Bundesliga-Relegation

Fischer ist Unions Aufstiegsflüsterer

Unions Trainer hat in nur vier Tagen den Aufstiegsfrust in Relegationslust umgewandelt. Das gefällt sogar einem Ex-Europameister.

Union-Trainer Urs Fischer findet immer die richtigen Worte bei seinen Spielern.

Union-Trainer Urs Fischer findet immer die richtigen Worte bei seinen Spielern.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Berlin. Die Aufgaben eines Fußball-Trainers, vor allem im Profibereich, sind durchaus vielfältig. Natürlich muss er seinen Spielern nicht mehr beibringen, wie man den Ball passt ober vernünftig stoppt. Zumindest wäre das wünschenswert.

Stattdessen muss der Mann an der Seitenlinie zwei Jobs gleichzeitig beherrschen, die im Grunde nichts mit der Materie Fußball zu tun haben. Es muss Dirigent sein, um sein Orchester für jedes der 90-Minuten-Konzerte einer Saison so abzustimmen, dass die eigene Mannschaft in der Liga mit der Musik spielt, statt ihr hinterherzulaufen.

Und er muss Psychologe sein. Urs Fischer (53), der Trainer des 1. FC Union, zählt zu jenen, die offenbar beides harmonisch miteinander in Einklang bringen können. Das hat das Hinspiel der Bundesliga-Relegation beim VfB Stuttgart gezeigt.

Union-Trainer Fischer sieht „kontrollierte Freude“

Im Mittelpunkt des Köpenicker Aufstiegswerks stehen zwei Sinfonien, jede klassisch ausgestattet mit einem Vier-Tore-Takt, von der Emotionalität jedoch komplett verschieden. Da war das 2:2 von Bochum, dessen dramatisches Finale die Gemüter beim Berliner Fußball-Zweitligisten in Schwermut zurückließ.

Es war an Fischer, an dieser Grundstimmung etwas zu ändern. Das 2:2 in Stuttgart im Hinspiel der Bundesliga-Relegation ist der Beweis dafür, dass es dem Dirigenten Fischer mit einer leicht veränderten Notation, sprich Aufstellung samt Taktik, gelungen ist, das traurige Moll von Bochum in helles Dur zu verwandeln – jedoch ohne euphorische Dynamik.

So gibt man sich im Lager der Berliner vor dem Rückspiel am Montag (20.30 Uhr, Eurosport-Player) verhalten optimistisch. „Natürlich war da Freude“, beschrieb Union-Trainer Urs Fischer die Stimmung in seiner Mannschaft, „aber es war eine kontrollierte Freude.“

Union-Kapitän Trimmel „Wir sind noch nicht durch“

Christopher Trimmel, Unions Kapitän und wegen einer Gelbsperre (wie auch Felix Kroos) am Montagabend nur Zuschauer, ist sich sicher: „Das Trainerteam wird nicht zulassen, dass wir glauben, wir sind schon durch.“ So wie es die Mannschaft in den vier Tagen nach dem Bochum Spiel auch nicht hat glauben lassen, dass mit dem verpassten Direktaufstieg der Traum von der Bundesliga schon ausgeträumt ist.

Fischer hat seit seinem Amtsantritt bei Union im vergangenen Sommer immer wieder gezeigt, dass er es versteht, die Mannschaft nach Rückschlägen auf die neue Aufgabe vorzubereiten. Dass er die Sprache der Spieler spricht, ihre Belange versteht, Probleme oder Fehler in positive Energie umzuwandeln weiß. Und die Mannschaft seiner Linie folgt.

„Für mich ein entscheidender Punkt im Spiel: Nach dem 0:1, bei dem man die Qualität von Stuttgart gesehen hat, wenn sie mit ihrem Umschaltspiel Tempo aufnehmen können, konnten wir schnell das 1:1 schießen“, erklärte Fischer: „Das hat der Mannschaft dann auch gezeigt, dass etwas möglich ist. Aus meiner Sicht war dieses 1:1 entscheidend dafür, dass wir schlussendlich 2:2 gespielt haben.“

Eurosport-Experte Sammer lobt Fischer

Union trat in Stuttgart mutig auf, „hat sich nicht versteckt und immer wieder versucht, in Drucksituationen spielerische Lösungen zu finden“, so Fischer. Das hat nicht nur die Stuttgarter beeindruckt.

So zollte Matthias Sammer dem Schweizer ein großes Lob. Der Europameister von 1996 und jetzige Eurosport-Experte sagte: „Fischer hat bei Union sehr gute Arbeit geleistet, aus dem negativen Sonntag diesen starken Donnerstag zu machen. Aber jetzt hat Union eine andere Rolle, weil es darum geht, die positive Ausgangsposition im zweiten Spiel nach Hause zu bringen. Und das ist oft nicht so einfach.“

Fischers Spieler ließen dennoch schon in den Momenten nach dem Remis von Stuttgart durchblicken, dass sie um die mentale Hürde wissen. „In zwei Spielen gegen einen Bundesligisten solche Leistungen zu zeigen, ist das Schwierige. Wenn wir im Rückspiel ein Prozent weniger geben, wird es nicht klappen. Das ist die Riesenherausforderung“, glaubt Trimmel.

Fischer als Vorbild für Stuttgarts Trainer Willig

Mittelfeldspieler Grischa Prömel sieht in dem guten Hinspiel-Resultat die große Gefahr darin, dass Union die Aufgabe im Rückspiel unterschätzen könnte. „Aber ich glaube nicht, dass dies passieren wird. Wir sind gefestigt, haben viele erfahrene Spieler in der Mannschaft, die wissen, wie man so ein Rückspiel angeht. Die Alte Försterei ist eine Festung, das wird uns noch mehr Kraft geben, als wir ohnehin schon hatten“, erklärte Prömel.

Kraft, die vor allem die Schwaben am Montag brauchen werden, wie Mario Gomez verdeutlichte. „Die ganze Stimmung jetzt gefällt mir nicht“, kommentierte der Ex-Nationalstürmer die Stuttgarter Dissonanzen: „Wenn man an sich glaubt und wenn man weiß, dass man in Berlin gewinnen kann, dann geht man hier mit erhobenem Haupt raus und sagt: Okay, das hier war’s nicht so, aber im nächsten Spiel haben wir eine zweite Chance.“

So steht VfB-Trainer Nico Willig ebenfalls vor der Aufgabe, sich als Dirigent eines harmonischeren Spiels seines Ensembles zu beweisen. Und als Psychologe: „Wichtig für uns ist, dass wir realisieren, dass erst Halbzeit in der Relegation ist. Es ist noch nicht vorbei. Aber in Berlin müssen wir anders auftreten, dann werden wir das Spiel auch gewinnen.“

Kampfansage von VfB-Stürmer Gomez

Vorbild für ihn ist kein Geringerer als Union-Trainer Fischer. „Mein Kollege hat das auch hinbekommen, innerhalb von vier Tagen. Und jetzt schauen wir mal, ob ich das auch hinbekomme, dass ich die Mannschaft, nachdem sie sich einmal geschüttelt hat, auf ein anderes Level bekomme, auch von der Leidenschaft und vom Kopf her. Dass sie das aus den Kleidern schüttelt und mit neuer Energie auf den Platz geht.“

Zumindest Gomez scheint bereit für die letzte Saison-Oper in der Alten Försterei: „Die Berliner feiern, als ob sie schon aufgestiegen wären. Das sollen sie tun. Wir werden am Montag zurückschlagen.“

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