Einwurf Union

Union erobert auf leisen Sohlen Europa

Warum auch der 1. FC Union als Bundesliga-Aufsteiger von der Fußball-Europameisterschaft im nächsten Jahr profitiert.

Sportredakteur Michael Färber

Sportredakteur Michael Färber

Die Welt mag zwar immer kleiner werden, und irgendwie hat man im Zeitalter von Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat auch alles schon gesehen oder gehört. Doch es gibt sie immer noch, diese Mythen, jene ungelösten Rätsel der Menschheit, die bis heute auch kein noch so ausgeklügelter Computer-Algorithmus hat entschlüsseln können. Oder haben Sie schon einmal versucht, einen Beipackzettel wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu falten? Das muss wohl eine dieser Risiken oder Nebenwirkungen sein, von denen dann immer die Rede ist.

Die Europäische Fußball-Union Uefa hat für ihre Europameisterschaft im nächsten Jahr auch einen Beipackzettel herausgegeben. Nichts Großes, nur ein 64 Din-A4-Seiten starkes Pamphlet, das alle Nebenwirkungen des kontinentalen Stelldicheins bis ins kleinste Detail aufzeigt, vom Wettbewerbsformat bis hin zur Tatsache, dass die Auslosung der sechs EM-Gruppen im März noch einmal wiederholt werden könnte.

Doch die Uefa ist nicht perfekt. Wäre ja auch noch schöner, nachher würde man diesen trägen Koloss von einem Verband vielleicht sogar sympathisch finden. Diese Uefa also hat eine der offensichtlichsten und auch nützlichsten Nebenwirkungen ihrer größten Veranstaltung einfach vergessen aufzuführen: Aufmerksamkeit.

Österreich und Schweden setzten auf Hilfe von Union Berlin

Wer zur EM fahren darf, ist in diesen Tagen Gesprächsthema. Bei der Flut von Nachrichten, Fotos und Videos, die zu Abermillionen und auf allen erdenklichen Kanälen das Internet überschwemmen, nicht ganz unwichtig. Fußballprofis sind anno 2019 nicht zuletzt Einzelunternehmer. Und der Klub, der die besten Einzelunternehmer vereint, genießt auch eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Branche.

Nun ist der 1. FC Union Berlin sicher weit davon entfernt, in Sphären unterwegs zu sein wie Real Madrid, Paris Saint-Germain oder der FC Liverpool. Obwohl ich zugeben muss, dass ich das Real-Logo schon ganz gern in der Alten Försterei aufleuchten sehen würde. Vielleicht kann Union-Profi Felix Kroos ja seinen Bruder Toni in die Spur setzen. Rund fünfeinhalb Jahre bei den Königlichen­ müssen sich ja irgendwann mal auszahlen.

Wo war ich doch gleich? Ach ja, Aufmerksamkeit. Dass sich die Union-Profis Christopher Trimmel und Sebastian Andersson mit ihren Nationalmannschaften aus Österreich und Schweden für den Wettstreit im nächsten Sommer qualifiziert haben, rückt nicht nur sie selbst, sondern auch Union ein klein wenig mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. In jedem Fall bei jenen, die der kickenden Branche verfallen sind.

Mit Union 2001 im Uefa-Cup in Bulgarien

Und plötzlich ist so ein Aufstieg von Nebenwirkungen begleitet, die man im Moment des größten Vereinserfolges im vergangenen Mai vielleicht noch gar nicht so auf der Rechnung hatte. Die Europäische Union gibt es schon seit Jahrzehnten – aber Union in Europa? Da muss man schon ganz tief in die Archive klettern­. Gut, dass ich gerade mein Büro ausgemistet habe.

Ja, es stimmt tatsächlich, Union hat in Europa bereits stattgefunden, auch nach dem Mauerfall. Wer jetzt Haka Valkeakoski sagt, der muss auch Litex Lowetsch sagen. Augenzeugen aus jenem Jahr 2001, als die Europa League noch Uefa-Pokal hieß, erinnern sich an eine dreistündige Busfahrt durch Bulgarien samt aller Union-Hymnen in Dauerschleife. Und das war nur die Hintour. Dass ich seitdem ziemlich textsicher bin, ist auch nur eine von vielen Nebenwirkungen. Union erfuhr aber auch damals, als frischer Zweitliga-Aufsteiger und DFB-Pokalfinalist, in Europa schon einiges an Aufmerksamkeit.

Für die kleine Europareise benötigte man übrigens noch diese wunderbaren Straßenkarten, die gern in großen Faltplänen daherkamen. Als Beipackzettel für Reisende. Mit all seinen Risiken und Nebenwirkungen.