1. FC Union

Gestatten, ich bin Berlins beste Fußballspielerin

Lisa Heiseler (20) vom 1. FC Union weiß sich durchzusetzen, im Fußball und in ihrem Beruf. Mit der Vorbildrolle kann sie gut leben.

Lisa Heiseler spielt für die Frauen des 1. FC Union

Lisa Heiseler spielt für die Frauen des 1. FC Union

Foto: Joerg Krauthoefer

Berlin. Die Hände sind tief in den Taschen ihrer Jacke vergraben, über den Kopf hat sie eine Kapuze gezogen. Wenig deutet im ersten Moment darauf hin, dass gleich Berlins Fußballerin des Jahres vor einem steht. Erst als sie ihre Kopfbedeckung lüftet und einen mit einem Lächeln begrüßt, nimmt man auch das Logo des 1. FC Union auf der Hose ihres Trainingsanzuges wahr.

Lisa Heiseler hat gerade das erste Spiel nach ihrem Kreuzbandriss hinter sich gebracht, in der zweiten Mannschaft. Sonst stürmt sie für die erste. Doch sie ist glücklich: „Das Knie hat gehalten, so habe ich 90 statt 40 Minuten gespielt.“ Die Rückkehr in den sportlichen Alltag ist um einen großen Schritt näher gerückt.

Im Frauenfußball, erst recht abseits von Bundesliga oder Nationalmannschaft, von großen Schritten zu sprechen, ist ansonsten schon gewagt. Anders als im Männerbereich, der es mit unzähligen Wettbewerben schafft, sich täglich in den Vordergrund zu spielen, bleibt für die Fußballerinnen nur die zweite Reihe – wenn überhaupt. Doch die 20-Jährige tritt in jedem Training, in jedem Spiel ebenso wie ihre Teamkolleginnen an, für den Frauenfußball zu werben. Und vor allem Mädchen, die sich für Fußball interessieren Mut zu machen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Schon früh musste sich die Berlinerin durchsetzen

Ihr Botschaft ist eindeutig. „Frauen können auch Fußballspielen. Vielleicht fehlt die Schnelligkeit ein wenig, aber ich finde sogar, Frauen haben die bessere Technik“, sagt Lisa Heiseler voller Selbstbewusstsein – und ist fast ein wenig erschrocken darüber. Weil sie, wie sie selbst sagt, nicht so gern im Mittelpunkt steht. Gleichzeitig glaubt die Berlinerin aber schon, „dass ich ein Vorbild sein kann, auch durch meinen Werdegang. Ich habe ja früher bei den Jungs gespielt. Und da muss man sich schon durchsetzen“, sagt Lisa Heiseler.

In der Grundschule hat alles angefangen, „in der ersten Klasse“, erzählt sie: „Schon damals hatte ich eher Jungs als Freunde. Mit denen habe ich dann immer Fußball gespielt, oder Fangen, während die Mädchen eher mit dem Springseil gespielt haben.“ Dabei hatte ihre Familie nichts mit Fußball zu tun.

Ihr Talent blieb nicht lange verborgen. Der Weißenseer FC wurde auf sie aufmerksam. „Dort habe ich bis zur C-Jugend gespielt. Zwölf Jahre war ich da alt. Ich war auch Kapitänin bei den Jungs.“ Praktisch nebenbei gibt Lisa Heiseler zu verstehen, was in jungen Jahrgängen durchaus üblich ist: Mädchen und Jungen gemeinsam in einer Mannschaft.

Erst als es 2012 zu Union ging, spielte sie in reinen Mädchen- und Frauen-Teams. Und fühlt sich seitdem dort bestens aufgehoben. „Man wird von der Jugend an gefördert, hat drei bis vier Mal die Woche Training, es gibt Trainingslager und Lehrgänge – da wird viel gemacht“, weiß Lisa Heiseler zu berichten: „Jetzt haben wir noch Yoga dazubekommen, das zeigt ja auch: Union macht sich Gedanken über unseren Werdegang im Fußball.“

Frauen-Fußball-Feiertag am 5. Mai

Schnell kommt einem die oft zitierte Union-Familie in den Sinn. „Wir werden auch dabei unterstützt, Arbeit oder Schule mit dem Fußball unter einen Hut zu bringen. Auch Fans oder die Eltern der Spielerinnen unterstützen uns.“ Die Dankbarkeit für diese Hilfen ist der Stürmerin im Gesicht abzulesen.

Abseits der Profi-Männer, die sich diese Saison anschicken, in die Bundesliga aufzusteigen (Heiseler: „Ist auf jeden Fall machbar“), engagiert sich Union seit Jahren für die Frauen der kickenden Branche. Der Frauen-Fußball-Feiertag an der Alten Försterei (dieses Jahr am 5. Mai) hat schon Tradition. Höhepunkt ist dieses Jahr das Heimspiel gegen den SV Jena II.

Finden Spiele in der Alten Försterei anstatt wie gewohnt in der Dörp­feldstraße statt, werden die Schränke der Männer-Profis schon mal für die Frauen hergerichtet – samt eigenem Bild, wie bei den Männern. Auch Lisa Heiselers Porträt fand sich schon auf einem der Schränke wieder. „Und unsere Trikots hingen bereits da. Wir standen alle mit offenen Augen davor“, erinnert sich Lisa Heiseler, bestätigt in ihrem Schritt, seinerzeit zu Union zu gehen.

Selbstbewusst auch in der Ausbildung bei der Polizei

Sie weiß sich durchzusetzen, auch in ihrem Beruf. Derzeit lässt sie sich zur Polizeimeisterin ausbilden. Da braucht es wie im Fußball ein gesundes Selbstbewusstsein, um öffentlichen Ressentiments entgegenzutreten. Und Anerkennung. Lisa Heiseler erfährt sie beim Fußball und bei der Polizei: „Auf der Arbeit sind eher Jungs, und die fragen mich alle, wie mein Wochenende war, wie ich gespielt habe, wie mein Training läuft. Alle interessieren sich dafür.“ Derzeit arbeitet sie akribisch an ihrer Rückkehr in die erste Mannschaft, um noch den Staffelsieg in der Regionalliga Nordost zu erringen (derzeit Platz zwei). Und um dann ihren Vorbildern nachzueifern. Früher waren es Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, jetzt ist es Alexandra Popp. „Sie ist sehr schnell und wendig.“

Allen Mädchen, die sich im Fußball versuchen wollen, macht sie Mut: „Macht einfach euer Ding. Ich empfehle auch, einfach mal bei den Jungs mitzutrainieren, da muss man sich nämlich durchsetzen. Das wäre dann schon ein Schritt in die richtige Richtung.“ Berlins Fußballerin des Jahres ist der Beweis.

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