Es gibt Dinge, die müssen einfach ausgesprochen werden. Auch wenn es deshalb zu Hause mal wieder etwas lauter wird, nur weil man selbst es ein wenig leiser haben möchte. Aber ich kann dieses „Last Christmas“ einfach nicht mehr hören. Gibt es eigentlich eine Weihnachts-Playlist ohne diese indoktrinierende Schmonzette?
Wer mich jetzt für einen Weihnachtsmuffel hält, der liegt völlig falsch. Zwei der wichtigsten Frauen in meinem Leben können dies bestätigen. Ich liege nur mit Playlists ein wenig über Kreuz. Ich zähle noch zu jenen, die das Hören eines kompletten Albums, früher bekannt als Langspielplatte, vorziehen. Weil es Stimmungen in all seinen Schwankungen hervorrufen kann, die eine Playlist nur schwer zu transformieren vermag. Wer jetzt an „Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd denkt, der liebt auch Queens „A Night at the Opera“. Wer braucht da „Last Christmas“?
Union Berlin hatte den Aufstieg verdient
Und wer, bitte schön, erinnert sich noch an letzte Weihnachten? Ja, jetzt haben Sie mich ertappt. Ich tue es, und zwar ziemlich genau sogar. Weil ich vor ziemlich genau einem Jahr jemandem lauschen durfte, der gut fünf Monate später zum König der Fischer wurde. In Köpenick, wo jetzt auch Bundesliga gespielt wird. „Am Schluss bekommst du, was du verdienst“, hatte mir Urs Fischer in einem Interview mit auf den Weg gegeben. Sein 1. FC Union hatte den Aufstieg verdient und feierte. An Tagen wie diesen wünschte man sich Unendlichkeit – von wegen tote Hose in Köpenick.
Als dann die erste Playlist – oh, Verzeihung – der erste Bundesligaspielplan mit dem Debütanten veröffentlicht wurde, war jedem sofort klar: „You can’t always get what you want“. Als ob die Rolling Stones höchstpersönlich den Wunsch des Managers Oliver Ruhnert übertönen wollten, bloß nicht RB Leipzig als Premierengegner zu bekommen. Aber man bekommt eben nicht immer, was man will.
Der Rocketman von Union Berlin
Doch der Stein kam ins Rollen. Und wie. Wie „Rocketman“ schoss Marius Bülter aus der vierten Liga empor – Elton John hatte es schon immer geahnt. Und Union hatte seinen ersten sensationellen Auftritt. Ich muss gestehen, ich werde Katja Ebsteins glockenklare Stimme nun mit noch mehr Schauern über den Rücken quittieren, wenn ich „Wunder gibt es immer wieder höre“ und an diesen nie für möglich gehaltenen Sieg gegen Borussia Dortmund denke. Stimmung und Stimmungen, die niemand vergessen wird, der den Abend in der Alten Försterei miterleben durfte. Union hatte die Bundesliga ein erstes Mal bereichert. Und es war nicht das einzige Mal, dass so richtig Musik drin war.
Das Irrsinns-Spiel gegen Bremen? Alle Gegner des Videobeweises fühlten sich wieder bestätigt, dass das Video die Fußball-Atmosphäre zerstört. Das ist dann vielleicht doch ein wenig zu viel der Ehre für etwas, was schon den Radio Star gekillt hat. Beste Grüße an The Buggles, im Übrigen. „Sad, but true“, traurig, aber wahr: Union verlor vier Mal in Folge, und hielt sich doch derart eisern, dass Metallica gleich das nächste Riff auflegen können. Mit derart viel „Fuel“ im Tank, also Treibstoff in den Beinen, ging es plötzlich von Sieg zu Derby-Sieg.
Union Berlin und sein Stadtmeister-Shanty
Ich werde das Gefühl nicht los, dass nach Achim Mentzels „Stimmung in der Alten Försterei“, Nina Hagens „Eisern Union“ und dem Torsten-Mattuschka-Lied das zum Stadion-Shanty stilisierte „Stadtmeister, Stadtmeister, Berlins Nummer eins“ längst in die Phalanx der Klubhymnen aufgenommen wurde. Udo Jürgens hat es mit seinem „17 Jahr, blondes Haar“ schon ein Jahr vor Unions Gründung im Jahre 1966 gewusst, melodisch gesehen. Und De Höhner sorgen mit ihrem „Viva Colonia“ ja nicht erst nach dem Sieg gegen den 1. FC Köln bei Fußball-Fans für Stimmung.
Wenn ich ehrlich bin, ist seit letzter Weihnacht doch eine richtig Klasse-Playlist zusammengekommen, mit Emotionen in allen Richtungen. Keine Frage: Alben haben es da mächtig schwer.


