BUNDESLIGA

Boykott stoppt nicht jeden Union-Fan

Viele Union-Fans können beim ersten Bundesliga-Heimspiel der Vereinsgeschichte nicht lang still halten. Die Euphorie groß.

Vor dem Anpfiff halten die Fans des 1. FC Union Fotos von verstorbenen Anhängern hoch.

Vor dem Anpfiff halten die Fans des 1. FC Union Fotos von verstorbenen Anhängern hoch.

Foto: Annegret Hilse / Reuters

Berlin. Just in dem Moment, als sie auch stimmgewaltig in der Bundesliga angekommen waren, verstummten die Fans des 1. FC Union auch schon wieder. Das 1:0 für RB Leipzig fiel nur wenige Sekunden, nach dem die Anhänger des Köpenicker Fußball-Bundesligisten ihren Stimmungsboykott beendet hatten.

„Lautstark schweigen“ wollten sie in den ersten 15 Minuten beim ersten Heimspiel gegen das ihrerseits so verhasste „Konstrukt“ RB Leipzig. „Daraus kann man Vorteile ziehen, wir konnten immerhin auf dem Platz besser kommunizieren“, sagte Union-Kapitän Christopher Trimmel nach der 0:4-Niederlage zum Auftakt.

Einige hielten auch wirklich den Mund. Vielen aber ging es doch viel zu sehr um den Fußball selbst, als dass sie wirklich ruhig bleiben konnten. Zu groß war die Anspannung, zu groß die Aufregung. Spätestens bei der ersten Unioner Torannäherung war es bei den meisten Fans vorbei mit dem Schweigegelübde. „Als Spieler wünscht man sich über 90 Minuten Support. Wenn es so still ist, muss man schon versuchen, dass kein Testspiel-Feeling aufkommt“, sagte Unions Grischa Prömel.

Leipzigs Fans bestimmen die ersten 15 Minuten

So wurde der groß angekündigte Boykott eher zum Boyköttchen. Mit dem sich Union trotzdem seines eigenen großen Trumpfes beraubt hat, sich selbst geschadet hat. Wenn sie in dieser Saison im Oberhaus des deutschen Fußballs eine Chance haben, dann nur mit der stimmgewaltigen Unterstützung der Anhänger im Rücken. Egal, welcher Gegner in der Alten Försterei aufläuft. „Es ist wirklich eindrucksvoll, wie laut dieses Stadion sein kann. Und ich glaube, dass es Union nur gut tun kann, wenn dieses Stadion über volle 90 Minuten laut ist“, sagte auch Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann.

Die erste Viertelstunde Teil-Stillstand nutzten so stattdessen die Leipziger Fans, um die Dezibel-Vorherrschaft zu übernehmen. War ihnen vor Anpfiff noch ein gellendes Pfeifkonzert entgegengeschlagen, hatten sie nun zumindest vorübergehend die Vormacht auf den Rängen übernommen.

Fans gedenken mit Fotos verstorbener Anhänger

Stimmungsvoll hatte die erste Bundesliga-Partie der Vereinsgeschichte trotzdem begonnen. Während der Vereinshymne hatten die Union-Fans Fotos verstorbener Anhänger hochgehalten, die den Aufstieg nicht mehr miterleben konnten. Und auch sonst war die Vorfreude im Vorfeld mindestens so groß, wie sie es direkt nach der erfolgreich überstandenen Relegation war.

Schon in Charlottenburg waren die vorherrschenden Farben in der S-Bahn Rot und Weiß. Je näher man Köpenick kam, dem Epizentrum der sonntäglichen Berliner Fußball-Euphorie, desto deutlicher wurde: Hier haben sie Bock auf die Bundesliga. „Sandhausen war gestern, jetzt kommen die Bayern“, sagte ein Fan.

Stadion füllt sich schon lange vor Anpfiff

Die Massen strömten lange bevor die Stadiontore öffneten Richtung Alte Försterei. Als wollten sie auf keinen Fall auch nur eine Minute dieses ersten Bundesliga-Heimspiels verpassen, als wollten sie jede Sekunde dieser geschichtsträchtigen Premieren-Saison aufsaugen. Das Stadion war schon fast voll, da lag noch nicht ein Ball auf dem Rasen. „Wir sind erstligatauglich“, sagte ein anderer Fan. Das müssen die Köpenicker in den kommenden Wochen nun auch auf dem Platz beweisen.