Zweite Liga

1. FC Union hat mit dem Aufstieg ein Kopfproblem

Das Remis gegen Ingolstadt sorgt bei Union für Ernüchterung, denn der Aufstieg ist so nicht zu schaffen. Dem Trainer ist das nicht unrecht.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Als das Adrenalin längst wieder abgebaut war, setzte sich Fabian Schönheim vor den Fernseher. Er wollte sich am Abend die Bilder der großen Aufregung noch einmal anschauen, ganz in Ruhe. Verständlich, spielte der Verteidiger des 1. FC Union doch eine Hauptrolle im Gezeter und Gezerre um den verschossenen Elfmeter für den FC Ingolstadt in der Nachspielzeit.

„Sonst bin ich ja eher ein ruhiger Vertreter“, sagt er, „aber das muss auch mal sein.“ Findet auch sein Frau, die ist Halb-Italienerin, „hat also ordentlich Temperament“ – sie entdeckte nichts Anstößiges im Verhalten ihres Mannes. Der hatte ja auch nicht auf den Ball gespuckt, sondern nur so getan; dazu gab es ein paar unfeine Worte zum Schützen Iljan Micanski. Gelbe Karte für Schönheim, Elfer vergeigt, Punkt gerettet. Alles gut?

Bezogen auf diese spezielle Spielsituation trifft das zu. Schönheim musste schmunzeln, als er sich so aufgedreht sah. „Da bin ich kurz aus meinem Körper rausgeschlüpft“, sagt er: „Peinlich ist mir das aber nicht.“ Weil es eben die Niederlage der Berliner Fußballprofis verhinderte.

Bundesliga rückt in Hintergrund

Unangenehm berührt war der Innenverteidiger weit mehr von dem, was die Berliner in den 90 Minuten zuvor auf den Rasen gebracht hatten. „Das hat mich schon überrascht“, so der 26-Jährige. Union bekam nie Zug in das Spiel, wirkte ausgelaugt und nicht wie eine Mannschaft, die es in der Zweiten Liga auf den dritten Platz abgesehen hat.

Der und die damit verbundene Relegation zur Bundesliga waren zuletzt oft ein Thema rund um die Alte Försterei. Zwar ist der Abstand nicht größer geworden, weil Kaiserslautern in Duisburg nur zu einem 0:0 kam. Aber die Chance zum Angriff wurde verpasst, und der FSV Frankfurt zog an Union vorbei auf Rang vier.

Das Thema Bundesliga kann nun getrost wieder mehr in den Hintergrund rücken. „Wir sollten zuerst versuchen, uns auf unsere Leistung konzentrieren“, sagt Stürmer Simon Terodde. In der leicht euphorischen Stimmungslage der Vorwochen mit dem Kulminationspunkt im Derby gegen Hertha BSC litt etwas der Blick für die Notwendigkeiten, nun folgt der Kater.

Trainer Uwe Neuhaus hatte vorher gewarnt

„Der Trainer hatte uns gewarnt, dass es schwer wird, den Schalter zu finden vom Derby“, erzählt Schönheim. Die Köpenicker liefen gegen Ingolstadt nicht mit der Mentalität auf, mit der sie gegen den Lokalrivalen angetreten waren. Schönheim sieht das kritisch, denn „eigentlich müsste man in jedes Spiel so gehen wie gegen Hertha“.

Passiert das nicht, läuft die Mannschaft wie gegen Ingolstadt nur hinterher und kommt nicht in die Zweikämpfe. „Uns fehlte ganz klar die geistige Frische, wir konnten ja nach zehn Minuten nicht schon körperliche Probleme haben“, analysierte Trainer Uwe Neuhaus.

Der war schon vor dem Spiel nicht gut drauf gewesen – weil er eine Vorahnung hatte. Der Klub prosperiert, alles ist gerade ziemlich aufgewühlt in der Wuhlheide, es herrscht eine knisternde Atmosphäre, verbunden mit der Erwartung, dass da noch mehr kommt.

Union-Ingolstadt 3:0 stand vorher auf der Anzeigetafel

Und das wird dann schon mal vorempfunden. Bei der Team-Besprechung im VIP-Zelt war vor der Partie ein Bild der Anzeigetafel zu sehen: Union-Ingolstadt 3:0 stand darauf. „Da habe ich schlechte Laune bekommen“, so Neuhaus. Der eine oder andere hatte sich vielleicht schon zu sicher gefühlt.

Nach der berauschenden Leistung im Derby kann so etwas passieren, Ingolstadt sollte dafür alle wieder auf den Boden zurückgeholt haben. „Spielerisch war das nicht viel von uns, das müssen wir uns ankreiden und in der Woche aufarbeiten“, sagt Terodde.

Nüchterneres Arbeitsklima kann Union nicht schaden

Dass Union, nächsten Sonnabend zu Gast in Köln, im Kampf um Platz drei einen Rückschlag erlitten hat, lässt sich nur bedingt sagen. Der Trainer hält ohnehin nichts von kurzfristigen Einschätzungen.

„An meiner Einstellung hat sich nichts geändert, ich werde nicht von Woche zu Woche abrechnen“, sagt der 53-Jährige, der am Sonntag beim Auslaufen auf Kapitän Torsten Mattuschka (Erkältung), Patrick Kohlmann (Adduktoren) und Patrick Zoundi (Prellung) verzichten musste. Dauernd über Ambitionen reden, das will der Trainer auch nicht.

Nach aufregenden Wochen kann der Mannschaft ein insgesamt etwas nüchterneres Arbeitsklima nicht schaden. „Wir müssen ein bisschen auf die Bremse treten“, sagt Fabian Schönheim. Aber wenn es nötig ist, dann kann er auch ganz schnell den Schalter wieder umlegen, Adrenalin ausschütten und wild werden.