Union Berlin

Luthe ist bei Union mehr als nur eine Nummer eins

Bei Union will Andreas Luthe Vorgänger Rafal Gikiewicz vergessen machen. Seine Ruhe zeichnet ihn aber nicht nur im Union-Tor aus.

Andreas Luthe, der Torwart von Union Berlin, ist nicht nur im Trainings voll fokussiert.

Andreas Luthe, der Torwart von Union Berlin, ist nicht nur im Trainings voll fokussiert.

Foto: nph / Hafner / pa / nordphoto

Berlin. Alle, die im Fußball unterwegs sind, kennen ihn, doch keiner kann genau sagen, woher der Spruch eigentlich stammt. Torhüter und Linksaußen haben eine Macke. Natürlich weiß auch Andreas Luthe um diesen Spruch, der den Spielern auf den genannten Positionen eine gewisse Verrücktheit andichtet. Doch der Torwart von Union Berlin ist „angetreten, um da bewusst gegenzusteuern“, wie er verrät.

Das geschieht bereits mit dem ersten Eindruck, den man von Luthe gewinnt und der so ganz anders ist als der von seinem Vorgänger im Union-Tor, Rafal Gikiewicz. Der Pole wurde vor allem angetrieben von seinem unbändigen Ehrgeiz, der manchmal vielleicht auch ein wenig über das Ziel hinaus ging, Kalorienbewusste Ernährung und ein genau einzuhaltender Zeitplan was Ruhepausen angeht, inklusive.

Luthe sitzt mit einem Espresso am Tisch und strahlt dabei vor allem eines aus: Ruhe. „Ich bin auch ein ganz anderer Typ als Rafa, das weiß ich, und ich werde mich auch nicht verstellen. Er hat es auf seine Art und Weise gut gemacht, ich versuche das gleiche auf meine Art“, erklärt Luthe. Sorge, dass die Fußstapfen, die Gikiewicz in zwei Jahren bei Union hinterlassen hat, zu groß sein könnten? „Ich bin 33 Jahre alt und 13 Jahre Profi. Wenn ich da jetzt unruhig werden würde, weil vor mir jemand eine gute Bundesliga-Saison gespielt hat, dann hätte ich sicherlich den falschen Job. Ich gehe da ganz unbedarft ran“, sagt Luthe.

Luthe will bei Union Berlin neu angreifen

Nach Gikiewiczs Abgang zum FC Augsburg hat Union Luthe aus Augsburg als neue Nummer eins geholt. Das ist nicht selbstverständlich, schaut man in die Vita des gebürtigen Velberters. In den vergangenen vier Spielzeiten blieb ihm nur die Rolle des Ersatzmannes – bis das Saisonende nahte.

„Ich habe in drei von vier Jahren jeweils immer die letzten Spiele gemacht, wenn es darum ging, die Klasse zu halten, wenn wie punkten mussten. Das ist etwas, das nehme ich gern mit. Das ist eine Eigenschaft, die du als Torhüter immer wieder brauchst“, erzählt Luthe. Es waren die Spiele nach der Corona-Pause, die ihm noch einmal ordentlich Motivation gegeben haben.

Dieses Vertrauen zum Schluss in Augsburg „hat mir nochmal Auftrieb gegeben. Darin sehe ich auch meine Leistungen in den letzten Spielen begründet, weil man mir gesagt hat: Nach der Corona-Pause spielst du, lass uns zusehen, dass wir die Klasse halten.“ Das Vertrauen, das Union in ihn setzt, will der 1,95-Meter-Mann auch am Sonntag im Testspiel beim niederländischen Rekordmeister Ajax Amsterdam (13 Uhr, Sport 1) gern schon ein wenig zurückzahlen.

Luthe blickt über den Tellerrand des Profifußballs

Was ihm die „Lehrjahre“ als Nummer zwei gebracht haben? „Ich bin schon nochmal stärker geworden, was meine Psyche angeht. Weil es ja schon nicht leicht ist als Nummer zwei. Mich hat es aber besser gemacht, weil ich gelernt habe, auf den Punkt da zu sein“, macht Luthe deutlich.

Mit der Reflektion der eigenen Entwicklung zeigt er, dass er bei allem Profitum auch in der Lage ist, über den Tellerrand des Fußballs hinauszublicken. „Es lohnt sich, wenn man es kann“, sagt Luthe. Seit fünf Jahren sitzt er im Spielerrat der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV), war Ansprechpartner für viele während der Corona-Pause. „Meine Tür steht immer offen“, so Luthe.

Vor allem aber fördert er seit fünf Jahren Kinder mit seiner von ihm und dem damaligen Bochumer Mitspieler Jonas Ermes gegründeten gemeinnützigen Organisation „In safe hands“ (in sicheren Händen). Der europäische Fußballverband Uefa hat das Projekt im Juni sogar mit dem „Foundation for Children Award“ und 50.000 Euro ausgezeichnet.

Luthe fördert Kinder über den Sport

In einem zehnköpfigen Team arbeitet Luthe daran, „emotionale Intelligenz an Kinder über den Sport zu vermitteln. Meine Gegenration ist ja ein wenig anders aufgewachsen als die jetzige“ sagt der Union-Torwart und erklärt: „Dieses Zurückziehen, Drinbleiben und an der Konsole sitzen sorgt auch immer wieder dafür, dass es unheimlich schwer ist für die Kids, miteinander klarzukommen. Auch seine eigenen Gefühle zu erkennen und akzeptieren, aber auch die des Gegenübers. In der Gruppe zu versuchen, etwas zu erreichen und einen Kompromiss zu schließen, fällt vielen Kindern heute schwer. Das ist ein Thema, was wir mit der Sporthochschule in Köln angehen.“

In Nordrhein-Westfalen ist das Angebot von „In safe hands“ sogar im Lehrplan der offenen Ganztagsschulen verankert. „Dann hast du die Gelegenheit, an zwei Wochentagen intensiv mit Kindern mal ganz etwas anderes zu machen als den Lernstoff, den sie normalerweise haben. Du holst sie einfach mal raus aus diesem Druck. Jedes Projekt ist sportbezogen, wir haben immer einen Ball dabei, um auf spielerischer Ebene gewisse Themen vermitteln zu können.“ Der Enthusiasmus, mit dem Luthe erzählt, zeigt, wie sehr ihm dieses Projekt am Herzen liegt.

Luthe will mit Union Berlin die Klasse halten

Was nicht heißt, dass er sein Kerngeschäft deshalb hinten anstellt. „Ich möchte einfach dranbleiben, auf dem Platz aktiv mithelfen, dass man die Klasse hält. Wir haben es jetzt zehn Jahre in Augsburg geschafft, Bundesliga zu spielen. Das ist unglaublich“ sagt Luthe. Und hofft auf eine ähnliche Entwicklung bei den Köpenickern.

„Ich sehe es schon auch als Anspruch, als Aufgabe, in diese Richtung mit Union zu gehen. Union steht gerade noch am Anfang dieser Phase, die es möglicherweise gibt. Aber es ist einfach eine Aufgabe, gegen die ganzen Bayerns und Dortmunds zu bestehen und Punkte zu sammeln“, verdeutlicht der passionierte Golfspieler („Das werde ich mein Leben lang weiter spielen“) und klingt dabei gar nicht so verrückt, wie es der legendäre Fußballspruch glauben lassen will.

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