Die Fans feierten Urs Fischer, den Trainer von Union Berlin. Natürlich, möchte man hinzufügen. Doch auch beim Anhang des Berliner Fußball-Bundesligisten wird man wissen, dass mit jeder Niederlage die Argumentation für einen Trainer schwieriger wird. Beim 0:2 (0:1) bei Werder Bremen ging Union zum zehnten Mal in einem Pflichtspiel leer aus. Hintereinander. Eine Negativserie, die ihresgleichen sucht.

Dass es in Köpenick dennoch vergleichsweise still geblieben ist, spricht für den Verein. Doch jeder Rückschlag wird die Klub-Oberen ein wenig mehr nachdenken lassen. Für Oliver Ruhnert, Unions Geschäftsführer Profifußball, ist die Lage nicht darin begründet, ob Fischer die Mannschaft noch erreicht oder nicht.

Der Coach selbst habe zu verstehen gegeben, „dass er sie noch erreicht“, sagte der Union-Manager: „Die Geschichte, die wir gerade durchleben, hatten wir in der Form noch nie. Wir haben gesagt, wir wollen sie möglichst auch alle miteinander erfolgreich bestreiten. Trotzdem bleibt der wichtigste Aspekt in dieser Konstellation der 1. FC Union Berlin und natürlich auch das Ziel, in der Klasse zu bleiben.“ Und weiter: „Nach diesem Auftritt muss man sich Sorgen machen.“

Fischer will die Partie erst sacken lassen

Fischer selbst äußerte sich eher zurückhaltend: „Es gilt, dieses Spiel jetzt auch mal sacken zu lassen. Danach sieht man die Situation ein wenig klarer, und dann wird man sehen.“ Zum Zustand seiner Mannschaft nach zuvor neun Pflichtspielniederlagen in Folge (sechs in der Bundesliga, drei in der Champions League), sagte Fischer noch vor der Partei: „Alle ziehen mit.“

Zu seinem eigenen Status bei den Köpenickern ließ der Coach wissen: „Ich versuche, die Mannschaft bestmöglich auf die nächste Aufgabe vorzubereiten. Das ist das, was man von mir erwarten darf. Ich spüre aber auch einen unglaublichen Rückhalt im Klub, in der Mannschaft und im Umfeld.“

Rani Khedira (am Boden), Mittelfeldspieler von Union Berlin, wird von Schiedsrichter Tobias Stieler des Feldes verwiesen.
Rani Khedira (am Boden), Mittelfeldspieler von Union Berlin, wird von Schiedsrichter Tobias Stieler des Feldes verwiesen.© Getty Images | Cathrin Mueller

Inwiefern dieser Rückhalt in der Vereinsführung nach dem Bremen-Spiel und vor den Herausforderungen im DFB-Pokal beim VfB Stuttgart am Dienstag (18 Uhr, Sky) sowie den kommenden Liga-Spielen gegen Frankfurt, in Leverkusen, gegen Augsburg und bei den Bayern, wird sich erst zeigen.

Nein, auch nach dieser unglaublichen Negativserie zeigte sich Union nicht derart angeschlagen, wie man es von einem Team durchaus erwarten kann. Dass es dennoch an Selbstvertrauen fehlt, ist nicht nur logisch, sondern war in Bremen auch in nahezu jeder Aktion zu erkennen. In der Defensive wirkte vor allem Leonardo Bonucci in vielen Situationen zu fahrig. Das wiederum überraschte angesichts der Erfahrung, die der Italiener mitbringt.

Bonucci und Behrens rücken in die Startelf von Union Berlin

Bonucci ersetzte erwartungsgemäß den verletzten Danilho Doekhi in der Dreier-Abwehrkette. Im Angriff feierte Kevin Behrens sein Startelf-Comeback für den bis nächste Woche suspendierten David Fofana. Der Ivorer hatte im Königsklassenduell den obligatorischen Handschlag mit Fischer bei seiner Auswechslung verweigert. Trotz öffentlicher Entschuldigung des Angreifers gab es ein klärendes Gespräch – und die temporäre Verbannung.

„Das einzige, was ich mir persönlich vorwerfe, ist, dass es mir nicht gelungen ist, ihn umzustimmen. Er hat seine Strafe bekommen“, gestand Fischer vor der Partie. Womit auch der Wert von in Sozialen Netzwerken geposteten Entschuldigungen ausreichend geklärt ist. Nicht ausgeschlossen, dass die Personalie Fofana die Köpenicker weiter beschäftigen wird.

Es sollte endlich ein Sieg her. Nein, es musste, um nicht nach neun Spieltagen endgültig den Blick nur nach unten richten zu müssen. Dazu brauchte es Tore. Doch bei den sechs Niederlagen erzielte Union gerade drei Treffer. Und in Bremen? Nationalspieler Behrens blieb in der ersten Hälfte ohne Effekt, Mittelfeldspieler Brenden Aaronson in der Offensive viel zu verspielt, Janik Haberer zu blass. Sheraldo Becker war folglich erneut Alleinunterhalter.

Knoche trifft ins eigene Tor, Platzverweis für Khedira

Beckers Vorlage verwertete Union-Kapitän Christopher Trimmel nach 48 Sekunden nur unzureichend, ansonsten landeten die Vorlagenversuche meist in der Werder-Defensive. Unions Abwehr hielt gegen stärker werdende Bremer, die sich keine echte Torchance erspielten, Stand. Bis zur 38. Minute. Da schlugen sich die Köpenicker im wahrsten Sinne des Wortes selbst.

Einen Freistoß von Marvin Ducksch verlängerte Robin Knoche per Kopf ins eigene Netz (38.). Torwart Frederik Rönnow war aus seinem Tor hinaus geeilt, um den Ball zu klären – nicht die beste Entscheidung des Dänen, der dabei auch noch Diogo Leite niederstreckte. Der Portugiese konnte jedoch weiterspielen.

Union im Herbst 2023. Das ist eine Mannschaft, die alles auf sich zieht, was man an Negativerlebnissen auf sich vereinen kann. Exakt eine Stunde war gespielt, da war die Partie für Rani Khedira beendet. Beim Versuch, den Ball mit dem langen Bein zu klären, traf der defensive Mittelfeldspieler nicht das Spielgerät, sondern die Brust des Bremers Romano Schmid. Glatt Rot war die Folge (60.).

Rückstand, Unterzahl und keine Hoffnung auf ein Ende der Negativserie. Es passt ins Bild, dass ein langer von Milos Veljkovic über Knoche hinweg an Unions Strafraumgrenze Ducksch fand, der den erneut aus seinem Tor stürmenden Rönnow zum 0:2 überlupfte (75.). Behrens ließ den Frust nach seiner Auswechslung an einem Sitz aus. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Ära Fischer nach fünf unfassbar erfolgreichen Jahren ein ebenso krachendes Ende finden wird.