DFL-Zuschauerfrage

Union muss sich auf Gegenwind einstellen

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) berät über die Rückkehr von Zuschauern in der Bundesliga. Für Union gibt es nur eine Entscheidung.

Stimmung in der Alten Försterei – auch in der bevorstehenden Saison?

Stimmung in der Alten Försterei – auch in der bevorstehenden Saison?

Foto: Andreas Gora / pa /dpa

Berlin. Fragt man Spieler, die den Weg zum 1. FC Union gewählt haben, nach Gründen für ihren Wechsel nach Köpenick, so wird man als Antwort auch immer ein Argument bekommen: die Atmosphäre in der Alten Försterei. „Die Stimmung bei Union zählt zu den besten in der Bundesliga“, schwärmt zum Beispiel Niko Gießelmann, der gerade den Weg von Absteiger Fortuna Düsseldorf zu Union gegangen ist, von dem „kleinen, kompakten Stadion. Deshalb hoffe ich, dass die Fans schnell wieder ins Stadion dürfen, natürlich unter den entsprechenden Voraussetzungen.“ Doch damit fangen die Probleme schon an.

Union Berlin arbeitet weiter an Vollauslastung

Wenn am Dienstag die Klubs der Deutschen Fußball Liga (DFL) um 11 Uhr zu ihrer ebenso virtuellen wie Außerordentlichen Mitgliederversammlung zusammenkommen, geht es ausschließlich um die Frage, inwiefern Zuschauer in der am 18. September beginnenden Saison vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie wieder zurück in die Stadien dürfen. Schon jetzt steht fest, dass es für die DFL nicht um eine Lösung geht, die alle zufrieden stellt, sondern um eine, bei der sich die wenigsten als Verlierer fühlen.

Es sind zwei Punkte, die von enormer Bedeutung sein werden, was die Akzeptanz der DFL-Entscheidung in der Öffentlichkeit, vor allem bei den Fans, betrifft. Wie viele Zuschauer dürfen zurück in die Stadien? Und: Werden Stehplätze erlaubt sein?

Welche Sprengkraft allein die zweite Frage beinhaltet zeigt ein Blick nach Köpenick. Unions Alte Försterei bietet 22.012 Zuschauern Platz, knapp 85 Prozent davon sind jedoch Stehplätze. Zusammen mit den Gesundheitsämtern und dem Leitfaden folgend, den die DFL am 15. Juli an die Vereine verschickt hat, arbeiten die Köpenicker an einem Konzept, das eine Vollauslastung vorsieht – und damit auch die Testung von gut 22.000 Menschen vor dem Einlass.

Union Berlin verteidigt Konzept

Mit dem Vorstoß der DFL zwei Wochen später, eine Zuschauer-Rückkehr nur auf Sitzplätzen möglich zu machen, scheint ein Konflikt unausweichlich. Die DFL stellte zwar klar, Stehplätze seien ein „wesentlicher Bestandteil“ der deutschen Fankultur. Zugleich wird jedoch – nicht zu Unrecht – befürchtet: „Die Einhaltung eines Abstandsgebots kann dort nicht immer und lückenlos eingehalten und durchgesetzt werden.“

Abgesehen von der Forderung der Fans, die im Motto „alle oder keiner“ bestens zusammengefasst ist, ist jedoch auch das Befolgen der Abstandsregelungen in Sitzplatzbereichen immer vom Willen der Stadionbesucher abhängig, diese Regeln einzuhalten.

„Wir wissen, dass es grundsätzlich auch technisch und organisatorisch möglich sein wird, 22.000 Menschen in einem kurzen Zeitraum zu testen. Wäre das ausgeschlossen, hätten wir diesen Vorschlag nicht unterbreitet“, verteidigte Christian Arbeit, Unions Geschäftsführer Kommunikation, den Vorschlag des Klubs zuletzt beim RBB.

Stehplatzverbot soll bis 31. Oktober gelten

Die Klubs der DFL wiederum werden kaum für eine Vollauslastung der Stadien stimmen, wenn diese nicht an jedem Standort gewährleistet werden kann. Dabei geht es nicht nur um ausreichend und rechtzeitige Corona-Tests, sondern auch um die An- und Abreise von Zuschauern, um die Taktung öffentlicher Verkehrsmittel, die Trennung von Wegen und Sektoren im Stadion sowie die Nutzung sanitärer Anlagen. Die DFL empfiehlt in ihrem Leitfaden als zu präferierende Anreise die mit dem Auto, nicht nur für Union eine unlösbare Aufgabe.

Das Stehplatzverbot soll, so der DFL-Vorschlag, bis zum 31. Oktober gelten. An diesem Tag laufen in vielen Bundesländern die Corona-Verordnungen aus. Damit einhergehend soll auch das Verbot von Gästefans gehen. Die Reiseaktivität der Fans soll damit minimiert werden. Gleichwohl bekennt sich die DFL zum „statuarisch fixierten Gästekarten-Kontingent“ von mindestens zehn Prozent der Tickets der verfügbaren Stadionkapazität.

Doch selbst wenn die DFL eine Teilauslastung beschließen sollte, wird es Ungerechtigkeiten bei der Vergabe der Tickets geben. Zumal die Teilauslastung nur im Verhältnis zur jeweiligen Stadionkapazität erfolgen kann. Südkorea hatte beispielsweise seine Stadien am vergangenen Wochenende wieder für zehn Prozent der verfügbaren Zuschauerkapazität geöffnet - insgesamt standen in den sechs Erstliga-Stadien 13.000 Plätze zur Verfügung.

Gesundheitsminister beraten über Zuschauerrückkehr

Neben den 36 Profiklubs nimmt sich auch die Politik des Themas Zuschauerrückkehr im Fußball an. „Die Gesundheitsministerkonferenz berät dazu am 10. August“, teilte die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit am Montag mit. Berlins Ressortchefin Dilek Kalayci (SPD) ist derzeit Vorsitzende der GMK.

Dass es in beiden Konferenzen auch um Möglichkeiten gehen wird, wie mögliche Infektionsketten nachzuverfolgen sind, ist vor allem bei den Fans ein heikles Thema. Nicht nur das Fan-Bündnis „Unsere Kurve“ sieht bei der möglichen Einführung personalisierter Tickets, die eine solche Nachverfolgung unumgänglich machen, ein Problem.

„Vereine und Verbände müssen sicherstellen, dass keine Weitergabe von erfassten Daten an die Sicherheitsbehörden erfolgt. Neue Technologien der Überwachung dürfen nicht durch die Hintertür des Gesundheitsschutzes eingeführt werden“, betonte das Bündnis. Hier wiederum darf festgehalten werden: Wer nichts zu verbergen hat, der braucht sich auch vor personalisierten Tickets nicht zu fürchten.