundenen Unsicherheiten.

Yildirim gelingt es, das Coming-of-Age-Thema gekonnt mit dem Science-Fiction-Thriller zu verbinden und dem Film jenseits des kriminellen Plots eine humane Note zu verleihen. Nicht zuletzt verstehen sich auch seine hervorragenden Jungdarsteller Emilia Schüle und David Kross auf feine Zwischentöne innerhalb der Krimi-Geschichte.

Man braucht nicht weit zu schauen, um in der Realität genügend Synonyme für ein System wie jenes der Kooperation X mit ihrem Kontrollwahn zu finden. „Boy 7“ funktioniert als gesellschaftskritische Zukunftsvision, aber er funktioniert eben auch als hervorragender und exzellent gespielter und höchst unterhaltsamer Thriller á la „Tribute von Panem“ oder „Divergent“. Regisseur Yildirim erweist sich auch mit seinem vierten Langfilm als Hoffnungsträger des deutschen Films.

Annette Stiekele