Das lässt sich auf beide Vorzeige-Regisseure der Nouvelle Vague münzen, auf Truffaut und Jean-Luc Godard. Zwei Filmbesessene, die einen Pakt schlossen, den sie Freundschaft nannten. Zwei aus der Außenseiterbande. Sie küssten und sie schlugen sich. Am Ende war für mehr als zehn Jahre nur Hass. Und Verachtung.
Der Dokumentarfilm "Godard trifft Truffaut" verfolgt die Geschichte der beiden, ihre leidenschaftliche Genossenschaft für ein neues Kino, ihre Erfolge, ihre Revolution, schließlich den Bruch. Der Film benutzt Archivmaterial, Fotos, Werkausschnitte, um die zwei jungen Erfinder zu porträtieren. Truffaut und Godard benutzten einander, um aufzusteigen und ihre Träume zu verwirklichen, sie entwickelten sich in unterschiedliche Richtungen, wobei jeder dem anderen Verrat unterstellte. Das erste Foto, das es von den beiden gibt, erzählt schon von der ganzen Geschichte. Truffaut (17) und Godard (19) lernen sich 1949 in Paris kennen, natürlich im Kino. Sie fahren nach Biarritz zum "Festival des verfemten Films". Das Bild zeigt Truffaut groß, das Hemd hängt ihm die Schulter herab, Godard im Hintergrund trägt ein Jackett, er schaut in eine andere Richtung. Eigentlich ist die Freundschaft ein Missverständnis. Ihre heißblütig verfassten Filmkritiken schlagen in die gleichen Kerben. Die Kritik am französischen Film ist zugleich die Blaupause für ihr Traumkino. Als Truffaut 1959 in Cannes mit seinem Debüt "Sie küssten und sie schlugen ihn" triumphiert, brummt Godard in Paris in eine Kamera: "Truffaut, das Schwein, hätte an mich denken können".
1960 ist Godards "Außer Atem" fertig, Truffaut hat bei Produzenten dafür geworben und das Drehbuch geschrieben. Sie sind jetzt die Helden des neuen Kinos. "C'est horrible", ruft eine Frau der Wochenschau zu. Truffaut ist ein leidenschaftlicher Erzähler und wird sich treu bleiben. Godard hat anderes im Sinn. Bei seinem zweiten Film, "Der kleine Soldat" erklärt er: "Ich will enttäuschen, damit man mir nicht vertraut." 1968 sprengen die beiden Stars das Festival von Cannes. Die Politisierung läutet das Ende ein. Godards Meinungen werden radikal. "Ich rede von Solidarität, ihr von Kamerafahrten und Großaufnahmen", stöhnt er. Der Zuschauer sieht dem Dokumentarfilm amüsiert zu. Die Intensität der Kinoliebe wirkt bizarr. Leider tritt zwischendurch die Schauspielerin Isild Le Besco auf und blättert in Zeitschriften und Büchern. Es bleibt unklar, warum sie das tut. Der Schwerpunkt liegt in den "guten" Jahren bis 1968. Zu der Zeit bis Truffauts frühem Tod 1984 fällt Regisseur Emmanuel Laurent wenig ein. Nach "Die amerikanische Nacht" schreibt Godard an Truffaut, nennt ihn Lügner, beschimpft ihn, verreißt den Film und bittet um Geld. Truffaut schreibt 20 Seiten an den "Scheißtyp". Später ziehen sie in Interviews übereinander her. Dazwischen steht Jean-Pierre Léaud, der mit beiden drehte, hin- und hergerissen als "Kind der Nouvelle Vague". Reaktionen auf das Zerwürfnis, die Leerstelle, all das bleibt offen. Der Film endet abrupt wie die Freundschaft.
Doku: Frankreich 2010, 91 Min., von Emmanuel Laurent, mit Isild Le Besco
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