Zweite Liga

Union Berlin liefert gegen Rostock ein Wahnsinnsspiel

Das Neuhaus-Team schafft im letzten Heimspiel der Saison ein spektakuläres 5:4 und besiegelt den Abstieg der Rostocker.

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Wahnsinn. Wenn man das letzte Heimspiel des 1. FC Union in dieser Zweitliga-Saison gegen Hansa Rostock mit einem Wort zusammenfassen wollte, dann damit: Wahnsinn. Alles, was sich auf dem Rasen abspielte und auch vor dem Stadion An der Alten Försterei, sowohl vor dem Spiel als auch hinterher, hatte nichts, aber auch gar nichts mit einem normalen Fußballspiel zu tun. Allein das Ergebnis zeigt schon, was sich da am Sonntagnachmittag an Unglaublichem ereignet hat. Man musste schon zweimal auf das historische Anzeigenhäuschen schauen, wahlweise auch auf die Videowand auf der anderen Seite, um es wirklich zu realisieren: Union gewinnt gegen Hansa mit 5:4 (3:3) und krönt seine beste Saison im Profifußball, derweil die Rostocker nach nur einem Jahr durch die Niederlage abgestiegen sind. Nur im Sport liegen Freud und Leid derart dicht beieinander. Wahnsinn.

„Das letzte Spiel ist bei uns immer auf Unterhaltung ausgelegt“, flachste Daniel Göhlert nach dem Abpfiff: „Wir haben mit dem Präsidenten gesprochen: Wenn es am Ende der Saison so ausgeht, ist das okay.“ Der Innenverteidiger war nicht nur einer der Protagonisten, die den 18.300 Zuschauern in der ausverkauften Försterei – mehr waren aus Sicherheitsgründen nicht zugelassen – diesen unvergesslichen Nachmittag beschert haben. Göhlert war der Schütze des Siegtores. Es war zugleich sein erster Treffer in der Zweiten Liga überhaupt. Wahnsinn.

Dieser tobte übrigens schon lange vor dem Anpfiff. Durch die Vorkehrungen, die Polizei und Ordnungskräfte für dieses Spiel haben treffen müssen, ging schon knapp anderthalb Stunden vorher auf der Straße an der Wuhlheide gar nichts mehr. Weil die Zufahrt ab der Spindlersfelder Brücke, über die der Tross der Hansa-Anhänger zum Stadion geleitet wurde, gesperrt war, kam der Verkehr ab kurz vor zwölf Uhr vollständig zum Erliegen. Eine Maßnahme, die nicht bei allen im Stau stehenden auf Verständnis stieß.

Polizei stoppt Hansa-Chaoten

Dass sie notwendig war, zeigte sich fünf Minuten nach dem Abpfiff. Eine Handvoll Unverbesserlicher konnte es einfach nicht lassen und kletterte aus dem Hansa-Fanblock über den Zaun, übermannt vom Abstiegsfrust. Zudem flogen drei, vier abgerissene Sitzschalen auf den Rasen. Die Polizei hatte die Situation jedoch sofort unter Kontrolle, die Hansa-Chaoten, die den Sprung in den Innenraum geschafft hatten, wurden umgehend gestellt. In diesem Zusammenhang gebührt der Mehrheit der Union-Fans ein Lob: Als es die unvermeidlichen „Absteiger“- und „Hansa Dritte Liga“-Rufe aus dem Block der Union-Ultras gab, konterte die Mehrheit der Köpenicker Anhänger mit lauten Pfiffen. Sie hatten begriffen, dass es ob des Rostocker Abstiegs galt, jegliche Provokation zu vermeiden.

Vor der Partie hatte der Union-Anhang Gegengerade und Fanblock in eine rot-weiße Mega-Fahne gehüllt. Die gut 1500 Rostocker Fans demonstrierten mit Plakaten für den 9. Mai, jenem Datum, an dem die Bürgerschaft der Hansestadt einem Maßnahmenpaket zustimmen soll, der den FC Hansa vor der Insolvenz rettet. Die Stimmung in der Alten Försterei konnte kaum besser sein.

Es galt nur noch eine Frage zu klären: Wer waren die elf Mann, die in der ersten Viertelstunde der Partie das Union-Trikot trugen. Torsten Mattuschka, der Kapitän, versuchte sich an einer Antwort: „Keine Ahnung, da waren wohl wir im Tiefschlaf.“ Wer aufgrund der Sperrungen verspätet ins Stadion kam und nur aus der Ferne den Jubel hören konnte, der wurde überrascht. Nicht Union führte, nein, es war der Abstiegskandidat aus Rostock, der seine letzte Chance auf den Ligaverbleib leidenschaftlich nutzen wollte. Ex-Unioner Dominic Peitz (nach nur 23 Minuten mit einer Rippenverletzung ausgewechselt) hatte nach einem Eckball den Kopfball gewonnen, Silvios Abwehraktion fällt Matthias Holst vor die Beine, der zieht humorlos ab – 0:1 nach fünf Minuten. Tino Semmer erhöhte mit einem Schlenzer über Torwart Jan Glinker weitere fünf Minuten später sogar auf 0:2.

Spiel in zehn Minuten gedreht

Als nun auch endlich Union am Spiel teilnahm, war schnell klar: Beide Abwehrreihen hatten auf Wild-West-Modus geschaltet. Anders ist es kaum zu erklären, dass die Hausherren die Partie in nur zehn Minuten komplett drehten. Silvio drückt eine Kohlmann-Flanke über die Linie (17.), Parensen verlängert einen Mattuschka-Freistoß ins Tor (26.), Mattuschka verwandelt einen Foulelfmeter (Torwart Hahnel an Silvio) sicher (27.), Union führt 3:2.

Doch Rostock gab sich nie auf, glich durch Stephan Gusche aus (32.) und egalisierte auch die erneute Union-Führung durch Chinedu Ede (47.) dank Marek Mintal (54.). Erst Göhlerts Treffer brachte die Entscheidung – nachdem Chinedu Ede angeschossen wurde und der Abpraller vom Pfosten vor Göhlerts Füße sprang. Wenn man bedenkt, dass Rostock noch allerbeste Chancen zum Ausgleich liegen ließ (Mintal, Starke, Borg) und Unions Terodde ebenfalls alles gnadenlos versemmelte – die Partie hätte auch locker 7:7 ausgehen können. „Es war ein total verrücktes Spiel“, sagte Union-Trainer Uwe Neuhaus. Oder einfach nur: Wahnsinn.