Steffen Baumgart sieht aus wie ein glorreicher Halunke. Baseball-Kappe, Fünf-Tage-Bart, einen Kaffee-Becher-Rührstab im Mundwinkel. Dazu ein kleines Wohlstandsbäuchlein unter dem T-Shirt. Der Fußball hat es meist gut gemeint mit dem ehemaligen Kapitän vom 1. FC Union (2002-2004), dessen Familie immer noch in Köpenick lebt. Heute ist Baumgart Trainer beim Zweitliga-Aufsteiger SC Paderborn. Aber als dem 46-Jährigen am Sonntag gegen 15.15 Uhr sein Unioner Amtskollege Urs Fischer die Hand reichte, da machte Baumgart einen Gesichtsausdruck, als habe es der Fußball an diesem Tag mit keinem von beiden wirklich gut gemeint.

Der 1. FC Union und Baumgarts SC Paderborn trennten sich am Sonntag 0:0. Und man darf behaupten, dass es sich dabei um ein Ergebnis handelte, das dieses Spiel verdient hatte. In einer unterdurchschnittlichen Zweitligapartie hatten zwar die Berliner am Ende die besseren Chancen, den Siegtreffer zu erzielen – vornehmlich durch Schwedens Neu-Nationalspieler Sebastian Andersson, der eine Doppelchance innerhalb von einer Minute vergab (68./69. Minute). Aber weil Baumgarts Team die ersten 60 Minuten gehörten, war das Remis leistungsgerecht.

„Ein Punkt hört sich nicht schlecht an“, sagte Union-Trainer Fischer. Aber: „Wir hatten zwei oder drei sehr große Möglichkeiten, in Führung zu gehen, Paderborn hatte in den 90 Minuten keine klare Chance. Von daher nervt es mich auch ein bisschen, dass wir die drei Punkte nicht mitnehmen“, so der Schweizer, der das 0:0 allerdings ebenfalls als „gerecht“ bezeichnete.

Union bleibt neben Borussia Dortmund das einzige noch ungeschlagene Team im deutschen Profifußball und gesellt sich im europäischen Vergleich zu ruhmreichen Teams wie Paris St. Germain, dem FC Liverpool und Juventus Turin. Aber die Köpenicker verpassen auch die Chance, mit einem Sieg an die Tabellenspitze zu springen, nachdem der erstplatzierte 1. FC Köln am Sonnabend nur 1:1 gegen Kiel gespielt hatte. Weil allerdings Greuther Fürth ein 3:2 gegen Bielefeld gelungen war, rutscht die Mannschaft von Urs Fischer aus den direkten Aufstiegsrängen und ist nun Dritter. Der Relegationsplatz geriet nur deshalb nicht in Gefahr, weil zeitgleich der HSV gegen Bochum ebenfalls nicht über ein 0:0 hinauskam. Doch St. Pauli kann am Montag gegen Duisburg noch vorbeiziehen.

Wer sich in Halbzeit eins beim Bierkaufen in der Paderborner Arena verirrt hatte, der verpasste nichts. Die daheim weiter unbesiegten Ostwestfalen versuchten zwar allerhand. Aber gefährlich wurde es nie. Nun stellt Union mit nur sieben Gegentoren auch die beste Abwehr der Zweiten Liga. Und die sollte sich am Ende für Paderborn als undurchdringlich erweisen.

Fischer hatte seine Mannschaft im Vergleich zum 1:1 gegen Heidenheim auf zwei Positionen verändert: Christopher Lenz gab für den daheim gebliebenen Ken Reichel den Linksverteidiger und Felix Kroos durfte für Robert Zulj auflaufen. Statt eines 4-4-2 standen die Köpenicker diesmal in einem 4-3-3-System, aber das Angriffsspiel lahmte. Meist sah es so aus: Langer Ball auf den schwedischen Prellbock Andersson im Sturmzentrum, und der legte ab. Eine Torgelegenheit resultierte daraus aber nicht. So waren die ersten 45 Minuten schwer erträglich.

Das änderte sich erst ab der 60. Minute, und das lag an Union. Fischer hatte den schwachen Akaki Gogia durch Joshua Mees ersetzt. In der 70. Minute brachte er auch Zulj für Kroos. Da hatte die beste Phase der Berliner bereits begonnen. Andersson, der zuletzt mit Schweden gegen Russland und die Slowakei gespielt hatte, scheiterte zweimal innerhalb von einer Minute: Erst wurde der 27-Jährige noch von Paderborns Schlussmann Leopold Zingerle gestoppt, als er allein auf ihn zulief (68.). Grischa Prömel hatte den Angreifer mit einem erstligareifen Zuspiel in Szene gesetzt. Sekunden darauf sprang sein Kopfball an die Latte (69.).

Den Köpenickern fehlt die offensive Durchschlagskraft

Fischer setzte nun auf volle Offensive und brachte Sebastian Polter zehn Minuten vor Schluss für den glücklosen Andersson. Aber als Mees nach einem Torwartfehler von Zingerle drüber schoss (86.), war klar, dass es hier keinen Gewinner geben würde. Auch nicht unter den 11.336 Zuschauern vor Ort.

Der 1. FC Union nimmt vor dem nächsten Spiel am Sonntag gegen Dynamo Dresden die Erkenntnis mit, Paderborn zum erst zweiten Saisonspiel ohne eigenen Treffer gezwungen zu haben. Aber auch, dass für den Aufstieg die offensive Durchschlagskraft erhöht werden muss. Ein Unioner, der dies früher mitbrachte, heißt Steffen Baumgart.

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