Bundesliga

Unions Zuschauer-Konzept: Zwischen grotesk und unmöglich

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Unions Stürmer Sebastian Andersson könnte schon mit Beginn der neuen Saison wieder mit den Fans feiern.

Unions Stürmer Sebastian Andersson könnte schon mit Beginn der neuen Saison wieder mit den Fans feiern.

Foto: Torsten Silz / picture alliance/dpa

Unions Plan, mit Corona-Massentests die Fans zurück ins Stadion zu holen, hat eine hitzige Debatte losgetreten.

Berlin. Der 1. FC Union macht sich mit seinem aufsehenerregenden Plan zum Vorkämpfer für die Rückkehr der Fans ins Fußballstadion, und auch DFB-Chef Fritz Keller träumt von vollen Arenen durch flächendeckende Corona-Tests. In der Debatte um eine mögliche Rückkehr von Zuschauern löst der Plan der Köpenicker, schon mit dem Start der neuen Bundesliga-Saison sein Stadion mit mehr als 22.000 negativ getesteten Menschen komplett zu füllen, deutschlandweit heftige Reaktionen aus. Von „Traum“ über „Verständnis“ bis zu „nahezu grotesk“ und „nicht vertretbar“ lauteten die ersten Kommentare aus Sport, Politik und Wissenschaft. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie sieht das Konzept der Unioner aus?

Zugang zum Stadion sollen nur Zuschauer, Mitarbeiter und andere Personen erhalten, die neben einer Eintrittskarte auch ein negatives Corona-Testergebnis vorweisen können, das nicht älter als 24 Stunden sein darf. Der Verein will die Kosten für die Umsetzung selbst tragen. Das Konzept will der Klub mit dem Senat und dem zuständigen Gesundheitsamt konkretisieren.

Wie passt der Union-Plan in das Konzept der DFL?

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hatte darauf hingewiesen, dass es kein zentrales Hygiene- und Sicherheitskonzept wie bei der Beendigung der jüngsten Saison mehr geben soll. Entscheidend für eine Zulassung von Fans seien die lokalen Konzepte der Vereine, die von den zuständigen Gesundheitsbehörden vor Ort freigegeben werden müssten. So ist zumindest der Weg der Unioner konform zu den DFL-Aussagen.

Wie reagiert die Politik?

Berlins Sportsenator Andreas Geisel zeigt sich offen. „Wir verstehen Unions Ambitionen. Wir werden uns zeitnah mit der Vereinsführung treffen, um über das Konzept zu sprechen“, sagte der SPD-Politiker. „Es sollte keine unterschiedlichen Lösungen innerhalb der Bundesliga geben.“ Dagegen hält der Berliner CDU-Gesundheitspolitiker Tim-Christopher Zeelen die Pläne für „nahezu grotesk“. Die Test-Kapazitäten würden dafür gebraucht, „dass unsere Kinder wieder zurück in die Kitas und Schulen können und um unsere Senioren in den Pflegeeinrichtungen zu schützen“. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält ein ausverkauftes Stadion für „nicht vertretbar“, sagte er dem „Tagesspiegel am Sonntag“: „Man kann nicht mit Sicherheit ausschließen, dass Infizierte ins Stadion kommen.“ Zudem sind in Berlin Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen noch bis zum 24. Oktober untersagt.

Ist ein Test binnen 24 Stunden vor Anpfiff aussagekräftig?

Wissenschaftler sind skeptisch. Es gebe eine sogenannte diagnostische Lücke, erklärt Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie, Molekulare Diagnostik an der Uniklinik Marburg auf Anfrage. Es kann vorkommen, dass bei einem Infizierten das Coronavirus zum Zeitpunkt des Tests noch nicht nachweisbar ist, er aber später beim Spiel bereits ansteckend ist. Auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit weist in der „Bild am Sonntag“ darauf hin, dass ein Corona-Test nur eine Momentaufnahme sei. Es sei nicht ausgeschlossen, „dass trotzdem Zuschauer nach 24 Stunden positiv werden und somit andere Zuschauer im Stadion anstecken können“. Zudem kann es bei nicht optimal durchgeführten Tests auch immer wieder zu falschen Negativ-Ergebnissen kommen.

Sind so viele Tests innerhalb kurzer Zeit überhaupt möglich?

Zumindest dürfte es schwierig werden, wenn sich jeder Fan einzeln testen lässt. So teilt der Labor-Verband ALM auf Anfrage mit, dass die vom Verband abgefragten Labore in Berlin und Brandenburg aktuell rund 12.000 Tests am Tag durchführen können. Die an der bundesweiten ALM-Analyse teilnehmenden Labore decken rund 85 Prozent der gesamten Covid-19-Diagnostik in Deutschland ab.

Der Virologe Schmidt-Chanasit geht davon aus, „dass 22.000 Tests mit Kartuschen-Systemen, Pool-Testungen und einer großen Anzahl von Abstrich-Teams in der vorgesehenen Zeit bewältigt werden könnten“. Bei einer Poollösung werden mehrere Proben auf einmal getestet. Schlägt der Test an, werden die Proben dann einzeln geprüft. Kartuschen-Systeme können das Virus vergleichsweise schnell nachweisen.

Was kostet ein Corona-Test?

Labore bekommen laut Renz von den Krankenkassen zwischen 50 und 60 Euro pro PCR-Test. Die Kasse zahlt, wenn ein Arzt oder ein Gesundheitsamt den Test veranlasst hat. Lässt man sich auf eigene Faust testen, muss man die Kosten selbst tragen - die in Berlin dann zwischen 150 und 300 Euro liegen können.

Ist der 1. FC Union allein mit dem Wunsch nach vollen Rängen?

Natürlich nicht. Selbst wenn es möglich wäre, 22.000 Fußballfans vor einem Spiel zu testen, andere Sportvereine aber auch Klubs, Theater und Konzertveranstalter würden wohl ziemlich schnell ähnliche Ansprüche anmelden. Und ob dann die Test-Kapazitäten ausreichen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

( dpa )